München Alfred Hettmer: Diese drei „Aktenzeichen XY“-Fälle beschäftigen mich bis heute
„Aktenzeichen XY“ läuft in diesen Tagen zum 600. Mal. Zu den prägenden Gesichtern der Sendung gehört Kriminalhauptkommissar Alfred Hettmer. Im Interview erzählt er aus der Zeit mit Eduard Zimmermann, schildert seine bewegendsten Fälle und verrät, wie er selbst einmal Opfer von Betrügern wurde.
Seit 1986 gehört Alfred Hettmer vom LKA München zum Team von „Aktenzeichen XY“. Wenn am 27. März 2024 die 600. Ausgabe der ZDF-Sendung läuft, wird der ehemalige Kommissar nicht mehr zu sehen sein. Seinen Dienst vor der Kamera hat er vor einigen Monaten beendet. Im Interview blickt er auf beinahe vier Jahrzehnte Öffentlichkeitsfahndung zurück.
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Frage: Herr Hettmer, vor der Kamera sind Sie bei „Aktenzeichen XY“ nicht mehr zu sehen. Sind Sie hinter den Kulissen noch dabei?
Antwort: Bei drei bis vier Sendungen im Jahr bin ich noch dabei; unter anderem war ich bei der Februar-Ausgabe mit der RAF-Fahndung im Studio. Aber ich bleibe im Hintergrund. Mit fast 69 Jahren wollte ich den Part an die Kolleginnen und Kollegen übergeben. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, „dass man mich von der Bühne runtertragen muss“. Aus dem aktiven Polizeidienst bin ich schon 2017 ausgeschieden.
Frage: Was genau passiert denn hinter den Kulissen?
Antwort: Während der Sendung unterstütze ich das Hinweis-Team und nehme Anrufe entgegen. In der Nacht müssen dann alle Hinweise zusammengeführt werden; das passiert nach der Wiederholungssendung auf ZDFneo, so gegen 0.45 Uhr. Dann bereiten wir die Informationen so auf, dass die ermittelnden Dienststellen darauf zugreifen und sich alles noch mal anhören können.
Frage: Auf wie viele Jahre „Aktenzeichen“ blicken Sie jetzt zurück?
Antwort: Ich bin 1986 zum Hinweis-Team gestoßen. Zur Jahrtausendwende habe ich das Ganze federführend übernommen. Für die Bilanz des Hinweisaufkommens am Ende der Sendung war ich ab 2003 dann auch vor der Kamera zu sehen.
Frage: Also haben Sie noch gute zehn Jahre mit Eduard Zimmermann gearbeitet, dann mit seiner Tochter und Nachfolgerin Sabine und zuletzt mit Rudi Cerne. Hat sich in dieser Zeit etwas grundlegend geändert?
Antwort: Das Grundformat besteht seit 1967 und hat sich vom Prinzip her nicht verändert – abgesehen von den technischen Rahmenbedingungen. Die Sendung war auch schon immer live. Aber zu Zeiten von Eduard Zimmermann war es eher so, dass man nicht nur die Filmbeiträge, sondern auch die Interviews mit den Ermittlern hat aufzeichnen lassen. Rudi Cerne kam vom Sportstudio; da war er Live-Gespräche gewohnt und hat das auch für „Aktenzeichen XY“ übernommen.
Frage: Manch ein aufgeregter Ermittler wäre vielleicht froh, wenn er nicht live wäre und seine Verhaspler korrigieren könnte.
Antwort: Es ist fast andersrum. Ich habe es unter Eduard Zimmermann live erleben dürfen. Damals wollte man Versprecher nicht haben. Deshalb wurden manche Gespräche auch mehrmals aufgezeichnet. Die Aufregung wird dabei eher schlimmer. Zum Schluss wurden manchmal sogar einzelne Wörter rausgeschnitten und neu eingefügt – bloß, damit dieses Interview sauber und frei von Versprechern war. Rudi Cerne hat dann gesagt: Live ist live, da gibt es zwar Versprecher, das Gespräch kommt aber auch authentischer rüber. Und es gibt ja auch Proben. Da merkt Rudi Cerne, wenn ein Ermittler besonders nervös ist und führt ihn dann wieder auf den richtigen Weg.
Frage: Zu Ihren Auftritten gehörte das Ringen um mehr Hinweise. Rudi Cerne versucht, möglichst viele Details zu den Anrufen aus Ihnen rauzuholen; sie treten auf die Bremse. War das ein Show-Effekt oder wollte er wirklich immer mehr?
Antwort: Während der Sendung hatten wir kaum Gelegenheit, uns abzusprechen. Beim letzten Filmbeitrag konnte ich ihm kurz mitteilen, über welche Fälle ich in der Schlussabfrage berichten werde. Für Details reicht die Zeit nicht; von daher waren die Nachfragen immer echt. Wir wissen, dass ein großes Zuschauerinteresse an diesen Informationen besteht. Aber oberste Priorität ist es, Straftaten aufzuklären. Deshalb muss man sehr aufpassen, damit ein Fahndungserfolg oder die Aufklärung eines Verbrechens nicht gefährdet wird. Im Hintergrund habe ich meistens viel mehr gewusst, als ich sagen konnte.
Frage: Können Sie am Beispiel erklären, welche Information dann die eine zu viel wäre?
Antwort: Oft haben die Ermittler eine gewisse Vorstellung vom Ablauf der Tat, die nur der Täter bestätigen kann. Wenn nun ein Hinweis genau diese These stützt, dürfen Sie ihn nicht ansprechen – sonst geben Sie möglicherweise Täterwissen preis. Und wenn mehrere Anrufer einen gesuchten Straftäter zum Beispiel im Spanienurlaub gesehen haben, wo der vielleicht als Kellner in einer Bar arbeitet – dann konnte ich das aus besagten Gründen natürlich auch nicht preisgeben.
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Frage: Wie wird die Sendung von den Verbrechern selbst wahrgenommen? Die lesen ja auch in der Lokalpresse, dass ihr Fall im Fernsehen thematisiert wird. Ist das vielleicht sogar erwünscht, damit der Täter sich unter dem Druck stellt?
Antwort: Wir wissen natürlich, dass die Täter sich die Sendung anschauen – zumindest diejenigen, die keine Profis sind. Die Profis interessiert das nicht. Es gibt auch Fälle, da hat sich der Täter schon vor der Sendung selbst oder über seinen Anwalt gestellt. Der Grund war da die Scham: Der Täter wollte nicht, dass Freunde und Angehörige über die Sendung erfahren, was er getan hat.
Frage: Muss die Sendung dann umgeplant werden? Was macht das ZDF, wenn auf einmal 15 Minuten Programm fehlen?
Antwort: Das passiert manchmal nur bei den Studiofahndungen und nicht bei den Filmbeiträgen, wo wir nach unbekannten Tätern suchen. Eine Studiofahndung kann man im Verlauf der Sendung ausgleichen, möglicherweise auch durch eine neue Studiofahndung ersetzen. Und wenn wirklich einmal ein Filmbeitrag vor der Ausstrahlung aufgeklärt wird, kann man möglicherweise noch eine Präventionsgeschichte daraus machen.
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Frage: Welcher ungelöste Fall geht Ihnen bis heute nach?
Antwort: Es gibt für mich nicht den einen Fall. Ein ungelöster Fall, der mehrmals in der Sendung war, ist der von Maria Bögerl. Sie war eine Bankiersfrau aus Heidenheim, die 2010 entführt und später tot aufgefunden wurde. Ihre Familie – Tochter, Sohn und Ehemann – haben sich übers Fernsehen mit einem Appell an die Entführer gewandt. Zwischenzeitig gerieten die Kinder durch unglückliche Umstände dann zu Unrecht selbst unter Verdacht. Und rund ein Jahr nach der Entführung hat der Ehemann sich das Leben genommen. Dieser Fall enthält so viel Tragik, dass man es sich kaum vorstellen kann. Und es ist zweifelhaft, ob er sich je wird aufklären lassen.
Frage: Gibt es auch einen bemerkenswerten Fahndungserfolg?
Antwort: Einer ist sicher der Fall Lolita Brieger. 1982 ist die 18-Jährige verschwunden; die Polizei hat recht bald erkannt, dass es ein Tötungsdelikt sein müsse – es gab aber keine Leiche. Die Vermutung war, dass es einen Mitwisser geben musste, der beim Beseitigen der Leiche geholfen hat. 29 Jahre nach dieser Tat haben wir den Fall in der Sendung vorgestellt. Damals habe ich selbst den Anruf einer Frau entgegengenommen, die Hinweise auf einen Mitwisser des Verbrechens geben konnte.
Frage: Und dann?
Antwort: Jetzt konnte die Polizei Druck aufbauen und tatsächlich gab der Mann zu, damals bei der Beseitigung der Leiche geholfen zu haben. Er und sein Freund hatten die Leiche der Lolita Brieger auf einer Müllhalde begraben. Die wurde dann abgetragen, und tatsächlich hat man hier nach 29 Jahren noch die sterblichen Überreste und sogar Kleidungsstücke gefunden. Der Mitwisser war inzwischen ohnehin straffrei und auch dem Täter konnte man kein Mordmerkmal mehr nachweisen. Also war es ein Totschlag und der war verjährt. Das Schlimme: Die Mutter von Lolita Brieger hatte 29 Jahre von ihrem Haus auf diesen Müllberg geblickt und wusste nicht, dass ihre Tochter hier liegt. Zumindest hat sie die Aufklärung aber noch erlebt, sodass sie ihre Tochter beisetzen und abschließen konnte.
Frage: Diese Volltreffer bei den Anrufen sind sicher selten. Viel häufiger dürften die Betroffenheitsbekundungen von Leuten sein, die gar nichts zum Fall beitragen. Verstopfen die Ihre Leitungen?
Antwort: Man muss das von zwei Seiten betrachten: Ältere Opfer, Kinder, Sexualstraftaten lösen starke Emotionen aus. Natürlich melden sich Zuschauer und lassen ihren Gedanken freien Lauf. Je nachdem, wie hoch das Anrufaufkommen ist, sprechen wir dann ein paar Sekunden länger oder kürzer. Positiv ist, dass immer wieder Menschen dabei sind, die dann zum Beispiel die Belohnung erhöhen. Es gab auch Fälle, bei denen die Opfer nach der Tat Schwierigkeiten hatten, das eigene Leben zu gestalten. Und auch da gibt es Anrufe, bei denen die Leute Hilfe anbieten.
Frage: Im vergangenen Jahr hat die Dokumentarfilmerin Regina Schilling der Sendung einen falschen Blick auf Sexualstraftaten vorgeworfen: Weil Fälle mit fremden Tätern überbetont seien, würden Frauen in den häuslichen Bereich gedrängt – wo in Wahrheit die meisten Taten geschehen. Danach hat Rudi Cerne diesen Gedanken in seine Moderation aufgenommen. Wie wurde das in der Redaktion diskutiert?
Antwort: In diese Diskussion sind wir als Polizei nicht involviert. Die Darstellung der Filmfälle unterliegt der Redaktion und der Produktion. Da wird man sicherlich darüber diskutieren. Das gilt allgemein für die Darstellbarkeit von Gewalt: Wo ist die Grenze? Ab und zu ist es vielleicht sogar wichtig, ein bisschen mehr zu zeigen. Weil das eine Betroffenheit erzeugt, die wir für die Fahndung brauchen.
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Frage: Können Sie das am Beispiel festmachen?
Antwort: Ich denke an den Fall Mark Herbert. Das war ein junger Kerl aus Offenbach, der nach einem Fußballspiel mit seinen Kumpels feiern war. Dann ist er auf einen Turm gegangen, wo er mit einer fremden Person grundlos in Streit geraten ist. Und dieser Mann hat den Mark Herbert so brutal zusammengeschlagen, dass er seitdem vom Hals abwärts gelähmt ist. Er selbst konnte sich an nichts erinnern; es gab aber anonyme Hinweise auf den Täter. Nur war niemand von den Zeugen bereit, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Die Polizei wusste: Es gibt diesen gewaltbereiten Mensch, der jederzeit wieder zuschlagen kann.
Frage: Was hat „Aktenzeichen XY“ verändert?
Antwort: Drei Jahre nach der Tat hat man den Fall bei „Aktenzeichen XY“ vorgestellt – und der Ermittler hat noch einmal ganz explizit geschildert, was passiert ist. Und erst dann war die Bereitschaft der Zeuginnen da, die Polizei zu unterstützen. Der mutmaßliche Täter konnte ein paar Tage später festgenommen werden. Bemerkenswert sind noch zwei Punkte: Die Richterin ist über das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmaß (neun Jahre Haft) hinausgegangen und hat den Mann zu elf Jahren Haft verurteilt. Das sagt etwas über die Brutalität dieser Tat aus. Bei den Zuschauern hat der Fall große Anteilnahme hervorgerufen. Bestürzte Zuschauer haben die Belohnungssumme um einen fünfstelligen Betrag erhöht. Möglicherweise hat die Sendungsdramaturgie starke Emotionen ausgelöst, die zu dieser Entwicklung geführt haben.
Frage: Wie haben Kollegen auf Ihre Tätigkeit im Fernsehen reagiert? Und wie die Verbrecher? Als TV-bekanntes Gesicht waren Sie als Beschatter ja nicht mehr zu gebrauchen.
Antwort: Die Kollegen haben das immer unterstützt. Nach der Sendung standen Sie bei mir und wollten noch ein bisschen mehr über die Fälle erfahren. Für meine Tätigkeit beim Bayerischen Landeskriminalamt war mein TV-bekanntes Gesicht kein Problem. Das spielte zu diesem Zeitpunkt keine Rolle.
Frage: Welche Abwägung geht der Entscheidung voraus, ob ein Fall überhaupt im Fernsehen thematisiert wird?
Antwort: Das ZDF und die Strafverfolgungsbehörden haben sich bereits zur ersten Sendung intensiv mit diesem Thema beschäftigt und Grundsätze gefasst, die von den Justizministern des Bundes und der Länder durch eine Verfügung bestätigt wurden. Diese Verfügung bildet bis heute die wesentliche rechtliche Grundlage für eine Fahndung bei „Aktenzeichen XY“. Die Sendung greift aber auch immer wieder den Präventionsgedanken auf. In der Spezialsendung „Vorsicht Betrug“ werden aktuelle Betrugsmaschen gezeigt und erklärt, wie diese funktionieren. Mit entsprechenden Verhaltenstipps will man den Zuschauer darüber informieren, wie er sich davor schützen kann.
Frage: Sind Sie als Profi, der alle Betrugsmaschen kennt, eigentlich selbst schon mal Opfer irgendeiner Straftat geworden – und sei es ein Taschendiebstahl?
Antwort: Ein Diebstahl ist mir noch nicht passiert. Aber ich bin tatsächlich einmal im Internet auf einen Betrüger reingefallen. Ich wollte für meine Frau ein kleines Weihnachtsgeschenk kaufen, einen Anhänger für den Hals. Da bin ich auf die Seite des Anbieters gegangen, ein Markenhersteller, bei dem wir schon mehrfach gekauft hatten. Da habe ich ein Sonderangebot entdeckt und dachte: Super, das bestellst du gleich. Angekommen ist dann ein paar Tage später ein primitives Produkt, das keine zehn Cent wert war. Bezahlt hatte ich wohl um die 80 Euro.
Frage: Was war passiert?
Antwort: Ich habe natürlich sofort gewusst, was hier Sache ist, und habe Kontakt mit dem Hersteller aufgenommen. Der konnte mir bestätigen, was dann auch durch die Presse gegangen ist: Die Firma war ein Opfer von Fake-Profilen geworden, über die Ramsch vertrieben wurde. Das Geld habe ich über meinen Kreditkarten-Anbieter wiederbekommen. Ein Schaden ist mir nicht entstanden; ich habe aber selbst die Erfahrung gemacht, wie leicht man selbst mich an der Nase herumführen kann.
Sendetermin: „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ läuft am Mittwoch, 27. März 2024, um 20.15 Uhr zum 600. Mal im ZDF