Berlin Wer ist Sandra Hüller? Eine Spurensuche
Am Wochenende ist Sandra Hüller mit zwei Filmen im Rennen um die Oscars 2024 – obwohl sie in Hollywood nach Kräften irritiert. Annäherung an einen Star, der nicht ins Starsystem passt.
Bei der dritten oder vierten Verbeugung erhebt sich im Schauspielhaus Bochum das Publikum. Gespielt wurde Buñuels „Würgeengel“, ein Ensemblestück. Aber das ausverkaufte Haus dürfte sich Sandra Hüller verdanken. An diesem Wochenende vergibt Hollywood die Oscars. Und die 45-Jährige, die jetzt erschöpft ins Parkett strahlt, ist mit gleich zwei Filmen im Rennen.
Einer davon ist der britische Oscar-Favorit „The Zone of Interest“; Hüller spielt Hedwig Höß, die Frau des Auschwitz-Kommandanten – eine kindlich stampfende Frau, verformt von der Verdrängung ihrer Schuld. Das Werk ist für fünf Academy Awards nominiert, auch als bester Film und zugleich als bester internationaler Film – eine Seltenheit. Noch seltener sind Oscar-Chancen für deutsche Schauspieler. In 96 Jahren wurden nur neun nominiert; dabei sind schon Stars mitgezählt, die trotz Pass wenig Bezug zu Deutschland haben, Sandra Bullock zum Beispiel.
Jetzt ist auch Sandra Hüller ein „Oscar-Nominee“. Für ihren zweiten Preisanwärter, „Anatomie eines Falls“, ist sie auch persönlich als beste Hauptdarstellerin nominiert. In dem französischen Drama spielt sie eine Autorin unter Mordverdacht. War sie’s? War sie’s nicht? Hüller lässt es offen. Am Sonntag könnte das ambivalente Spiel mit dem Oscar gekrönt werden. Auch wenn es schwer wird: Die Buchmacher favorisieren Emma Stone als weibliches Frankenstein-Monster und Lily Gladstone; sie ist die erste indigene Schauspielerin in dieser Preiskategorie und zeigt in „Killers of the Flower Moon“, wie man Leo DiCaprio an die Wand spielt.
Sehen Sie hier den Trailer zu Sandra Hüllers Oscar-Film „The Zone of Interest“:
In Bochum nutzen die Zuschauer schnell noch die Gelegenheit, die deutsche Hoffnung live zu erleben. Gleich der Erste, den man fragt, ist nur ihretwegen im Theater – zum ersten Mal seit Jahren. Auch wer keine Karte mehr ergattert, kommt an der Frau aus Thüringen nicht vorbei. Hüller ist allgegenwärtig, nicht nur in Deutschland. Die Tour durch die US-Medien gehört zum Pflichtprogramm vor den Academy Awards.
Man fragt sich, was sie in Hollywood von dieser eigenartigen Frau denken – von einer Schauspielerin, die mit jedem Atemzug die Sache vor sich selbst stellt. Für die Talkshow von Jimmy Kimmel zum Beispiel – dem Moderator, der auch die Oscar-Gala präsentiert –, legt Hüller sich diese glamouröse Anekdote zurecht: Sie hat, erzählt sie, ihre Nominierung fast verpasst, weil sie gerade den Müll rausbringen war.
Als der „Hollywood Reporter” sie für eine Cover-Geschichte in ein Designer-Dress nach dem anderen steckt, gibt Hüller zu Protokoll: Neulich hat sie den Gabelstapler-Schein gemacht. Wenn alles schiefgeht, kann sie immer noch Lageristin werden. Der Reporter lobt Hüllers deutschen Mut zur Hässlichkeit und findet sie „wenig mitteilsam“. Nachdem sie mit „Toni Erdmann“ schon einmal bei den Oscars war, hat sie sich mit US-Produzenten getroffen. Es wundert nicht, dass nichts daraus wurde. Ihre Uneitelkeit muss in der Traumfabrik irritieren.
Sehen Sie hier den Trailer zu Sandra Hüllers zweiten Oscar-Film „Anatomie eines Falls“:
Tatsächlich gehört zu Hüllers Tugenden, dass sie sich nicht erklärt und erst recht nicht verkauft. „Ich habe der Welt einfach nichts mitzuteilen.“ Mit dieser Ansage hat sie mich selbst mal beim Interview-Termin schockiert – ich musste eine komplette Seite füllen. Was Hüller noch auszeichnet: Sie wählt keine falschen Projekte und weiß offenbar instinktiv, mit wem die Arbeit sich lohnt. Die Folge: Ihr Wikipedia-Eintrag zählt über 30 zumeist wichtige Preise auf. Gleich für ihr Filmdebüt, das Exorzismus-Drama „Requiem“ bekommt sie den Schauspielpreis der Berlinale.
Auf der Bühne wählt die Zeitschrift „Theater heute“ sie viermal zur Schauspielerin des Jahres – innerhalb eines Jahrzehnts. Das letzte Mal bekommt sie den Titel als „Hamlet“. Auch der Shakespeare-Abend läuft in Bochum und ist seit der Premiere 2019 fast immer ausverkauft. Zum Vergleich: Die Gesamtauslastung beträgt in Bochum aktuell 65,8 Prozent.
Beide Abende, den „Würgeengel“ und auch den Shakespeare, hat Intendant Johan Simons inszeniert. Hüller kennt ihn noch von den Münchner Kammerspielen und ist ihm über die Ruhrtriennale bis nach Bochum gefolgt. Was zeichnet seine Kollegin aus? „Sandras Schauspielkunst ist auf sehr vielen Ebenen brillant“, schreibt Simons uns. „Was sie aber einzigartig macht, ist ihre Fähigkeit, immer im Moment zu sein.“ Keine Schauspielerin, die er kenne, lasse sich so sehr darauf ein. „Wenn sie in ihrer Rolle als Hamlet am Schauspielhaus Bochum in der Pause 20 Minuten auf der Bühne stehen bleibt, erlebt das Publikum eine unfassbare Verbundenheit mit dem Hier und Jetzt. Ein Spiel der Poesie und des Denkens, ohne falsche Attitüde oder Verstellung.“
Für Bochum dürfte Hüllers Hamlet ähnlich wichtig sein, wie der ihres Kollegen Lars Eidinger es für die Berliner Schaubühne ist. Auch diese Inszenierung ist toll, immer voll – und trotzdem ganz anders: Eidinger kann zynisch sein, Hüller nicht. Sein Hamlet führt die anderen vor, ihrer offenbart sich selbst. Er zelebriert seine Ironie, sie zielt aufs Eigentliche. Eidingers Hamlet ist herausfordernd und hat sein Gegenüber immer im Blick. Hüller zieht sich nach existenziellen Ausbrüchen in innere Räume zurück.
Wer Sandra Hüller selbst mit solchen Thesen kommt, muss auf Widerspruch gefasst sein. Den Versuch, einen roten Faden in ihrem Werk zu finden, fand sie bei unserem Interview, ganz verkehrt: „Wenn ich Figuren so spiele, dass sie in einen Zusammenhang passen, haben sie keine Luft zum Atmen“, hat sie damals gesagt. „Die großen Zusammenhänge sind ein Missverständnis. Ich muss immer davon ausgehen, dass alles möglich ist. Jeder hat in jeder Sekunde alle Möglichkeiten, Sie, ich, jeder.“