Ende 2024 ist Schluss  Sossais Eiscafé in Emden startet in die letzte Saison

Stephanie Schuurman
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Von Stephanie Schuurman
| 06.03.2024 18:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Öffnet am kommenden Samstag: das Eiscafé Venezia Zwischen beiden Märkten. Foto: Schuurman
Öffnet am kommenden Samstag: das Eiscafé Venezia Zwischen beiden Märkten. Foto: Schuurman
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40 Jahre Arbeitsleben in Deutschland geht für die italienische Familie Sossai zu Ende. In ihrem Eiscafé geht es aber wohl weiter.

Emden - Wenn Angelo Sossai an diesem Freitag die Eismaschinen wieder in Gang setzt, wird es der letzte Saisonauftakt in der Emder Innenstadt für ihn und seine Frau sein. Der 65-jährige Eiskonditor und seine Frau Onorina (60) machen Ende 2024 Schluss. Natürlich nicht miteinander - sie haben vergangenes Jahr ihren 40. Hochzeitstag gefeiert - sondern nur mit ihrem Eiscafé Venezia in der Straße Zwischen beiden Märkten. „Es wird definitiv die letzte Saison“, sagt Sossai. „Wir wollen ja auch noch etwas vom Rentendasein haben und leben.“

Arbeiten seit über 40 Jahren zusammen in der Eisdiele: Onorina und Angelo Sossai. Foto: Schuurman
Arbeiten seit über 40 Jahren zusammen in der Eisdiele: Onorina und Angelo Sossai. Foto: Schuurman

Dass der Italiener fast sein ganzes Arbeitsleben in Emden verbringen würde, war nicht unbedingt geplant. Genau am 27. Februar 1984 kamen der seinerzeit 25-jährige Angelo und seine 20-jährige Frau Onorina nach Emden. Sie verließen ihre Gemeinde Susegana nahe Venedig für einen Job bei der Eismacher-Familie Zanella, die schon länger in Emden war. Für Loriano Zanella arbeitete er fünf Jahre im Eiscafé Rialto an der Neutorstraße, bevor die Sossais für Zanella das Eiscafé Zwischen beiden Märkten führten. Damals, als nebenan im Gerhard-Gebäude noch der alte Frisör Caldarelli seinen Salon hatte, ging die Eisdiele noch über zwei Etagen.

Immer auf der Sonnenseite

2003 wurde groß umgebaut, die Eisdiele wurde ebenerdig und bekam mit Sossai einen neuen Besitzer und einen neuen Namen. Seit 2015 ist das Eiscafé Venezia drinnen wieder kleiner, ein Immobilienmakler zog als Nachbar ein. Was aber immer fester Bestandteil blieb, ist die große Terrasse vor dem Geschäft. Die Lage sei einfach ideal, auch weil dort tagsüber die Sonnenseite ist. Dass vor einiger Zeit in unmittelbarer Nachbarschaft am Stadtgarten sein ehemaliger Mitarbeiter Paulo Alves selbst ein Eiscafé eröffnete, habe dem Venezia entgegen ersten Befürchtungen nicht geschadet. Ganz im Gegenteil: So sei seitdem noch mehr Lauf in diesem Teil der Fußgängerzone entstanden. „Für einen Familienbetrieb mit ein paar Aushilfen ist unser Eiscafé jetzt die passende Größe“, sagt Sossai.

Das wissen auch wohl andere, denn Interessenten haben die Sossais bereits für das Venezia gesammelt. Verhandeln will Angelo Sossai bald, abgeben wollen er und seine Frau das Geschäft erst zum Jahresende. „Wir machen noch eine einfache Saison, nichts Besonderes, keine verrückten Eissorten, aber Eis mit gewohnt guter Qualität“, sagt Sossai. „Das ist ein Muss!“

Vanille geht immer

Sossai sei kein Freund von großen Speise-Karten. Die riesige Vielfalt, wie es die Zanellis mit ihrem Zitronen-Basilikum-Eis oder anderen Kreationen anboten, ist seine Sache nicht. Da habe er von Anfang an quer gelegen mit seinem damaligen Chef. Heute stehe er noch in engem Kontakt mit Loriano Zanella, seit der aufgehört habe, sogar noch enger und freundschaftlicher.

Die Eis-Rezepturen sind inzwischen auch längst die der Familie Sossai. Ein bisschen hier variiert, da anders abgeschmeckt. Die Nachfrage bestätige den guten Geschmack. Schokolade, Erdbeer, Nuss, Stracciatella und vor allem Vanille, das seien die beständigen Sorten. „Vanille als Eissorte ist wie das Brötchen beim Bäcker“, sagt Sossai. „Wenn das aus ist, kann man die Tür zumachen.“

Rezepturen à la Sossai

Bevor es so weit ist, wollen die Sossais aber erst einmal die Türen nach der Winterpause wieder öffnen. Mit 17, vielleicht 18 Eissorten geht es los, mit italienischem Kaffee und kleinen Eisspezialitäten in Kombination oder einem dicken Eisbecher nach Wahl. 40 Sorten werden es im Hochsommer sein. Das letzte Mal aus der Produktion der Sossais. Denn auch, wenn sie die Rezepturen ihres Eis mitverkaufen werden - so ganz nach Rezept kann man eben nicht kochen, der Neue muss schon seine eigene Note dazugeben.

Ein bisschen freuen sich die beiden Sossais auch schon auf die Heimat, die sie nie ganz zurückgelassen haben, sagt Angelo. Etwa 60 Kilometer nördlich von Venedig leben noch Bruder und weitere Familie auf einer Hof-Anlage. Dort haben auch die Sossais ein Haus, das sie passend zum Ruhestand abbezahlt haben. Land, Gewächshäuser, PV-Anlagen, eigenes Obst und Gemüse - „praktisch können wir da autark leben“, freut sich Angelo. Nur in der Winterpause lebten sie bisher dort, jetzt wird es ihr Ruhesitz.

Starten in ihre letzte Eissaison in Emden: Onorina und Angelo Sossai. Foto: Schuurman
Starten in ihre letzte Eissaison in Emden: Onorina und Angelo Sossai. Foto: Schuurman

Mutig gegen ungebetene Gäste

Allerdings lassen die beiden dann ihren Sohn Devid (38) zurück. Er ist in Emden aufgewachsen, hat bei VW statt in der Eisdiele gelernt und sein Haus in Ostfriesland gekauft. „Dann haben wir aber weiter einen Grund, nach Ostfriesland zu kommen“, sagt Angelo Sossai. Sein Sohn könne sich dabei noch nicht vorstellen, einmal vor der Eisdiele Venezia entlangzulaufen, in der nicht seine Eltern die Gäste bedienen.

Auch für den Nachbarn Thorsten Malter vom Schmuckgeschäft Aurum würden sich Gewohnheiten dann verändern. Der tägliche, gemeinsame Morgenplausch jedenfalls entfalle dann. „Freunde haben wir hier trotz der vielen Arbeit fürs ganze Leben gefunden“, sagt Angelo Sossai. „Es hat sich gelohnt.“

Bis zum Ausstand dauert es aber eben noch eine Saison, die nach der Vorstellung der Sossais eben „ganz normal“ und „unspektakulär“ mit möglichst vielen netten Gästen verlaufen soll. Ein derart ungebetener Gast wie im vergangenen Jahr im September jedenfalls wollen sie nicht mehr erleben. Ausgerechnet an ihrem 40. Hochzeitstag war ein verwirrter Randalierer mit einem Messer bewaffnet vor der Polizei in ihre Eisdiele geflüchtet. Angelo Sossai hatte die Warnschüsse der Polizeibeamten gehört und nicht lange gefackelt, er stürzte sich auf den Flüchtigen und warf ihn zu Boden. Der Mann wurde festgenommen. Sossai stand am nächsten Tag als mutiger Eisdielenbesitzer in allen Gazetten. „Daran werden wir uns wohl auch immer erinnern“, sagt Sossai. „Aber ich musste ja meine Frau und die Angestellten schützen.“

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