Geringere Bezahlung der Grund?  Behandlung hinter Gittern – JVA-Klinik in Lingen fehlt Personal

Julia Mausch
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Von Julia Mausch
| 22.03.2024 09:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der OP-Saal im Justizkrankenhaus in Lingen. Foto: Mausch
Der OP-Saal im Justizkrankenhaus in Lingen. Foto: Mausch
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In Lingen gibt es das einzige Justizkrankenhaus für Niedersachsen und Bremen. Die Nachfrage ist groß, doch es gibt ein Problem.

Lingen - Grüne Oberteile und Hosen, Gesichtsmasken und OP-Hauben – routiniert bereiten die Mitarbeiter den OP-Saal vor. Immer wieder ist ein Klackern von schweren Schlüsseln zu hören. Befestigt sind sie am Hosenbund, genauso wie ein Notrufgerät. Es dient der Sicherheit. Denn der Patient, der operiert wird, ist kein gewöhnlicher: Es ist ein Strafgefangener.

Der OP-Saal befindet sich in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Lingen. Dort, an der Kaiserstraße, ist das einzige Justizkrankenhaus für die rund 6000 Gefangenen in Niedersachsen und Bremen. Benötigen Strafgefangene in Gefängnissen medizinische Hilfe, werden sie zunächst in den Haftanstalten betreut, in denen sie einsitzen. Sind die Erkrankungen schwerwiegender, kommen sie in das Bonifatius-Krankenhaus nach Lingen.

Es gibt Kooperationen

77 Betten hat die Klinik in der JVA, aufgeteilt auf vier Stationen: Innere- und Allgemeinmedizin, Chirurgie, Psychiatrie sowie die Station für chronisch Kranke. Hinzu kommen eine Ambulanz, Zahn-Station, Labor und Radiologie. „Aktuell sind etwa 40 Betten belegt“, sagt Marcel Benning, stellvertretender Leiter der JVA Lingen. Die Zahl könnte deutlich höher sein, wenn das medizinische Personal zur Verfügung stehen würde.

Genau das ist aber der Knackpunkt. Im Justizkrankenhaus in Lingen gibt es einen Mangel an Ärzten und Pflegepersonal – und das schon seit ein paar Jahren. Lediglich vier festangestellte Mediziner sind in dem Gefängnis in der Chirurgie und Allgemeinmedizin aktuell tätig. Hinzu kommen andere niedergelassene Ärzte, die in Praxen oder Krankenhäusern arbeiten. Die Folge: Wird andere medizinische Hilfe benötigt, müssen die Häftlinge in öffentlichen Krankenhäusern oder bei Ärzten behandelt werden, mit denen die JVA kooperiert.

Bewachung erforderlich

Das ist kosten- und vor allem zeitintensiv, sagt Benning. Denn die Strafgefangenen müssen in dieser Zeit von zwei Justizvollzugsbeamten bewacht werden. Wird ein Gefangener beispielsweise stationär in einem anderen Krankenhaus aufgenommen, fallen pro Tag somit sechs Justizbeamte für den Dienst im Gefängnis aus, um in drei Schichten für die Bewachung zu sorgen. Immer wieder gibt es Tage, da muss nicht nur ein Häftling außerhalb des Gefängnisses behandelt werden, sondern gleich drei bis vier Patienten. „Dann summiert sich die Zahl der Mitarbeiter, die hier dann fehlen“, sagt Benning.

Die Justizvollzugsanstalt Lingen, zu der das Krankenhaus gehört. Foto: Heskamp
Die Justizvollzugsanstalt Lingen, zu der das Krankenhaus gehört. Foto: Heskamp

Für das Justizkrankenhaus ist es schwer, neue Ärzte zu finden. Einer der Gründe dafür ist laut Benning die Bezahlung. Das Land Niedersachsen bezahlt Ärzte nach den Tarifen des Öffentlichen Dienstes oder bei Verbeamtung nach dem niedersächsischen Besoldungsgesetz. In der freien Wirtschaft können Mediziner mehr verdienen, „dort kann über Honorare verhandelt werden“, sagt er.

Infektionskrankheiten sind verbreitet

Aber: „In der freien Wirtschaft fällt auch deutlich mehr Papierkram an“, nennt Benning einen der Vorteile des Justizkrankenhauses. „Hier können sich die Ärzte voll und ganz auf die Medizin konzentrieren, anstatt auf Abrechnungen und Dokumentationen.“ JVA-Ärzte tragen eine große Verantwortung. Benning: „Gefangene können den Arzt nicht frei wählen.“

Im Arbeitsalltag werden die Mediziner teils auch mit Krankheiten konfrontiert, die sie in zivilen Krankenhäusern selten oder gar nicht zu Gesicht bekommen. So sind Infektionskrankheiten wie Tuberkulose bei Gefangenen verbreitet, aber auch HIV und Hepatitis zählen zu den Krankheiten, erklärt Klaus Schuckenbrock, Stationsleiter der Inneren Medizin. Er arbeitet seit 25 Jahren in der JVA als Gesundheits- und Krankenpfleger und ist durch einen Hinweis seiner Nachbarin auf den Job aufmerksam gemacht worden. „Ich wusste vorher gar nicht, dass es in Lingen ein Justizkrankenhaus gibt.“

Eher Helfer als Feind

Laut Benning hat die Erfahrung gezeigt, dass die wenigsten Mediziner oder Gesundheits- und Krankenpfleger, wie beispielsweise Schuckenrock, dem Justizkrankenhaus den Rücken kehren, wenn sie erstmal „Gefängnisluft“ geschnuppert haben. Zwar sei die Arbeit in der Justiz anspruchsvoll, ein großes Sicherheitsrisiko gebe es aber nicht: Häftlinge sind überwacht, kontrolliert und vorwiegend positiv gegenüber dem Personal eingestellt. „Schließlich wird ja etwas für sie getan.“ Die 62-köpfige Mannschaft im Justizkrankenhaus werde eher als Helfer denn als Feind wahrgenommen.

Der Austausch zwischen Personal und Insassen ist wichtig – vor allem für die Resozialisierung. Die Gefangenen sollen in der JVA nicht einfach nur „die Zeit absitzen“, sondern auch Therapiemöglichkeiten erhalten, sagt Marcel Benning. Doch der Fachkräftemangel führt zu personellen Engpässen und das wirkt sich auf die Arbeit des Strafvollzugs aus. „Je weniger Personal, desto weniger Zeit gibt es für Behandlungsmöglichkeiten.“ Im schlimmsten Fall könnte das dazu führen, dass die Häftlinge in einem gefährlicheren Zustand entlassen werden, als sie am Tag ihrer Inhaftierung waren.

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