Manila  Sünde qua Identität? Wo eine Transfrau Priesterin werden darf

Felix Lill
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Von Felix Lill
| 24.03.2024 19:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine Transfrau als Diakonin: ein Novum. Foto: Felix Lill
Eine Transfrau als Diakonin: ein Novum. Foto: Felix Lill
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Die Philippinen sind ein streng katholisches Land. Eine alternative Kirche aber will mit der konservativen Dominanz Schluss machen. Sie macht eine Transfrau – die nach typischer katholischer Auffassung schon durch ihre Identität sündigt – zur Geistlichen.

Wowa Ledama ist ganz aufgeregt, wenn sie von ihrer Taufe erzählt: „Ich konnte nicht glauben, dass ich das wirklich tat. Ich hab‘ gezittert, dass ich die erste war.“ Eine ganze Woche hatte sie ihren Auftritt geprobt. Als es geschafft war, kam ein Elternteil zu ihr und strahlte vor Lob. Ledama war erleichtert.

Denn bei diesem Termin vor einem Jahr war nicht sie selbst diejenige, die getauft wurde, sondern ein Kleinkind aus der Stadt Buug im Süden der Philippinen. Dort ist Wowa Ledama seit Februar 2023 Diakonin, ist also auf dem Weg ins Amt der Priesterin – und zwar einer, die es noch nie gegeben hat.

Die 29-jährige ist Transfrau. Im südostasiatischen 114-Millionenland, und womöglich auf der ganzen Welt, ist Ledama damit eine Art Pfadfinderin: Denn was Genderdiversität angeht, haben sich christliche Institutionen bisher kaum als fortschrittlich hervorgetan. Wowa Ledama aber will Narrative ändern.

„Ich verarbeite diese Frage für mich selbst noch: Warum sollte ich Priesterin sein, wenn das Christentum so homophob ist? Wenn ich übliche Interpretationen der Bibel ansehe, dann sehe ich, dass alle homosexuellen und queeren Personen Sünder sein sollen.“ Jede Person könne eine Anführerin sein, sagt sie: „Egal welche Genderidentität, solange sie moralisches Handeln vorlebt und vergeben kann.“

Ledama gehört zur Iglesia Filipina Independiente (IFI), einer Kirche, die sich 1902 gründete – mit dem Ziel, ein spirituelles und politisches Gegengewicht zum spanischen Kolonialerbe und der damit verbundenen Römisch-Katholischen Kirche herzustellen. Die IFI – auf Deutsch: Philippinische Unabhängigkeitskirche – wollte Schluss machen mit dem Missbrauch durch die damals einzige etablierte Kirche im Land.

Aus der im Vatikan ansässigen Römisch-Katholischen Kirche wurde die IFI „Synagoge Satans“ genannt. Sie wuchs trotzdem, zählt heute 640.000 Mitglieder. Und dass die IFI fortschrittlich ist, erkennt man heute auch unter römisch-katholischen Dächern an.

Flavie Villanueva, Pfarrer in Manila, sagt: „Sie waren in Zeiten der Revolution und Unabhängigkeit ganz vorne mit dabei. Es überrascht mich auch nicht, dass sie nun so einen mutigen, radikalen Schritt machen.“

Mit dem „mutigen, radikalen“ Schritt meint Villanueva, dass in der Unabhängigkeitskirche seit 2018 auch Transpersonen Geistliche werden können. Damals machten deren führenden Geistliche ein Statement, das im gesamten Christentum Vorbildrolle haben könnte:

„Wir glauben, dass die Kirche auf ihrem Weg zu einer gerechten und friedlichen Welt auf offene Weise alle als die Menschen Gottes einschließen muss, mit allen Geschlechtern, sexuellen Orientierungen, Genderidentitäten und -ausdrücken.“

Weltweit würde eine Transperson als geistliche Aufsehen erregen. Und in den Philippinen? Hier ist die mächtige Römisch-Katholische Kirche, der 80 Prozent der Bevölkerung angehören, ein wichtiger Grund, warum nicht nur Homo-Ehen verboten bleiben, sondern auch Scheidungen.

Zur Priesterweihe sagt Pfarrer Villanueva: „Wenn man die katholische Lehre betrachtet, dann hat Gott Mann und Frau geschaffen.“ Wenn jetzt jemand eine Transperson ist, dann heiße man sie zwar willkommen. Aber eine Transperson als Pastorin? „Das käme schon Spott gegenüber dieser heiligen Tätigkeit nahe.“

Dabei schaffen es Transpersonen hier öfter in exponierte Positionen: Sie sind Parlamentsabgeordnete, Unternehmer, Juristen und Bankmanagerinnen. Wowa Ledama sagt stolz: „In den Philippinen ist es einfacher als anderswo, Trans zu sein. Ich wurde von meiner Großmutter erzogen, sie förderte das Weibliche in mir.“

Im Pflegestudium trug sie ihre Haare lang, legte Frauenkleidung an. „Ich wurde respektiert.“ Hintergrund ist ein präkoloniales Geschlechterverständnis, das weniger binär denkt als auf einem Kontinuum. Die Zweiteilung in Mann und Frau kam mit Kolonialismus und Katholizismus.

Wowa Ledama schlug den Weg in den Klerus ein, als sie nach dem Beschluss von 2017 durch einen Geistlichen der IFI angesprochen wurde. Die gläubige Frau überlegte nicht lang – und besuchte bei nächster Gelegenheit das Priesterinnenseminar.

Wobei sie dort auch erfahren musste, dass selbst in ihrer fortschrittlicheren Kirche einige Strukturen altmodisch sind: „Im Seminar musste ich in ein Zimmer für Männer, die Einteilungen sind binär. Aber die größte Enttäuschung war, dass ich sexuell belästigt wurde.“ Und als sie den Fall meldete, sei nichts passiert.

Expertinnen wundert das nicht. Fragt man etwa Brenda Alegre, die an der University of Hongkong Genderstudien lehrt, herrscht in den Philippinen auch heute noch in vielerlei Hinsicht Transphobie: „Transpersonen werden leider regelmäßig diskriminiert: auf dem Arbeitsmarkt, in der Öffentlichkeit und sogar im Hinblick auf ihre körperliche Unversehrtheit.“ Auch in jüngsten Jahren gab es immer wieder Morde an Transpersonen.

So will auch Wowa Ledama ihre Angelegenheit nicht fallenlassen. Umso mehr betont sie in Predigten Gerechtigkeit. „Oft spreche ich von der Wichtigkeit, dass wir endlich ein Gesetz verabschieden, das Menschen gegen Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung oder Genderidentität schützt.“

Es gebe viele biblische Verse, die sich dazu vorlesen lassen, findet Wowa Ledama. Das wichtigste christliche Prinzip dahinter sei die Nächstenliebe.

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