Kultige Kneipen Nostalgie pur im Gasthaus am Markt in Rysum
Das „Gasthaus Am Markt“ in Rysum wird schon in dritter Generation von Dieter Schmidts Familie geführt. Doch der Gastwirt und seine Stammkunden machen sich Sorgen um die Zukunft der Kneipenkultur.
Rysum - Eins wird schnell deutlich im Gasthaus „Am Markt“ in Rysum: Hier wird Nostalgie großgeschrieben. Direkt an der Eingangstür wird man von einem alten Sparschrank begrüßt. Dort haben Kneipengäste früher regelmäßig kleine Beträge in Münzgeld eingezahlt, mit dem Ziel, den lokalen Verein finanziell zu unterstützen.
In der angrenzenden Gaststube steht eine Jukebox, gefüttert mit vielen Klassikern aus vergangener Zeit. Große Hits wie „Riders on the Storm“ von The Doors findet man dort, ebenso Musik von Janis Joplin, Uriah Heep oder Drafi Deutscher. Neben und über der Jukebox, und eigentlich im gesamten Gastraum, hängen Fotos an der Wand. Historische Fotos, von mehreren Generationen von Gästen und Inhabern. Aber auch Fotos, die das Gasthaus selbst in seinen Anfängen zeigen.
Das Gasthaus ist ein Familienunternehmen
Zentral am Marktplatz von Rysum gelegen, bekam das Gasthaus im Jahr 1901 seine Schankerlaubnis, so erzählt es Gastwirt Dieter Schmidt. Seitdem befindet es sich in Familienbesitz. Schmidt führt den Betrieb in der mittlerweile dritten Generation. Väterlicherseits komme er eigentlich aus einer Bäckerfamilie. „Mein Großvater und auch mein Vater waren Bäcker“, so Schmidt. Doch die Frauen der Familie fühlten sich eher der Gastwirtschaft zugehörig. Seine Oma hatte das Gasthaus damals übernommen, später wurde es von der Tante und dem Onkel von Schmidt geführt. Und nun steht Dieter Schmidt seit vielen Jahren schon selbst hinter dem Tresen im Gasthaus am Markt.
Schmidt fühlt sich sehr mit der Vorgeschichte des Gasthauses verbunden. In allen Ecken der Kneipe, an den Wänden, auf Regalen und hinter der Theke finden sich Erinnerungsstücke. Schmidt zeigt auf eine alte Kasse, die links neben der Theke einen Platz gefunden hat. „Das ist die alte Kasse aus der Bäckerei meiner Eltern in Visquard“, so Schmidt. „Die haben sie damals in 1962 bereits gebraucht gekauft.“ Und die Kasse ist nicht das einzige historische Erinnerungsstück im Gasthaus am Markt. Nostalgie zieht sich wie ein roter Faden durch die Gestaltung des Innenraums.
Jeder Geldschein hat eine Geschichte
Hinter der Theke fällt der Blick sofort auf eine große Ansammlung Geldscheine, in ordentlicher Aufreihung an die Schränke geheftet. „Nach den Scheinen fragen fast alle neuen Besucher“, sagt Schmidt. Sie machen ja auch ganz schön was her, die bunten Banknoten mit den Porträts von Mao Tse-tung, Che Guevara oder auch Queen Elizabeth. Die Sammlung begann vor rund 30 Jahren mit polnischen Arbeitern, die dem Leuchtturm in Pilsum damals einen neuen Anstrich verpasst haben. Sie hatten bei einem Besuch im Gasthaus von Schmidt einen Geldschein der eigenen Währung hinterlassen.
Und damit starteten sie eine neue Tradition in Rysum. Später kam zum Beispiel der Geldschein aus China hinzu, verziert mit dem Antlitz von Mao Tse Tung. Die 100-Yuan-Banknote wurde von einem Dolmetscher im Gasthaus in Rysum gelassen. „Der war zuvor mit einem Bauunternehmen in Shanghai“, erinnert sich Schmidt. Ein dänischer Geldschein kam von einem begnadeten Motorradfahrer, der bei einem Harley Davidson Treffen in Dänemark war. Mittlerweile reicht der Platz an den Schränken nicht mehr für alle hinterlassenen Geldscheine, einige muss Schmidt schon in einer Schublade lagern.
Friesengeist in der Friesenkneipe
Aber nicht alles in der Kneipe spielt sich in der Vergangenheit ab. Zwischen nostalgischen Schildern und Schwarz-Weiß-Fotos aus den 80er-Jahren hängt ein Schild mit dem aktuellen Passwort für das hauseigene WLAN. Man muss eben auch mit der Zeit gehen, das lockt neue Gäste an. Neben den Einheimischen kämen auch Touristen öfter im Gasthaus vorbei, so Schmidt. „Viele kommen auch für das Essen meiner Frau“, sagt er. Sie kocht für die Gäste, ihr Essen ist bei allen beliebt.
Aber wie es sich für eine traditionelle Kneipe gehört, kann man im Gasthaus am Markt vor allem eines gut machen: Trinken und reden. „Alle fahren auf den Friesengeist ab“, so Schmidt. Auch die traditionelle Sienbohnensopp steht auf der Getränkekarte des Gasthauses. Der Branntwein mit Rosinen wurde früher nur getrunken, wenn im Ort ein Kind geboren wurde. Oder wenn die Kirmes stattfand. Dann war immer richtig was los im Dorf und auch in der Kneipe, erinnert sich Schmidt.
Nicht nur die Dekoration in der urigen Kneipe ist von Themen der Vergangenheit und Nostalgie geprägt. Auch die Gespräche der Gäste selbst drehen sich oft um alte Zeiten, um Veränderungen.
Die Kneipenkultur stirbt aus
Es gab auch mal eine Zeit, in der die Gäste in drei Reihen vor der Theke saßen. Sie haben dort auf dem Tresen geknobelt. „Wir mussten schon die Tische abschleifen, weil da so tiefe Kerben drin waren“, so Schmidt. Die Kerben kamen aber schnell wieder. Auch gab es damals zwei Skattische in einer hinteren Ecke des Gastraums, dort, wo auch heute noch die Stammkunden sitzen. Jetzt steht allerdings nur noch ein Tisch, die Skatspieler wurden über die Jahre immer weniger. Allgemein wird das Publikum in den Kneipen weniger, das stellt auch Wirt Schmidt fest. „Es macht noch Spaß, aber in der Kneipenkultur hat sich viel verändert.“
Schmidt zählt fünf Stammkunden, die jeden Donnerstag und Sonntag in die Kneipe kommen. Offiziell schließt diese um neun. Die meisten blieben länger, berichtet Schmidt. Einer von ihnen ist Helmut Matschke. Der ehemalige Versicherungskaufmann kommt seit langer Zeit in die Kneipe. Früher wohnte er in Rysum, wuchs mit der Stammkneipe auf. „Vor 45 Jahren bin ich nach Moormerland gezogen. Aber nirgendwo ist es so schön wie hier.“ In Moormerland gebe es keine Kneipen mehr, so Matschke. Er sorgt sich um die Zukunft der Kneipenkultur. „Heute sind alle Heimtrinker.“
„Wir halten durch“
Als Matschke anfing, zu Schmidt in die Kneipe zu gehen, sei es noch normal gewesen, für ein Feierabendbier vorbeizukommen. Oder auch zwei. „Manche sind auch für länger versackt.“ Das sei heute ganz anders, sagt Matschke. „Die Kneipenkultur stirbt aus und das macht mich traurig.“
Viele junge Leute kämen tatsächlich nicht dazu, bestätigt auch Gastwirt Schmidt. Den Grund dafür sieht er vor allem in dem veränderten Ausgehverhalten heutzutage. „Die gehen ja teilweise überhaupt erst um ein Uhr los. Das ist mir dann schon zu spät.“ Auch Schmidt selbst war natürlich mal jung und bis nachts unterwegs. „Aber dann war es auch Gang und Gebe, vorher schon mal einen Abstecher in die Kneipe zu machen, bevor es weiter in die Disko ging.“ Das sei heute anders. Viele jungen Leute blieben bis dahin zu Hause. Wie es in der Zukunft mal mit der Kneipenkultur aussieht, ist noch offen. Aber seine Stammkunden bleiben Schmidt treu. „Wir halten durch“, so Matschke.