Bielefeld  Tod von Besar Nimani: Die Gerüchteküche brodelt

Jens Reichenbach und Lukas Brekenkamp
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Von Jens Reichenbach und Lukas Brekenkamp
| 13.03.2024 18:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ehemaliger Profi-Boxer Besar Nimani verstarb am Samstagabend. Foto: IMAGO / osnapix
Ehemaliger Profi-Boxer Besar Nimani verstarb am Samstagabend. Foto: IMAGO / osnapix
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Am vergangenen Samstagabend wurde der ehemalige Boxer Besar Nimani in der Fußgängerzone in Bielefeld von zwei Männern erschossen. Das genaue Motiv der Täter konnte noch nicht geklärt werden, dafür liegen die Obduktionsergebnisse vor.

Der brutale Tod des ehemaligen Profi-Boxers Besar Nimani bleibt für die Ermittler der „Mordkommission Ober“ rätselhaft. Zwar gehen sie davon aus, dass es sich bei den Schüssen auf Nimani um eine Auseinandersetzung im kriminellen Milieu gehandelt haben dürfte, aber die Gründe für die Tat sind noch nicht erkennbar. Die Gerüchteküche brodelt in Bielefeld aber längst.

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Derweil berichten Staatsanwaltschaft und Polizei Bielefeld von der Obduktion des getöteten Kosovaren: „Die Obduktion des Opfers bestätigte die bisherigen Erkenntnisse, wonach der 38-Jährige aufgrund von multiplen Schussverletzungen verstarb. Die Hauptverletzungen betreffen den Brustbereich.“

Kurz gesagt: Der 38-Jährige wurde am Samstagabend gegen 18 Uhr vielfach in den Oberkörper getroffen. Er verblutete noch am Tatort. Die Täter – zwei Männer – flüchteten anschließend in Richtung Alter Markt. Einer der Männer soll dabei erkannt worden sein.

Nach einer ausführlichen Tatortaufnahme – die Spurensicherung kehrte am Sonntag dorthin nochmals zurück – geht die Mordkommission jetzt davon aus, dass Nimani sein Fahrzeug ganz in der Nähe des Tatortes abstellte und in Richtung eines Friseurgeschäfts an der Obernstraße ging. Noch bevor er dieses erreicht hatte, schossen „der oder die Täter auf der Straße auf ihr Opfer“, heißt es von den Ermittlungsbehörden.

Polizeisprecher Fabian Rickel betont, dass die Täter gezielt auf ihr Opfer zugegangen seien. „Sie hatten offensichtlich keine anderen Personen als Ziel.“ Deshalb sei in einer ersten Polizeimeldung die Rede davon gewesen, dass „keine Gefährdung für unbeteiligte Dritte“ bestand.

„Damit ist nicht gemeint, dass auch mehrere gezielte Schüsse in einer belebten Straße natürlich auch für andere eine Gefahr bedeuten können.“ Querschläger oder Projektile, die das Opfer nicht getroffen haben, seien in solchen Fällen jederzeit denkbar. Allerdings, so Rickel, habe nach Ansicht der Kripo anschließend für Dritte keine Gefahr mehr bestanden.

Wie die Kripo betont, „herrscht ein reges Hinweisaufkommen“, es melden sich also viele Zeugen und Insider. Immer wieder ist von Schulden, Betrug und sogar Schutzgelderpressungen die Rede. Offensichtlich ist diese Tat eine neue Eskalationsstufe in einem Milieu-Streit. Nimani selbst hatte offenbar schon vor längerer Zeit das Ziel, sich zu bewaffnen.

Wie die Staatsanwaltschaft in Traunstein bestätigt, soll Nimani am 4. Januar 2023 an der bayerischen Grenze von der Polizei angehalten worden sein. Bei der allgemeinen Fahrzeugkontrolle fanden die Beamten in seinem Kofferraum insgesamt fünf Schreckschusswaffen, die allerdings durch einen aufgebohrten Lauf scharf gemacht worden waren.

Außerdem fand die Polizei 56 Handfeuerwaffenpatronen. Damals soll Nimani gesagt haben, er benötige die Waffen, um sich und seine Familie zu schützen. Die Polizei würde den Schutz seiner Familie leider nicht hinbekommen.

Es spricht nach Informationen dieser Redaktion vieles dafür, dass die gefundenen Schusswaffen aus seiner kosovarischen Heimat stammen. Dort, so heißt es aus Sicherheitskreisen, sei es einfacher, an illegale Waffen zu gelangen – und auch günstiger. Kurz vor seinem Tod hat die Staatsanwaltschaft Traunstein wegen der gefundenen Schusswaffen Anklage erhoben. Nun wurden die Akten geschlossen.

Generell galt der Boxer als aufbrausend und mitunter gewalttätig. Sein Vorstrafenregister weist nach Informationen dieser Zeitung Körperverletzung, Raub und Verstoß gegen das Waffengesetz auf. Seine wohl letzte Verurteilung stammt aus dem Dezember 2022.

Er soll – gemeinsam mit einem Komplizen – aus einem Wortgefecht heraus einen Mann angegriffen, geschlagen und schwer im Gesicht verletzt haben. Unter anderem brachen die beiden dem Opfer einen Knochen unterhalb des Auges. Nimani erhielt eine Bewährungsstrafe von sieben Monaten, der andere Schläger neun.

Doch eine Tat wie die Schüsse an der Obernstraße war nicht annähernd dabei. 2013 war der Boxer vor einem Döner-Imbiss an der Feilenstraße von Schüssen eines anderen getroffen worden. Erich Rettinghaus, NRW-Vorsitzender der Deutschen Polizei-Gewerkschaft (DPolG), sieht derweil generell eine Verrohung im kriminellen Milieu.

„Die Rücksichtslosigkeit und Brutalität ist hier deutlich angestiegen“, sagt er mit Blick auf das gesamte Bundesland, besonders in den Großstädten. „Hier geht es oft um viel Geld, verletzte Ehre oder andere Streitereien. Und: Die Szene insgesamt wächst.“

Laut Rettinghaus sei es hier gang und gäbe, dass es in der kriminellen Halbwelt immer wieder zu – teils schweren – Körperverletzungen kommt. „Auch mit Waffengewalt“, so der Experte. Er betont jedoch auch: „Dass jemand erschossen wird, kommt nicht oft vor. Das ist schon ein Zeichen, dass es zuvor eine andere Stufe der Eskalation gegeben haben muss.“

Für Patrick Schlüter, OWL-Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), ist die Tat eine „neue Dimension der Kriminalität“. Schlüter: „Das Vorgehen zeugt von enormer Skrupellosigkeit.“ Es plädiert für einen personellen Aufbau, um Organisierte Kriminalität sowie Straftaten im Milieu gezielt bekämpfen zu können.

Die Auswertung der vielen Hinweise laufe im Hintergrund auf Hochtouren. Die Ermittler der „Mordkommission Ober“ bitten dennoch weiterhin um Hinweise, Bilder oder Videos zum Tatgeschehen unter Tel. 0521 5450.

Zuerst veröffentlicht in Neue Westfälische in Bielefeld.

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