Appen Ernährungs-Doc Matthias Riedl: Wovon ich im Supermarkt lieber die Finger lasse
Ist Pizza wirklich so eine Sünde? Wie nehme ich richtig ab? Und was bringen Proteinshakes? Mit Ernährungs-Doc Matthias Riedl nehmen wir Food-Trends unter die Lupe. Heute mit der Frage: Was sollte ich beim Einkaufen beachten?
Nicht hungrig und nicht ohne Einkaufsliste einkaufen gehen oder die Gerichte der Woche schon vorplanen? Tipps für den Besuch im Supermarkt gibt es einige: Aber sind die alle sinnvoll? Von welchen Lebensmitteln sollte ich besser die Finger lassen? Und was scheint vielleicht auf den ersten Blick gesund, ist es aber gar nicht? Ernährungs-Doc Matthias Riedl aus Appen hat die Antworten.
„Ich kaufe nur im Gemüse- und Obstbereich und sonst noch an der Kühltheke – das war‘s“, sagt Riedl auf die Frage, was es beim Einkaufen so ganz grundsätzlich zu beachten gebe.
Soweit so gut. Aber was ist mit tiefgekühltem Gemüse oder Gemüse aus Dose und Glas? Ohne beigemengte Soßen sei zumindest die Tiefkühlkost in Ordnung. Vom Kauf von Dosenprodukten rät der Experte jedoch ab: „Die Dosen sind mit Kunststoff ausgekleidet“, sagt er und erklärt: Bisphenol A und Bisphenol S, also Stoffe, die zur Herstellung von Kunststoffen verwendet werden, hätten im Tierversuch bei Goldfischen gezeigt, dass ihre Fluchtreaktion sowie ihre Konzentration nachgelassen habe. Beide Stoffe seien mittlerweile im Urin von „fast allen deutschen Kindern nachweisbar und werden auch mit einer Abnahme der Fruchtbarkeit, die wir ja auch erleben, in Verbindung gebracht“.
Welche Nervenzellen im menschlichen Gehirn durch Bisphenol A und S angegriffen werden, sei laut Riedl unklar. „Aber ganz ehrlich: Wenn wir wissen, dass das Zellsystem der Goldfische durch die Stoffe nachweisbar Schaden nimmt, will ich das nicht in meinem Essen haben. Und Dosen sind nun mal mit Kunststoff ausgekleidet“, findet der Ernährungs-Doc deutliche Worte. Er rät grundsätzlich dazu, den Konsum von Lebensmitteln aus Plastikverpackungen zu vermeiden.
Dem Nutriscore, also der freiwilligen Angabe auf der Vorderseite eines Lebensmittels, die zum leichteren Vergleich der Nährwerte von Produkten führen soll, sollte man laut Riedl keine Beachtung schenken. Denn der Nutriscore vergleicht nur die Lebensmittel einer Produktgruppe miteinander.
Heißt: Ob das Müsli im Vergleich zu Joghurts, Käse oder Apfelkuchen gesund ist, verrät der Nutri-Score nicht. Er gibt lediglich Aufschluss darüber, welches der verschiedenen Müslis und Cornflakes im Vergleich am besten abschneidet.
Achten sollte man, sofern man sich gesund ernähren möchte, lieber auf den Zucker- und Salzgehalt von Produkten oder welches Öl enthalten ist. Denn auch Werbung täusche über die Inhalte von Lebensmitteln hinweg, suggeriere beispielsweise, dass es sich bei dem beworbenen Produkt um eine gute Alternative zu frischem Obst oder selbstgemachtem Apfelmus handele.
„Das ist für mich Verbrauchertäuschung, die Werbung hat das Ernährungsverhalten schon genug beeinflusst“, meint Riedl und führt ein Beispiel an: „Die Leute glauben beispielsweise, Quetschies seien gut für ihre Kinder – dabei werden sie damit auf Diabetes und Fettleber trainiert“.
Jedes dritte Mädchen und jeder vierte Junge würden mittlerweile Anzeichen eines gestörten Essverhaltens aufzeigen. „Jugendliche haben keinen normalen Umgang mit Nahrungsmitteln, sie versuchen ihre Körper mit Diäten oder Ernährungsmoden zu verändern, sie lassen bestimmte Dinge weg, essen zu viel Süßigkeiten und haben oft keine richtige Hungerregulation. Das mündet dann oft in Essstörungen oder Übergewicht“, erläutert er. Auch daran sei mitunter die Werbung schuld.
Beworben werden häufig auch Fertigprodukte: Tiefkühlpizza zum Beispiel. Die sollten laut Riedl dringend von der Einkaufsliste gestrichen werden. „Das gilt für alle Produkte der Novaklasse 4, also für alle hochverarbeiteten Produkte“, meint Riedl.
Und auch Limonaden und andere zuckerhaltige Getränke sollten sich nach Möglichkeit nicht regelmäßig im Einkaufswagen wiederfinden. Wer jetzt glaubt, dass er mit Zero-Softdrinks die bessere Wahl trifft, der irrt. „Auf Novaklasse-4-Limonaden sollte ich verzichtet. Tatsächlich wird aber auch das, was wir über Süßstoffe wissen, immer schlimmer – sodass ich sagen würde: Wenn schon Limonade, dann lieber eine mit Zucker und dafür in geringer Menge. Fakt ist nämlich auch, dass die Flaschen und Mengen viel zu groß sind“.
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Grundsätzlich gilt: Hungrig sollten wir wirklich nicht einkaufen gehen. „Es ist erwiesen, dass wir dann das Falsche und zu viel kaufen“.
Ein Einkaufsplan hilft, genauso wie, eine Vorstellung davon zu haben, was man in der Woche kochen möchte, meint Riedl. „Weil die Ernährung der Deutschen so schlecht ist, hilft es auch, sich einmal mit gesunder Ernährung zu befassen und die eigene Ernährung nach dem 20:80-Prinzip zu analysieren“.
Das 20:80-Prinzip besagt, dass es schon reichen kann, 20 Prozent seiner Ernährung umzustellen, um sich gesünder zu verköstigen – und Gewicht zu verlieren. Angewendet auf die Einkaufsliste kann es bedeuten, nur die ungesunden Lebensmittel zu streichen, die entweder am schlimmsten sind oder bei denen der Verzicht am leichtesten fällt – was sich dafür aber auch gut einhalten lässt.