Hamburg Warum mehr Gehalt den Personalmangel in der Pflege nicht löst
Weniger Lohn, weil man im sozialen Beruf arbeitet? Das legt eine Studie nahe, die dieser Tage Schlagzeilen machte. Doch die Zahlen sind veraltet. Arbeitgeber sehen ganz andere Herausforderungen.
Bernd Meurer ist die Wut regelrecht anzumerken. „Mit dieser Studie erweisen IAB und DRK der Pflege einen Bärendienst“, ließ der Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste auf Anfrage unserer Redaktion mitteilen. Anlass seines Ärgers: Eine umfassende Erhebung des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie des Deutschen Roten Kreuzes zu Beschäftigung in sozialen Berufen.
Aus der geht unter anderen hervor, dass Menschen im sozialen Sektor 17 Prozent weniger verdienen, als Menschen aus anderen Branchen. „Care Pay Gap“ nennt sich das ganze, die Meldung machte in Windeseile Schlagzeilen. Zeigt das Ergebnis doch, dass etwa Erzieher und vor allem auch Pfleger immer noch zu wenig verdienen.
Doch ist das so? „Hier wird mit Uraltzahlen die Pflege schlecht geschrieben“, poltert Bernd Meurer weiter. IAB und DRK würden nur alte Klischees bedienen. Meurers Einlassungen sind offenbar mehr, als nur die Verteidigung seiner Mitgliedsunternehmen, die bei vermeintlich zu schlechten Löhnen tätig werden müssten. Es gehe ihm mehr um die Wirkung auf zukünftige Fachkräfte. Gerade mit Blick auf das DRK sei es „unverständlich, dass ein Träger von Pflegeeinrichtungen veraltete Zahlen veröffentlicht und damit junge Menschen abschreckt.“
Tatsächlich betrachtet die Studie die Löhne in der Pflege nur bis 2021. Doch erst danach, im Herbst 2022, gab es für die Pflegekräfte einen echten Durchbruch: einen Tariflohn. Der unterscheidet sich je nach Qualifikation und Bundesland, liegt mittlerweile jedoch bei 2900 bis 4300 Euro brutto. „Wer vier Jahre alte Gehaltsdaten nutzt, muss zumindest sichergehen, dass diese mit der aktuellen Realität noch irgendetwas zu tun haben“, so Meurer weiter. Die Skandalmeldung zur Schlechterstellung der sozialen Berufe komme jedenfalls viele Jahre zu spät.
„In der Ausbildung liegt die Pflege mittlerweile sogar im oberen Drittel“, ergänzt Isabell Halletz, Geschäftsführerin vom Arbeitgeberverband Pflege (AGVP). Auch aus ihrer Sicht werden die Pflegekräfte in Deutschland mittlerweile insgesamt gut bezahlt.
Den Unmut der Arbeitgeber kann einer der Studien-Autoren bedingt nachvollziehen. „Es ist aus meiner Sicht ein wenig unglücklich, dass in der Öffentlichkeit jetzt gerade der Aspekt des Lohnes hängengeblieben ist. Denn das war aus meiner Sicht gar nicht der entscheidende Punkt der Studie“, sagte Christian Hohendanner im Gespräch auf Anfrage unserer Redaktion.
Gerade in Bezug auf den Pflegebereich sei der Aspekt des demografischen Wandels viel entscheidender: „Schon jetzt sind dort 40 Prozent der Mitarbeiter zwischen 50 und 64 Jahre alt“, so Hohendanner. Diese Mitarbeiter scheiden in den kommenden Jahren aus, „schon jetzt kämpfen die Betriebe auch deswegen mit mehr Personalausfällen“, erläutert der Arbeistmarktforscher vom IAB.
Auch Joß Steinke vom DRK und Co-Autor der Studie will gar nicht den Lohn alleine in den Fokus gerückt wissen. „Die Kündigungen von Arbeitnehmern haben in den letzten Jahren im gesamten sozialen Sektor deutlich zugenommen“, nennt er ein Beispiel. Zudem hätten Betriebe ein immer größeres Problem, Stellen zu besetzen. „Uns geht es darum, das Augenmerk auf die Beschäftigungsbedingungen zu werfen und ein realistisches Bild zu zeigen“, teilt der DRK-Mann mit.
Und genau dort gibt es naturgemäß Schwächen, die sich trotz hoher intrinsischer Motivation der Beschäftigten nur schwerlich ausgleichen lassen. Schichtdienste lassen sich nicht immer verhindern, die Anteilnahme an persönlichen Schicksalen der Pflegebedürftigen ist hoch und lässt sich kaum mit dem Feierabend ablegen. Aber vor allem verschärft der Fachkräftemangel den Stress. „Die Arbeitsbelastung sehen viele sehr kritisch“, sagt Isabell Halletz.
Sie sei der Hauptgrund, warum mehr als ein Viertel von jungen Pflegekräften, regelmäßig an die Berufsaufgabe denkt, wie eine Umfrage der Barmer Krankenkasse zeigte.
Die gestiegenen Löhne würden dafür sorgen, dass immer mehr Mitarbeiter auf eigene Faust die Arbeitsbelastung reduzieren und für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sorgen: Immer mehr von ihnen gehen laut Halletz mittlerweile in Teilzeit. „Es ist auch nachvollziehbar, dass viele Pflegekräfte nach Jahren Konsequenzen ziehen. Wir als Arbeitgeber sind jetzt gefordert uns zu überlegen, wo man noch weitere Arbeitskräfte herbekommt“, so die Geschäftsführerin vom AGVP weiter.
Ältere Beschäftigte – die schon jetzt die größte Gruppe ausmachen – geraten demnach mehr und mehr in den Fokus. Ihre Erfahrung ist wertvoll für die Unternehmen, doch die körperliche Belastbarkeit nimmt ab. „Da müssen wir schauen, wie wir sie weiter gut einbinden können. Zum Beispiel als Praxisanleiter“, sagt Halletz. Auch bei der Gesundheitsvorsorge hätten viele Unternehmen schon reagiert.
Und vor allem die Gewinnung von Arbeitskräften aus dem Ausland wird immer wichtiger. „Klar wünschen wir uns da weiterhin schnellere Verfahren, aber in den Behörden der Länder fehlt dafür auch Personal“, meint die AGVP-Geschäftsführerin.
So sind sich am Ende alle einig: Es müssen viel mehr Menschen für die Pflege gewonnen werden, andernfalls treibt die Arbeitsverdichtung womöglich noch mehr Menschen aus dem Beruf.
Das Problem für die gesamte Gesellschaft fasst Forscher Hohendanner so zusammen: „Die entscheidende Frage ist doch: Wie können wir die Leistungen der sozialen Daseinsvorsorge in diesem Staat weiterhin gewährleisten, wenn wir jetzt schon wissen, dass das Personal dafür nicht mehr in gleichem Umfang da sein wird.“
Mehr Lohn allein wird diese Frage nach Ansicht der Arbeitgeber offenkundig nicht beantworten.