Bilanz des Rodens Diese Bäume sind in der Fällperiode in Emden alle verschwunden
An einigen markanten Stellen in Emden sind in der am 1. März zu Ende gegangenen Fällperiode Bäume verschwunden. Wir zeigen Beispiele auf. Und was ist eigentlich mit der strengeren Baumschutz-Satzung?
Emden - Wenn Bäume gefällt werden, ist der Aufschrei in Emden meist groß. Zuletzt ging es um 23 Bäume, die für die geplante Kunstmeile zwischen Chinesentempel und Hahn‘scher Insel am 21. Februar 2024 gerodet wurden. Weil die Bagger an so markanter Stelle anrückten und kurzen Prozess mit den Pflanzen machten, war die Maßnahme über Tage Stadtgespräch und wurde hitzig in den sozialen Medien diskutiert.
Am 1. März ist die Fällperiode zu Ende gegangen. Jetzt dürfen bis Oktober keine Bäume mehr gefällt werden, zum Schutz für Vögel und andere Tiere. In der zurückliegenden Fällperiode hat nicht nur die Aktion für die Kunstmeile für Gesprächstoff gesorgt. Wir zeigen einige Beispiele der vergangenen Monate. Dabei erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wer noch Fällaktionen ergänzen möchte, meldet sich bei m.hanssen@zgo.de.
Welche Bäume sind gefallen?
Die größte Fällaktion in dieser Periode waren die 23 gerodeten Bäume für die Kunstmeile. Ende Februar wurden aber auch zwei von acht Rosskastanien am Roten Siel gefällt, die laut Stadt stark von Bakterien befallen und nicht mehr vital waren. Deutlich auffälliger war aber die Rodungsaktion des 1. Entwässerungsverbands Emden am Borssumer Kanal in Wolthusen Mitte Januar. Auf einer Fläche entlang des Ufers, das man im Stadtteil Wolthusen gut von der Hauptstraße aus sehen kann, gab es einen Kahlschlag. Wie viele Bäume dort fielen, ist unklar. Es dürften aber zahlreiche gewesen sein, weil der Bereich sonst dicht bepflanzt war. Als Grund nannte der Verband unter anderem den Schutz vor Hochwasser.
Im Januar wurde auch im Stadtteil Borssum bei der Leuschner-Siedlung kurzer Prozess bei vielen der großen Bäume gemacht. Im Voraus hatte es von dem Privateigentümer des Grundstücks keine Ankündigung gegeben. Als Grund für die Fällungen war gegenüber der Stadt genannt worden, dass die betroffenen Bäume sich in einem schlechten Zustand befunden hätten.
Nachdem bereits 14 Weiden im Januar 2023 am Tjadeweg im Stadtteil Twixlum gefällt wurden, folgten im Dezember weitere elf in dem Bereich. Als Grund nannte die Stadt in beiden Fällen die Verkehrssicherheit, weil die betroffenen Bäume nicht mehr vital seien. Schon im Januar hatten Teile der Emder Politik und auch die Bürgerinitiative „Ja zu Janssens Tuun“ Unverständnis darüber geäußert, warum an einem Feldweg in Sackgassen-Lage, den kaum jemand nutzt, Verkehrssicherheit so maßgeblich zu sein scheint.
Fünf Bäume fielen im Oktober im Zuge der Sanierung der Lindenhof-Kreuzung. Per Boot vom Stadtgraben und von der Straße per Steiger aus wurde die Baumgruppe zunächst gestutzt, anschließend völlig gekappt. Die Bäume seien nicht mehr vital gewesen, sagte die Stadt, außerdem sollte die Einsehbarkeit der Kreuzung verbessert werden.
Wir haben am 6. März bei der Stadtpressestelle nachgefragt, wie viele Bäume insgesamt in dieser Periode gefallen sind und wie viele es in der vorigen waren. Auch wollten wir wissen, wie viele Anträge für Fällungen von geschützten Bäumen auf nicht-öffentlichem Grund gestellt wurden. Wir warten auf die Rückmeldung.
Was ist mit Neupflanzungen?
Wenn die Stadt Bäume fällen lässt, dann sind Ersatzpflanzungen meist nötig. Auf der geplanten Kunstmeile etwa sollen 26 neue Bäume gesetzt werden. Dazu teilt die Stadt mit: „Grundsätzlich werden von der Stadt Emden immer mehr (Jung-)Bäume gepflanzt als Bäume entnommen.“ Allerdings: Die Ersatzpflanzungen sind junge Bäume. Die vorher gefällten Exemplare waren zwischen zehn und 30 Jahre alt. In Twixlum handelte es sich gar um Bäume im Alter von bis zu 60 Jahren.
Ein Leser meinte als Reaktion auf den Kunstmeilen-Kahlschlag, dass die Ersatzbäume den ökologischen Schaden erst in 30 Jahren ersetzen würden. Tatsächlich haben Jungbäume bei weitem nicht denselben ökologischen Wert wie ältere Exemplare. In der aktuell in Emden geltenden Baumschutzsatzung sind Bäume ab einem Stammumfang von 1,20 Metern geschützt, weil sie eine wichtige Klima- und Umweltwirkung haben. Den Umfang erreichen Bäume - je nach Art - erst nach 20 bis 40 oder mehr Jahren. Auf die Frage hin, ab wann die Nachpflanzungen denselben Klimawert haben wie ihre Vorgänger, hieß es von der Stadt im Januar 2023: „Im Grunde zu 100 Prozent erst dann, wenn der neu gepflanzte Jungbaum die gleiche Blattmasse ausgebildet hat wie der vorherige Baum. Aber ein vitaler, gesunder Jungbaum übernimmt auch schon im jungen Alter zahlreiche Funktionen.“
Was ist mit der Baumschutzsatzung?
Seit mindestens 2021 versucht die Emder Ratsfraktion „Grüne feat. Urmel“, die bestehende Baumschutzsatzung zu erneuern und zu verschärfen. Der Vorschlag der Stadtverwaltung waren unter anderem drei Änderungen in der Satzung: Schon Bäume mit einem Umfang von 80 Zentimetern sollen geschützt sein. Bislang waren Bäume auf einem Grundstück von weniger als 1000 Quadratmetern nicht geschützt. Weil die meisten Emder Privatgrundstücke kleiner sind, war also kaum ein Baum geschützt. Die Flächengröße soll daher auf 600 Quadratmeter verringert werden. Außerdem sind alle Baumarten geschützt. Allerdings: In Ausnahmefällen können auch diese geschützten Bäume gefällt werden - nämlich wenn die Untere Naturschutzbehörde der Stadt dem Antrag zustimmt. Dann wird aber eine Ersatzpflanzung nötig.
Bislang wurde aber kein endgültiger Beschluss zu der verschärften Satzung im Rat gefasst, weil sich die Emder Politik nicht einigen konnte. Die Emder CDU, die - nach den Grünen - eine Erneuerung beantragt hatte, war zuletzt kurz vor der Entscheidung zurückgerudert. Man wolle Privatleute nicht bevormunden. Strengere Regeln sollten hauptsächlich für Rodungen auf öffentlichem Grund gelten. An diesem Donnerstag, 7. März 2024, ist die Satzung nun auf der Tagesordnung für den Emder Rat. Die Sitzung beginnt im Ratssaal, Verwaltungsgebäude II an der Ringstraße 38b, um 18 Uhr und ist öffentlich.