Hamburg  Wasserstoff aus Afrika: Ist das ein neuer Kolonialismus, Herr Smid?

Daniel Batel
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Von Daniel Batel
| 07.03.2024 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Karsten Smid arbeitet bei Greenpeace und befasst sich mit Deutschlands Ausstieg aus fossilen Energien. Foto: imago-images/photothek
Karsten Smid arbeitet bei Greenpeace und befasst sich mit Deutschlands Ausstieg aus fossilen Energien. Foto: imago-images/photothek
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Wasserstoff aus Afrika statt Erdgas aus Russland soll Deutschlands Industrie am Laufen halten. Riesige Mengen des CO₂-freien Energieträgers will die Ampel vom Äquator importieren, um Wirtschaft und Klima zu retten. Das darf nicht zu einem neuen Kolonialismus führen, sagt Greenpeace-Energieexperte Karsten Smid im Interview.

Grüner Wasserstoff soll das Öl der postfossilen Zeit werden. Besonders preiswert wäre die Produktion in Afrika, weil für die Herstellung Unmengen erneuerbarer Energien gebraucht werden. Kanzler Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wollen den Stoff aus afrikanischen Ländern importieren.

Aber führt das nicht zu neuer Ausbeutung? Schaden wir der Umwelt in Afrika, um hier das Klima zu schützen? Ein Interview mit Greenpeace-Energieexperte Karsten Smid über deutsche Doppelmoral und die Chancen auf faire Energiepartnerschaften:

Frage: Herr Smid, Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden und will Teile seiner Energieversorgung auf Wasserstoff umstellen. Kann das klappen?

Antwort: Ja, kann es. Wenn in der Dunkelflaute die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, brauchen wir natürlich einen Energieträger, der Elektrizität speichern kann. Da kommt Wasserstoff ins Spiel – es sollte aber unbedingt grüner Wasserstoff sein, also aus erneuerbaren Energien gewonnenes Gas mithilfe der Elektrolyse statt blauem Wasserstoff. Ganz entscheidend ist aber, wie der Wasserstoff künftig bei uns eingesetzt wird. Er ist gewissermaßen der Champagner unter den Energie-Optionen und hat deshalb etwa im Verkehrssektor ebenso wenig zu suchen wie in der Gebäudetechnik.

Frage: Welche Länder kommen aus Ihrer Sicht besonders für den Import infrage?

Antwort: Die Erzeugung im eigenen Land wäre am besten! In Schwedt an der deutsch-polnischen Grenze, wo bis zum Ukraine-Krieg Gas aus Russland ankam, gibt es dafür schon einen hochinteressanten Standort, der auf Wasserstoff umgerüstet werden soll. Je kürzer die Wege sind, desto besser ist das auch für die heimische Industrie. Natürlich ist Deutschland aber auch ein Energie-Importland. Etwa 70 Prozent unseres Bedarfs wird durch ausländische Lieferungen gedeckt, 30 Prozent heimisch erzeugt. Dieses Verhältnis können wir auf jeden Fall umdrehen. Ob wir ganz auf Energieimporte verzichten können, kommt darauf an, wie verschwenderisch wir weiterhin mit Energie umgehen.

Frage: Die deutsche Industrie ist aber darauf angewiesen und fordert von der Politik eine Wasserstoffstrategie, um Planungssicherheit zu haben.

Antwort: Ja, und da kommen auch viele Länder infrage. Wir sind eigentlich auf der ganzen Welt unterwegs. Scholz, Habeck und Baerbock vollziehen fast schon eine Wasserstoff-Diplomatie. Da hat man offenbar auch keine Skrupel, bei Diktaturen wie Saudi-Arabien auf Einkaufstour zu gehen. In Australien und Kanada gibt es aber auch Kapazitäten. Generell ist es allerdings so, dass um den Äquator die besten Bedingungen für die Herstellung von grünem Wasserstoff herrschen. Und dann sprechen wir vor allem über afrikanische Länder wie Marokko, Namibia, Mauretanien und Nigeria. Wir können aber nur unter gewissen Bedingungen Wasserstoff von dort kaufen.

Frage: Unter welchen Bedingungen?

Antwort: Es muss bei der Planung solcher Projekte zwingend einen Dialog nicht nur mit der dortigen Regierung, sondern auch mit der lokalen Bevölkerung geben. Das ist schließlich auch bei uns in Deutschland eine Grundbedingung für die Akzeptanz von Energieprojekten vor der eigenen Haustür. Es darf auch keine Alleingänge von deutschen Unternehmen geben, stattdessen müssen Unternehmen aus dem Partnerland mit eingebunden werden - so wie es in Namibia beim Konsortium Hyphen Hydrogen Energy der Fall ist. Darüber hinaus braucht es Umweltverträglichkeitsprüfungen. Hier gilt das Sprichwort: “Hast Du’s eilig, dann mach’ langsam.“ Es muss ausgeschlossen werden, dass ein Wasserraub stattfindet, denn es braucht ja riesige Wassermengen für die Produktion. Ganz wichtig ist auch, dass in dem jeweiligen Land durch die Wasserstoffproduktion eine eigene Wertschöpfung entsteht.

Frage: Meinen Sie damit, dass zum Beispiel Düngemittel dort produziert werden sollte, wo der Wasserstoff künftig hergestellt wird? Könnte eine solche Entwicklung nicht zu einer Deindustrialisierung Deutschlands führen?

Antwort: Was heißt Deindustrialisierung? Die spannende Frage ist doch: Wo erzeuge ich eigentlich Düngemittel, um bei Ihrem Beispiel zu bleiben? Mache ich das in Deutschland in der Düngemittelfabrik mit grünem Wasserstoff aus Namibia, oder wäre es nicht sinnvoll, es in Namibia zu produzieren? Vielleicht würden bestimmte Industrieprozesse woanders hinwandern, wo es ökologisch sinnvoller ist, weil dort die Energie zur Verfügung steht. Geografisch gesehen hat Afrika eben Vorteile bei der Wind- und Sonnenenergie, die es auch nutzen sollte. In puncto Klimagerechtigkeit finde ich das in vollem Maße unterstützenswert.

Frage: Also müssen wir Deutschen aus Ihrer Sicht ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir Wasserstoff für unsere eigenen Industrien hierher importieren?

Antwort: In gewisser Weise, ja. Man muss sich fragen, unter welchen Bedingungen es dort hergestellt wird. Machen wir eigentlich weiter mit den ausbeuterischen Strukturen? Der Kolonialismus von deutscher Seite zwischen 1884 und 1915 hat in Namibia schwere Wunden hinterlassen. Trotzdem gibt es bis heute diese Verbindung, die wir nutzen sollten, wenn die Menschen in Namibia das denn wollen. Aber bitte nicht einseitig sagen „Sorry, wir brauchen den grünen Wasserstoff, damit hier in Deutschland keine Arbeitsplätze verloren gehen.“

Frage: Was spielt die deutsche Kolonialgeschichte aus Ihrer Sicht für eine Rolle bei Wasserstoff-Projekten in Namibia? Kann Deutschland damit etwas wiedergutmachen?

Antwort: Man kann die Geschichte zumindest nicht weglassen. Wiedergutmachung wäre das falsche Wort. Aber eine Empathie und Sensibilität ist auf jeden Fall notwendig.

Frage: Es geht ja nicht nur um Namibia. Olaf Scholz versucht, enge Verbindungen mit Nigeria zu knüpfen, das in Sachen Rechtsstaatlichkeit schlecht dasteht. Wie viel Moral können wir uns überhaupt noch leisten?

Antwort: Diesen Gedanken habe ich aus dem Wirtschaftsministerium auch gehört. Da hieß es, wir könnten uns diesen Luxus nicht mehr erlauben, nur mit Demokratien Handel zu treiben. Da ist sicherlich etwas dran. Aber es gibt eben auch klare Grenzen. In Saudi-Arabien ist Landraub das übliche Vorgehen. Menschen, die sich gegen das Projekt von Thyssenkrupp auflehnen, droht die Todesstrafe.

Frage: In Afrika haben sich mehrere Länder längst selbst zur „Africa Green Hydrogen Alliance“ zusammengeschlossen. Wie lässt sich verhindern, dass an den Bedürfnissen und Rechten der Ortsansässigen vorbei geplant wird?

Antwort: Ja, die Länder wollen diese Chance ergreifen. Es fehlt aber oftmals eben am Geld. Wenn wir da als Europa unsere Rolle finden, können wir dort Geschäftsverhältnisse zu beiderseitigem Nutzen aufbauen. Erneuerbare Energien sind prinzipiell eher dezentral und damit weniger anfällig für ausbeuterische Strukturen. Aber wenn diese Projekte groß werden, muss man aufpassen. Deshalb braucht es klare Kriterien, obwohl unsere deutschen Regeln viele nerven (lacht). Die Menschen vor Ort fordern Partizipation ein. Wenn wir von Anfang an auf Beschwerden und Anregungen der lokalen Bevölkerung hören, lassen sich strittige Fragen schneller lösen. Klimagerechtigkeit und der soziale Ausgleich sind die Basis für die Zukunft.

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