Frankfurt  Ein Stürmer auf dem Weg zur Heim-EM: Beier für Deutschland?!

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 06.03.2024 17:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Maximilian Beier für die TSG Hoffenheim am Ball, im Spiel gegen Werder Bremen. Foto: Imago Images/imagebroker
Maximilian Beier für die TSG Hoffenheim am Ball, im Spiel gegen Werder Bremen. Foto: Imago Images/imagebroker
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Ein neuer Kandidat für die Fußball-Nationalmannschaft? Mit Maximilian Beier von der TSG Hoffenheim bringt unser Kolumnist einen neuen Namen ins Spiel – ob das klug ist, bleibt abzuwarten, denn nicht immer tut man den Spielern mit der Nominierung einen Gefallen, weiß Udo Muras.

Wenn ich die Zeit zurückdrehen und den Ort der Rückkehr frei wählen könnte, dann säße ich jetzt am 22. August 2023 wieder an meinem Schreibtisch und schriebe eine andere Kolumne. Ich sehe Ihnen nach, dass Sie nicht mehr wissen, worum es ging: Ich forderte bereits nach dem 2. Bundesligaspieltag die Nationalmannschaftsnominierung des Berliner Stürmers Kevin Behrens.

Er hatte immerhin schon viermal getroffen, wenn auch dreimal gegen Darmstadt. Aber alles mit dem Kopf und das war in unserem mittelstürmerarmen Land sozusagen eine Fata Morgana. Zu schön, um wahr zu sein. Dem neuen Bundestrainer muss jemand meine Kolumne zugespielt haben, jedenfalls verhalf er dem inzwischen 33-jährigen Senkrechtstarter zu einem fünfminütigen Debüt.

Einen Gefallen hat er ihm damit offenbar nicht getan, bis heute, 22 Spieltage später, ist nur noch ein Tor dazugekommen und Behrens trägt jetzt ein anderes Trikot. Union Berlin ließ ihn ganz gern nach Wolfsburg ziehen. Denn er ist eben doch nur ein durchschnittlicher Bundesligaspieler, der seine fünf berühmten Minuten im Leben – frei nach Andy Brehme, äh Warhol – schon hatte.

Ich bin ihm auf den Leim gegangen und werfe Behrens das nicht vor, ich wäre ja auch zur Washington Post gegangen, wenn die mich versehentlich angerufen hätten. Der Behrens vom September, also ein Nobody in der Form seines Lebens, spielt aktuell in Hoffenheim und weil es nicht mehr weit bis zur EM ist, schaut Fußball-Deutschland plötzlich auffällig gern Spiele des eher unbeliebten Dorfklubs.

Spielt da unser Messias? Maximilian Beier hat Behrens beinahe das Dreifache an Toren voraus und schnürt sie neuerdings im Doppelpack. Außerdem ist er neun Jahre jünger, groß, schnell und nicht verdächtig, abzuheben. Also Beier für Deutschland? Ich glaube, ich bitte die Redaktion noch um eine andere Überschrift. Man täte dem Jungen keinen Gefallen.

Darüber soll sich Julian Nagelsmann einen Kopf machen, in zwei Wochen haben wir ja wieder mal ein paar Länderspiele – und dann ist schon EM. Das bringt den Trainer in einen Zwiespalt. Alle fordern, dass sich endlich eine Mannschaft einspielt und dann holt er die nächsten Debütanten, die auch alle fordern?

Deniz Undav vom VfB Stuttgart hat ja schon eine Zusage, seitdem sitzt er aber häufiger auf der Bank. Wir haben nicht gerade ein Überangebot an klassischen Torjägern, muss man da nicht die Gunst der Stunde nutzen?

Die Frage kam oft auf in der DFB-Geschichte. Franz Beckenbauer, Berti Vogts und Rudi Völler haben eiskalt Torschützenkönige, die nicht in ihr Konzept passten, zu Hause gelassen. Ich will keine Namen nennen, außer vielleicht Stefan Kuntz, Fritz Walter der Jüngere und Martin Max. Bei all diesen Turnieren kamen wir übrigens trotzdem ins Finale.

1966 auch, trotz Lothar Emmerich. Der Dortmunder hatte die Saison seines Lebens gespielt, die Torjägerkanone gewonnen und war Europacupsieger geworden. Die Bild-Zeitung schrieb ihn zur WM und als ein Stürmer ausfiel, stellte Helmut Schön den spielerisch limitierten Linksaußen auf. „Da müssen wir zusehen, wie wir ihn wieder aus der Mannschaft kriegen“, witzelte Alt-Bundestrainer Sepp Herberger sinngemäß in Zeiten, wo man nicht mal auswechseln durfte.

Aber so kam es: Emmerich hatte einen großen Moment, schoss gegen Spanien ein unmögliches Tor „aus polizeiwidrigem Winkel“, wie der Kicker schrieb, und blieb bis zum Finale im Team. So gut er im Verein war, er war leider kein Nationalspieler. Nach der WM wurde er nie wieder berufen.

So erging es auch einem Uwe Reinders, Shootingstar von Aufsteiger Werder Bremen im WM-Jahr 1982 und ein David Odonkor erlebte kein weiteres Fußballmärchen mehr als das von 2006, als er ohne Länderspielerfahrung in den Kader kam.

Natürlich, es gibt auch die Gegenbeispiele Lukas Podolski oder Niclas Füllkrug und, alle übertreffend, Oliver Bierhoff 1996. Bis zu seiner Einwechslung im Finale von Wembley war er nur ein frustrierter Mitläufer aus einem italienischen Provinzklub, aber weil in der Personalnot selbst die Ersatztorhüter Feldspielertrikots bekamen, erhielt er seine Chance.

„Wen soll ich rufen?“, fragte Co-Trainer Rainer Bonhof beinahe entsetzt seinen Chef Berti Vogts. Das Ende ist bekannt, Bierhoff nutze seine fünf Minuten und seine Joker-Tore sicherten uns den bis heute letzten EM-Titel. Er ist blond und groß und… je länger ich darüber nachdenke: Beier für Deutschland!

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