Und plötzlich Ostfriesen Leipzig – die Buchmesse zum Anfassen und Mitmachen
Die Buchmesse Leipzig ist fünfeinhalb Stunden Bahnfahrt von Ostfriesland entfernt. Unsere Reporterin Karin Lüppen war da. Das hat sie erlebt.
Leipzig - Warum fahren so viele Leute auf eine Buchmesse, drängen sich durch volle Hallen und stellen sich geduldig in eine lange Warteschlange? Bücher liest man doch still daheim im Zimmer, oder nicht? „Who's still reading?“, ist die Leipziger Buchmesse in diesem Jahr betitelt, „Wer liest immer noch?“
Es müssen sehr viele Menschen noch lesen. Zur Halbzeit am Freitag waren es schon 88.000 Besucher, meldet die Messe. Ich war an zwei Tagen dabei, aus beruflichem wie privatem Interesse. War am Freitag entspanntes Schlendern und Stöbern noch möglich, am Sonnabend wurde schon die Anfahrt mit der Straßenbahn zum Massenhappening.
Mehr Programm als zu schaffen ist
Aber Buchlesende und Cosplayer in ihren aufwendigen Kostümen sind gesellig und gut gelaunt: Wildfremde tauschen ihre Anekdoten aus früheren Jahren aus. Aus Ostfriesland nach Leipzig zu kommen, ist denkbar einfach: Der IC der Deutschen Bahn bietet eine Direktverbindung mit Ausstieg am Messebahnhof. In fünf bis sechs Stunden ist man da.
Natürlich habe ich mir Veranstaltungen und Stände vorgemerkt und natürlich schaffe ich nicht alles. Die Leipziger Buchmesse bietet so viele Gelegenheiten, Autoren zuzuhören oder sich Bücher von ihnen signieren zu lassen. Das Programm geht am Abend weiter, dann gibt es zahlreiche Lesungen in der Innenstadt.
KI ist großes Thema im Buchmarkt
Das Buch von heute wird – anders als unsere Zeitung – vor allem gedruckt gelesen. Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz? Diese Frage beschäftigt mich schon als Journalistin, aber ebenso als Autorin. Ich habe zwei Bücher veröffentlicht und bin Mitglied im Selfpublisher-Verband. Deshalb höre ich mir eine Diskussion zu dem Thema an, die der Verband anbietet. Ich stelle fest: Schriftsteller haben die gleichen Fragen, nämlich: Was kann KI, was nützt mir KI und ab wann würde KI meine Arbeit überflüssig machen?
„KI geht nicht mehr weg“, stellt Autorin und Selfpublisherin Monika Pfundmeyer fest. Sie setzt die neue Technik beim Schreiben ein. Wie viele Journalisten übrigens auch. Iris Kirberg vom Dienstleister BoD, über den Autoren ihre Bücher eigenverantwortlich veröffentlichen können, sieht Vorteile durch KI bei Vermarktung oder Strukturierung der Schreibarbeit. Aber beide kritisieren, dass KI wie Chat GPT mit Texten angefüttert werden, die von Autoren und Journalisten verfasst wurden. „Diese Arbeit wird unbezahlt abgesaugt“, ärgert sich Pfundmeyer. Sie fordert eine gesetzliche Regelung zum Schutz der Autoren.
Ein Autogramm, bitte
Sieht man in den Messehallen lange Warteschlangen, dann ist an deren Ende ziemlich sicher ein Schreibtisch, an dem beliebte Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre Werke oder Autogrammkarten signieren. Wer Zeit investiert, kann eine bunte Sammlung anlegen. Am Sonnabend stoße ich auf eine sehr lange Reihe Menschen, aber da ist gar kein Promi am Ende, sondern ausgerechnet der Kaffeetresen, an dem ich mich gerade mit einem Heißgetränk versorgen wollte.
Die Preise für Essen und Trinken bewegen sich noch im Rahmen, wie überhaupt Leipzig im Vergleich zur Frankfurter Buchmesse in allem besucherfreundlicher ausfällt.
Mittags stehen für mich zwei Stunden Mitarbeit beim Selfpublisher-Verband auf dem Plan. Eine tolle Gelegenheit, mit Besuchern zu sprechen. Ein junger Mann, vielleicht 16 oder 17 Jahre alt, braucht Tipps für das Veröffentlichen von Lyrik. Ein schwieriges Genre, aber ich versuche, ihm Mut zu machen. Stark, wenn man in dem Alter so entschlossen ist. Am Stand des Verbands präsentieren freie, verlagsunabhängige Autorinnen und Autoren ihre Bücher. Das Interesse der Besucher ist groß, vor allem an Fantasy und Romance (im weiteren Sinne Liebesgeschichten).
Nackter Mann steigert die Nachfrage
Dazu passt, dass eine erfolgreiche Autorin bei einer Diskussion verrät, dass online vor allem elektronische Bücher gut laufen, auf deren Titelbild Männer mit nacktem Oberkörper zu sehen sind. In den Auslagen der Buchhandlungen gehe das – noch – nicht. Während ich noch bei meinem Standdienst bin, taucht unerwartet die Heimat nebenan auf: Klaus-Peter Wolf stellt dort seinen neuen Krimi „Ostfriesenhass“ vor.
Es ist nicht die einzige urplötzliche Begegnung mit Ostfriesland. Bei einer Veranstaltung für Autoren treffe ich eine Frau, mit der ich früher beruflich oft zu tun hatte. Beide sind wir erstaunt, dass wir abseits unseres Jobs ein verbindendes Interesse haben. Dann schaue ich mir Bücher aus den Niederlanden an, denn mit Belgien ist es das Partnerland der diesjährigen Buchmesse. Ui, ein sehr erfolgreicher Krimiautor (der Klaus-Peter Wolf der Niederlande?) lässt einen seiner Romane auf Borkum spielen. Aber lesen würde ich das nicht, denn schon der Klappentext verrät böse Recherchemängel: Ein prominenter deutscher Wattwanderer will zu Fuß nach Borkum. Kein Wunder, dass das tödlich endet.
Die Messe endet für mich mit vielen Eindrücken und neuen Kenntnissen. Bücher habe ich auch gekauft, leider ohne Autogramm. Ein Autor war zwar da, aber ich habe ihn verpasst.