Norden  Klaus-Peter Wolf: „Mädchenhandel war ein ganz legales Geschäft“

Michael Hengehold
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Von Michael Hengehold
| 22.03.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 12 Minuten
Ostfriesenkrimi-Autor Klaus-Peter Wolf ist 70 geworden. Nach wie vor veröffentlicht er im Schnitt mehr als ein Buch pro Jahr. Foto: dpa/Sina Schuldt
Ostfriesenkrimi-Autor Klaus-Peter Wolf ist 70 geworden. Nach wie vor veröffentlicht er im Schnitt mehr als ein Buch pro Jahr. Foto: dpa/Sina Schuldt
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Heute ist Klaus-Peter Wolf ein Bestsellerautor. Als junger Mann aber hatte er 1,5 Millionen Euro Schulden, hat mit Rockern abgehangen, geklaut und sogar mal einen Automaten aufgebrochen, weil er Geld brauchte. Im Interview spricht er darüber und vieles andere ganz offen.

In seiner Heimatstadt Norden, nur zehn Kilometer von der Nordsee entfernt, sitzt Wolf Anfang Februar vergnügt auf dem Sofa. Bei einer Tasse Wohlfühltee, ein Fangeschenk, haut er eine Geschichte nach der anderen raus. 

Frage: Herr Wolf, es ist ganz einfach, Ihre Wohnanschrift in Erfahrung zu bringen. Jetzt komme ich hier an und stelle fest, es campieren keine Groupies im Garten. Ist noch nicht Saison?

Antwort: Kann man so sagen. Karneval beginnt die Saison und hält den Sommer über an. Als ich den ersten Roman schrieb, „Ostfriesenkiller“, habe ich gedacht: Mach nicht die Fehler, die viele Kollegen machen, dass du Dinge beschreibst, von denen du keine Ahnung hast. Da geht einer nach links zur Toilette und drei Bücher weiter nach rechts. Ich dachte: Die Kommissarin wohnt in deinem Haus. Ich weiß nämlich, wo bei mir die Toilette ist. Und als der Roman fertig war, wohnte die Kommissarin im Distelkamp Nummer 11.

Frage: Wie fand Ihre Frau das?

Antwort: Bettina sagte: Bist du verrückt? Die Touristen werden mit Bussen kommen und vor der Tür stehen. Mach das nicht! Dann habe ich gesagt, okay, ich nehme die Hausnummer von unserem Nachbarn. Der war auch nicht einverstanden. Dann habe ich die 13 genommen, die gibt es nicht. Und nun kommen Touristen, meistens mit Fahrrad, und sehen, dass es die 13 nicht gibt, klingeln bei Nummer 11, um zu fragen, wo die 13 ist. Und erschrecken sich, wenn ich die Tür aufmache.

Frage: Wie oft stehen fremde Leute vor der Tür?

Antwort: Das reduziert sich von selbst, weil man weiß, dass man mich am besten in meinem Lieblingscafé trifft. Das kommt in all meinen Büchern vor. Ich frühstücke bei ten Cate und esse da im Sommer immer Erdbeertorte. Wenn ich draußen sitze, bilden sich manchmal Schlangen bis zur Apotheke. Dann signiere ich, mache Selfies und so. Zuhause respektieren die aber, dass ich schreiben will. Ich sehe nur, wie sie mit den Fahrrädern vorbeifahren und gucken: Da wohnt der.

Frage: Schreiben Sie auch im öffentlichen Raum?

Antwort: Gerne in Zügen. Mit dem Wort Kaffeehaus-Schriftsteller kann ich viel anfangen. Ich sitze auf langen Lesereisen gerne in Cafés und schreibe. Wird aber zunehmend schwieriger, weil immer mehr Menschen kommen, die mit mir sprechen wollen, was ich auch sehr gerne mache. Deswegen schreibe ich jetzt mehr in Hotelzimmern.

Frage: Wie schnell sind Sie danach wieder im Stoff?

Antwort: Ich steige nie aus. Auch jetzt während unseres Gesprächs. Deswegen laufe ich manchmal so verblödet rum. 70, 80 Prozent meiner Gehirnkapazität sind mit dem Roman beschäftigt. Mit dem Rest versuche ich, den Alltag zu regeln.

Frage: Im Januar ist der 18. Band der Ostfriesenkrimi-Reihe erschienen, „Ostfriesenhass“. Was haben Sie diesmal gelernt?

Antwort: Ich habe mich sehr damit auseinandergesetzt, dass das Verbrechen oft ein intellektueller Irrtum ist. Und, als ich in den Figuren war, wie schnell man in Verschwörungstheorien gerät, sich verstrickt und nicht mehr rausgucken kann.

Frage: Müssen Sie sich in Sachen Humor zurückhalten, damit es nicht zu lustig wird?

Antwort: Ja. Ich bin ein ganz fröhlicher Mensch, mir fallen immer witzige Dialoge ein. Ich liebe es, die zu schreiben. Aber ich achte darauf, dass meine Bücher eine Achterbahnfahrt der Gefühle sind. Dass sich gruselige Szenen in Humor und Lachen auflösen und man auch angerührt sein kann.

Frage: Was ist das Wichtigste, wenn man Charaktere erschafft?

Antwort: Ich muss über meine Charaktere wissen, was ihre größte Sehnsucht ist und ihre größte Angst. Dazwischen bewegt sich ein Mensch. Manchmal fällt beides auf einen Punkt. Das ist die interessanteste Figur für mich. Viele Figuren meiner Bücher gibt es wirklich. Die heißen so wie in den Büchern, die sind so, die reden so, die denken so, das sind Freunde von mir. Einige von ihnen sind inzwischen sehr bekannt. Jörg Tapper, der Konditormeister, signiert mittlerweile Brötchentüten. Mit Maurermeister Peter Grendel lassen sich Touristen auf der Baustelle fotografieren. Meine Frau Bettina Göschl spielt eine wichtige Rolle als Freundin der Kommissarin. Warum soll ich Figuren erfinden, wenn ich von so originellen Menschen umgeben bin?

Frage: Wann haben Sie zuletzt laut geschimpft?

Antwort: Vor einem halben Jahr. Ich habe in einem Hotelzimmer geschlafen, bin nachts aufgestanden und barfuß gegen eine Treppe gestoßen. Ich habe laut „Scheiße!“ geschrien und bin aufs Bett gefallen, weil es so weh tat. Dann dachte ich: Wie doof kann man sein? Du bist auf einer Tournee, du fährst mit dem Auto und kriegst es nicht mehr geregelt. Der Fuß wurde geschient, ich konnte also nicht Autofahren. Aber ich habe so tolle Fans, die mich überall hinbringen. Das hat mich gerettet.

Frage: Vor einem halben Jahr, hm. Ziemlich guter Schnitt, wenn Sie nur zweimal im Jahr schimpfen …

Antwort: Vor Ihnen sitzt ein sehr glücklicher Mensch. Ich liebe, was ich tue. Und ich lebe meine Leidenschaft sehr intensiv.

Frage: Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch einer ist, hat keinen Verstand. Wie finden Sie diesen Spruch, der in Varianten ziemlich vielen Leuten von Fontane bis Churchill zugeschrieben wird?

Antwort: Ich glaube, das Wort, das ich kannte, war nicht Revolutionär, sondern Kommunist. Da kann ich was mit anfangen. Ich bin im Ruhrgebiet groß geworden. Die Arbeiterschriftsteller, die dort lebten, waren meine großen Vorbilder. Meine Großeltern haben Juden versteckt. Ich bin in einem antifaschistischen Geist aufgewachsen. Ich war eine Weile sehr weit links und bin dann langsam älter geworden. Klüger, hoffe ich mal.

Frage: Wenn man sich mit Ihnen beschäftigt, liest man immer wieder, dass Sie zwei Jahre bei einer kriminellen Jugendbande gelebt haben. Wie muss ich mir das vorstellen?

Antwort: Ich habe damals Zivildienst in einem Jugendheim geleistet. Da kamen Rockerbanden hin, zwei rivalisierende auch noch. Ich habe die nicht rausgeschmissen, das wäre körperlich auch gar nicht gegangen, sondern mich mit ihnen auseinandergesetzt. Tischtennis gespielt, Armdrücken, habe mir ihre Sorgen angehört und viel mit ihnen geschimpft und geflucht. Für einige habe ich Briefe geschrieben, weil schreiben nicht so ihr Ding war. Man kann vielleicht sagen, dass wir Freunde geworden sind, es gab zumindest Vertrauen untereinander. Ich habe viel mit ihnen unternommen und mich in die Dramen, in die sie verstrickt waren, mit hineinbegeben.

Frage: Das haben Sie 1979 in Ihrem ersten Roman „Dosenbier und Frikadellen“ verarbeitet ...

Antwort: Genau. Der ist in der Sprache dieser Jugendlichen geschrieben, was eine Empörungswelle auslöste. In dieser Sprache durfte man nicht schreiben. Es gab viele Bücher über kriminelle Jugendliche, geschrieben von Leuten, die kriminelle Jugendliche aus dem Fernsehen kannten oder von der anderen Straßenseite. Das habe ich anders gemacht.

Frage: Wenn man mit Rockerbanden rumhängt, macht man wahrscheinlich ein paar Sachen, die man später bereut …

Antwort: Natürlich, heute bewerte ich viele Sachen anders. Aber wenn ich die Fehler, die ich damals und im weiteren Verlauf meines Lebens gemacht habe, nicht gemacht hätte, wäre ich doch jetzt jemand anders.

Frage: Später haben Sie ein Institut namens Hot Pants gegründet. Was hatte es damit auf sich?

Antwort: Im Fernsehen gab es Filme, in denen die Polizei Mädchenhändlerringe hochnahm. In Wirklichkeit war das aber ein ganz legales Geschäft. Ich wollte aufzeigen, wie das funktioniert. Und habe die Firma Hot Pants für Mädchen- und Frauenhandel gegründet. Habe die beim Finanzamt angemeldet und war sogar in der Industrie- und Handelskammer.

Frage: Moment, „Mädchen- und Frauenhandel“ war Bestandteil des Firmennamens?

Antwort: Ja, ja. Dann habe ich Anzeigen in Zeitungen aufgegeben: anschmiegsame Thai-Frau und so. Ich habe Gespräche mit fast 200 Männern geführt, die bei mir Thai-Frauen und Philipinas kaufen wollten. Die Fotos hatte ich von einem real existierenden Frauenhändler. Nachdem ich die Anzeigen aufgegeben hatte, hat sich eine große Organisation des Frauenhandels an mich gewandt. Die witterten einen Konkurrenten und haben mir ein Angebot für Gebietsschutz gemacht, wenn ich für sie arbeite.

Frage: Was passierte mit den Frauen?

Antwort: Die wurden mit Versprechungen hierhergelockt und einem Ehemann übergeben, der eine Geld-zurück-Garantie hatte. Wenn die Frau ihm nicht gefiel, bekam er halt die nächste. Das war Bestandteil des Ganzen. Wenn du den Willen der Frauen brechen willst, ist es wichtig, dass sie zwei-, dreimal zurückgegeben werden und Angst haben, nach Hause geschickt zu werden, wenn das nochmal passiert. Dann kommt sie nicht als Tochter nach Hause, die reich geheiratet hat, sondern als Tochter, die dem Papa Schulden und Schande bringt.

Frage: Hatten Sie auch Kontakt zu Frauen?

Antwort: Ja, natürlich, aber ich habe nie eine Frau verkauft. Ich hatte aber viele Kontakte zu Frauenorganisationen, bin für die aufgetreten, habe Reden gehalten und aus dem Inneren berichtet, wie es funktioniert. Das hat der Bande sehr geschadet.

Frage: Bediente da eine Bande quasi das ganze Land?

Antwort: Es gab mehrere konkurrierende, aber die größte saß in Darmstadt, die hat das sehr perfide gemacht, aber auch sehr clever. Das lief über Notare und Rechtsanwälte. Genaue Zahlen weiß ich aber nicht, aber ein paar Hundert Frauen waren es auf jeden Fall.

Frage: Mit Mitte 20 hatten Sie 2,7 Millionen D-Mark Schulden, etwa 1,3 Millionen Euro, die Sie komplett abgetragen haben. Wie, um alles in der Welt, ist Ihnen das gelungen?

Antwort: Man kann viel über mich sagen, aber faules Schwein wäre echt die falsche Bezeichnung. Ich habe immer geschrieben. Serien für den „Stern“, Serien fürs Fernsehen. Ich hatte die Schulden nicht, weil ich gespielt habe oder so, sondern weil ich einen Verlag geleitet habe. Ich wollte gute Literatur machen. Die Literatur war, wenn man so will, mein Bankrott und mein Hauptgewinn des Lebens.

Frage: Sie haben mal gesagt: Ich habe den Verlag geleitet wie ein Wahnsinniger ...  

Antwort: Wir haben zum Beispiel Edgar Hilsenrath gemacht, großer jüdischer Autor. Und für 200.000 Mark Anzeigen geschaltet. Und als der Roman nicht lief, nochmal für 200.000 Mark. Irgendwann hat mir einer vorgerechnet, dass wir pro verkauftem Roman vier Mark draufgezahlt haben.

Frage: Die harten Zeiten, die Sie durchlebt haben, haben dazu geführt, dass Sie einen Kondomautomaten in der Toilette einer Tankstelle geknackt haben, um damit den Sprit zu bezahlen …

Antwort: Ja, stimmt. Damals musste ich zu einer Lesung. Aber ich bin später wieder hin und habe versucht, das gutzumachen und habe Geld dagelassen.

Antwort: Geklaut haben Sie auch, Pampers für die Tochter. Wie schmuggelt man einen riesen Karton Windeln aus dem Supermarkt?

Antwort: Es war nicht einfach. Aber es war auch nicht einfach, so zu leben. Ich hatte diese Schulden. Heute gibt es Möglichkeiten, damit umzugehen, Schuldnerberatung, Privatinsolvenz. Damals konnte jeder gegen dich durchpfänden, du hattest keine Rechte. Dieses Land, dieses Justizsystem ist mit einem jungen Vater sehr grausam umgegangen. Ich habe das im Nachhinein als Notwehr betrachtet. Ein Vater hat ein Recht darauf, seine Kinder gut durchzubringen.

Frage: Auch noch mal da gewesen? Oder schulden Sie dem Supermarkt noch zehn Euro?

Antwort: Ich habe das später sogar dort erzählt und ihnen Bücher signiert. Ich glaube, sie waren sogar stolz darauf und haben mit mir gelacht. Irgendwann werden Sachen ja auch ein Witz.

Frage: Ein älteres Zitat von Ihnen: „Ich merkte, wie schnell aus mir ein quengeliger, spießiger, unausstehlicher Miesepeter werden konnte.“ Kann das immer noch passieren?

Antwort: Wenn man mich nicht schreiben lässt. Nur dann. Ich bin ein fröhlicher, ausgeglichener Mensch. Wenn ich mal einen Tag nicht schreiben kann, ist es schon doof. Aber schon am zweiten oder dritten Tag wird es schwierig. Dann bin ich mit dem Kopf gar nicht mehr da, ich bin in meinen Figuren und muss das rausschreiben.

Frage: Wissen Sie immer, wie es ausgeht? Wer stirbt, wer lebt?

Antwort: Nein, dann wäre das Abenteuer ja nicht da. Das Abenteuer des Schreibens, das ich so liebe. Was ich habe, sind die Figuren. Ich sehe das Leben oder eine Situation aus ihrer Perspektive. Und dann verändert sich alles. Auch mein Geschmack. Ich schmecke dann das, was diese Figur schmeckt.

Frage: Ach was …

Antwort: Ja! Bettina, meine Frau, weiß immer genau, was passiert. Wenn ich in Ubbo Heide bin, dem Chef der Kripo, dann riecht unser Haus nach schwarzem Tee mit einem Pfefferminzblatt drin und Marzipan. Dann weiß sie: Ich habe heute einen weisen Mann, der mit buddhistischer Gelassenheit über den Dingen steht. Wenn ich in Rupert bin, ist alles anders. Dann will ich eine Currywurst mit Pommes und Bier. Und das Wort weise ist wirklich nicht zutreffend.

Frage: Also gehen Sie immer offen in Ihre Geschichten rein?

Antwort: Nein, ich habe sogar einen Plan. Aber es ist so, als wenn man Kinder hat. Für die hast du einen Plan. Machen die das dann? Natürlich nicht. Wenn ich wirkliche Figuren geschaffen habe, sind das keine Marionetten von mir. Dann merke ich, die geben der Handlung einen völlig anderen Weg, einen anderen Drive, weil die so eigenständig sind. Weil die so ein großes Leben haben. Und dann folge ich diesem Plan, den die Figuren haben.

Frage: Die süßeste Sache, die ich über Sie gelesen habe, ist die Geschichtenerzählerbande. Die haben Sie als Achtjähriger gegründet. In den Geschichten waren Ihre Freunde die Protagonisten ...

Antwort: Ja, genau. Ich habe die Geschichten erfunden, aber meine Freunde spielten mit und durften eingreifen: Du bist Pirat – versuchen wir vorbeizusegeln, schießen wir auf die oder machen wir denen ein Freundschaftsangebot? Dann durfte der die Entscheidung fällen und ich habe die Geschichte weitererzählt. Viel anders arbeite ich heute auch nicht.

Frage: Ihr seid dann beim Erzählen immer im Hof rumgelaufen?

Antwort: Ja, wie in der JVA. Das waren zwei Freunde von mir, aus meiner Klasse. Manchmal gesellten sich mehr dazu.

Frage: Das ist aber bei den Erwachsenen auf Misstrauen gestoßen, weil die sich gedacht haben: Was machen die Kinder die ganze Zeit? Die laufen nur rum, spielen nichts, haben kein Spielzeug. Merkwürdige Welt, oder?

Antwort: Ja. Das wurde mir verboten. Meine Mutter musste in die Schule kommen und dann hieß es, der Junge erfindet Geschichten im Unterricht, die er in der Pause erzählt. Und deswegen würde ich nicht richtig aufpassen. Das war aber gar nicht so, ich habe die Geschichten in dem Moment erfunden. Ich war also acht Jahre alt und ein verbotener Schriftsteller. Aber ich habe heimlich weitergemacht.

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