Hamburg  Ernährungsempfehlungen der DGE: Essen und essen lassen!

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 10.03.2024 13:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Fünfmal am Tag Obst oder Gemüse zu essen, kann teuer sein. Foto: dpa/Marcus Brandt
Fünfmal am Tag Obst oder Gemüse zu essen, kann teuer sein. Foto: dpa/Marcus Brandt
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Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung argumentiert in ihren Empfehlungen für gesunde Ernährung mit dem Thema Umweltschutz. Diese Verquickung der politischen und der ernährungswissenschaftlichen Ebene ideologisiert das ohnehin emotionalisierte Thema Ernährung unnötig.

Morgens ein Müsli mit Nüssen, kleingeschnittenem Apfel und Joghurt, mittags eine Gemüsepfanne mit Lachs und Vollkornreis, abends ein mit Olivenöl angemachter Salat zum Vollkornbrot, zwischendurch Obst und Gemüsesticks: Wer versucht, alle Ratschläge der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zu befolgen, braucht scharfe Gemüsemesser, viele Tupperdosen, noch mehr Geld und die Bereitschaft zu Verzicht.

Süßes, Salziges und Fettiges? Sollte man „besser stehen lassen“. Fisch und Ei sind einmal pro Woche okay. Fleisch und Wurst? Hier gelte die Devise „weniger ist mehr“, unter anderem, weil die Produktion tierischer Produkte die Umwelt deutlich stärker belaste als die pflanzlicher Lebensmittel.

Weiterlesen: Nur ein Ei pro Woche essen? Geflügelwirtschaft über neue Empfehlungen empört

Anders als ihr Name vermuten lässt, berücksichtigt die DGE in ihrer Empfehlung nicht nur die Auswirkungen der Lebensmittel auf die Gesundheit, sondern auch die Folgen derer Produktion für die Umwelt. „Bunt und gesund essen und dabei die Umwelt schonen, das sind die DGE-Empfehlungen“. Mich überkam beim Lesen der Website eine kindlich-trotzige Lust auf eine Currywurst mit Pommes und Cola.

Nicht, weil ich grundsätzlich der Fraktion „Fleisch ist mein Gemüse“ angehöre oder Sojaschnitzel als Angriff empfinde. Ich ernähre mich so gerne gesund wie ungesund, weiß eine gefüllte Zucchini so sehr zu schätzen wie einen Cheeseburger. Problematisch finde ich es dagegen, dass die ernährungswissenschaftlichen Erkenntnisse in einen ideologischen Kontext eingebettet werden.

Oder wie sollte es sonst zu bewerten sein, dass der Verein, der laut Satzung den Zweck verfolgt „Ernährungsaufklärung, -beratung und -erziehung zur vollwertigen und nachhaltigeren Ernährung voranzubringen“, bei seiner Bewertung, wie viel Fleisch, Milch oder Eier empfohlen werden, die Umweltfolgen des Agrarsektors berücksichtigt? Es tut mir leid, aber ob es für den Körper gesund ist, Milch zu trinken oder Fleisch zu essen, ist unabhängig von der Ökobilanz der Kuh. 

Nun kann man Empfehlung einfach Empfehlung sein lassen. Ganz ignorieren sollte man sie jedoch nicht, da die von der DGE erwarteten Qualitätsstandards etwa in den Bereichen Kita- oder Schulessen bei öffentlichen Ausschreibungen herangezogen werden, wofür sich der auch für Ernährung zuständige Minister Cem Özdemir explizit aussprach und 2022 3,8 Millionen Euro an Fördergeldern lockermachte; obgleich drei Viertel der Mittel des gemeinnützigen Vereins ohnehin aus öffentlichen Geldern stammen. 

Zudem dürfte der appellative Charakter der Empfehlungen bei vielen Leute eher zu Reaktanz führen; einem inneren Widerstand nicht zwangsläufig gegen die Sache, sondern gegen Bevormundung. Wie stark dieser Effekt ausgeprägt sein kann, zeigt eine US-Studie aus dem vergangenen Jahr zur Kennzeichnung vegetarischer und veganer Gerichte in Speisekarten. Dabei wählten die Probanden mit markierten Speisekarten seltener vegetarische oder vegane Gerichte als Probanden mit Speisekarte ohne moralischem Zeigefinger. Die Empfehlung der Studienautoren an Restaurantbesitzer: Lasst die Kennzeichnungen weg, dann hat der Veggie-Burger auch bei Fleischliebhabern eine Chance.

Durch die Politisierung der Ernährungsempfehlungen trägt die DGE dazu bei, gesunde Ernährung zu einem Statusobjekt der Besserverdienenden, vor allem aber einer Bildungselite, zu machen. Dabei wäre mehr Aufklärung über die gesundheitlichen Vor- und Nachteile von Lebensmitteln und Ernährungsweisen angesichts der steigenden Anzahl lebensstilbedingter Erkrankungen wünschenswert und wichtig. Jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist übergewichtig. Auch Informationen über die Umweltauswirkungen der Lebensmittelindustrie können für Verbraucher wichtig bei der Kaufentscheidung sein und sollten öffentlich ausgehandelt werden. Doch wenn die DGE will, dass jemand ihre Ratschläge beherzigt, dann sollte sie anders kommunizieren: ohne politischen Überbau.

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