Er hatte keinen Bock auf Schule  Früher Schulversager – heute gefragte Fachkraft

Susanne Ullrich
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Von Susanne Ullrich
| 06.03.2024 19:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Alexander Siebolds ist Heilerziehungspfleger und arbeitet in der Werkstatt Jever der GPS. Einige der Beschäftigten dort kennt er noch aus ihrer gemeinsamen Zeit in der Förderschule. Foto: Ullrich
Alexander Siebolds ist Heilerziehungspfleger und arbeitet in der Werkstatt Jever der GPS. Einige der Beschäftigten dort kennt er noch aus ihrer gemeinsamen Zeit in der Förderschule. Foto: Ullrich
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Die Schulzeit von Alexander Siebolds war ungewöhnlich: Als Sitzenbleiber kam er auf eine Förderschule und verbrachte viel Zeit mit Menschen mit Behinderungen. Genau die sind jetzt seine Schützlinge.

Wittmund - Alexander Siebolds arbeitet tagtäglich mit Menschen, die teils schwerst- und mehrfachbeeinträchtigt sind. „Das Dabeisein ist für viele sehr viel wert“, sagt der 28 Jahre alte Heilerziehungspfleger aus Wittmund. Genau das zu gestalten ist seine Aufgabe. Als Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung in den Werkstatt der Gesellschaft für paritätische Sozialarbeit (GPS) in Jever ist die vielschichtig. Er schätzt den konkreten Förderbedarf der Beschäftigten in seiner Gruppe ein – und macht ihnen passgenaue Angebote. „Ich schau halt immer: Was können sie?“ Jeder Mensch ist anders – und kein Tag hier ist wie der andere.

Jeder Mensch ist individuell und muss entsprechend seinen Möglichkeiten gefördert werden. Alexander Siebolds steht dafür eine große Auswahl an Materialien zur Verfügung. Foto: Ullrich
Jeder Mensch ist individuell und muss entsprechend seinen Möglichkeiten gefördert werden. Alexander Siebolds steht dafür eine große Auswahl an Materialien zur Verfügung. Foto: Ullrich

Jeder Beschäftigte hat sehr individuelle Fähigkeiten und Möglichkeiten, aber auch Grenzen. Während ein Beschäftigter eine wichtige Vorarbeit zur Kabelkonfektionierung leisten kann, die in der Werkstatt für regionale Firmen vorgenommen wird, ist dies anderen nicht möglich. Das Sortieren von Farben und Formen kann hier eine sinnvolle Aufgabe sein, die den Beschäftigten fordert und zugleich fördert. Alexander Siebolds und seine Kollegen in der Tagesförderstätte steht hierfür eine großer Fundus an Materialien zur Auswahl. Aber auch ganz einfache Dinge kann nicht jeder seiner Schützlinge allein bewältigen: „Pflege ist ein großer Bestandteil meiner Arbeit.“

„Für viele war ich abgestempelt“

Berührungsängste hat der junge Mann nicht. Ein Teil der Menschen, die hier unter seiner Aufsicht den Tag verbringen oder in anderen Bereichen der Werkstatt arbeiten, kennt er schon aus der Kindheit. Alexander Siebolds besuchte wie sie die Schule an der Lessingstraße in Wittmund, heute eine Förderschule mit Schwerpunkt Geistige Entwicklung. Eingeschult aber wurde Siebolds auf einer Grundschule. Er wiederholte zunächst die zweite Klasse, blieb spät aber wieder sitzen. „Ich war ein typischer Spätzünder. Ich hab einfach keine Lust gehabt“, sagt er rückblickend. „Ich hab keinen Bock gehabt, Hausaufgaben zu machen und zu lernen.“ Ungewöhnliche Schullaufbahnen gibt es immer wieder. Auch an der Kooperativen Gesamtschule Wiesmoor (KGS), bestätigt Schulleiterin Ulrike Sieckmann. Beispielsweise starte jemand auf dem Hauptschulniveau und erreiche später das Abitur.

Puzzle, Spiele oder diese Tücher hat die Tagesförderstätte in ihrem Fundus. Die Sinne einiger schwerst mehrfach behinderter Menschen werden dadurch angesprochen, dass sie das außergewöhnliche Material spüren oder die unterschiedlichen Farben wahrnehmen. Foto: Ullrich
Puzzle, Spiele oder diese Tücher hat die Tagesförderstätte in ihrem Fundus. Die Sinne einiger schwerst mehrfach behinderter Menschen werden dadurch angesprochen, dass sie das außergewöhnliche Material spüren oder die unterschiedlichen Farben wahrnehmen. Foto: Ullrich

Auch die Trennung der Eltern von Alexander Siebolds fällt in seine Grundschuljahre. Auslöser sei die nicht gewesen – er schließe aber auch nicht aus, dass sie seinen Unwillen vergrößert hat. Als Wiederholer sei er ausgegrenzt worden in seiner Klasse. Auch die Lehrer hätten an seiner Lage nichts geändert. Er habe sich alleingelassen gefühlt. Dazu, wie er das heute einschätzt, sagt er nur: „Aus heutiger Sicht als Pädagoge? Eine Katastrophe.“ Die Situation spitzte sich zu. Letzter Ausweg: Förderschule. „Ich hab mich dann geschämt“, erzählt er. „Für viele war ich abgestempelt.“

Anfangs überfordert

„Die Förderschule war für mich eine andere Welt.“ Anfangs sei er im Unterricht unterfordert gewesen. „Viele aus meiner Klasse hatten noch größere Schwächen.“ Durch den Schwerpunkt Geistige Entwicklung besuchten viele Kinder mit mehrfachen Behinderungen die Schule. Dazu Kinder aus dem Bereich Lernen, den Alexander Siebolds besuchte. Auch Systemsprenger. Einen Teil des Schulalltags absolvierten die Jungen und Mädchen jedoch gemeinsam. Diese Form der Inklusion hinterließ beim Wittmunder Spuren: „Ich hab mich früh für Mitschüler mit Beeinträchtigungen eingesetzt.“ Heute ist jede Förderschule spezialisiert.

Siebolds erlebte hier jedoch sehr eindrücklich, dass jeder Einzelne sehr individuelle Stärken und Schwächen haben kann. In der Schulband musizierten alle Kinder und Jugendlichen Seite an Seite: „Ein Mitschüler konnte nicht richtig mit uns sprechen – aber Schlagzeug spielen wie ein Profi.“ Wann genau bei ihm schulisch der Knoten platzte, kann er heute nicht mehr sagen. Nach einem Schulpraktikum im Einzelhandel stand für ihn fest, dass er mehr erreichen wollte in seinem Leben als den Förderschulabschluss. „Ich wusste, dass ich den Hauptschulabschluss brauche.“

Schwester stärkte ihm den Rücken

Es folgte eine zweijährige Berufsfachschule Wirtschaft an den Berufsbildenden Schulen mit dem Ziel Realschulabschluss. Erstmals saß der ehemalige Förderschüler mit Jugendlichen anderer Schulformen zusammen in einer Klasse. „Ich musste wirklich sehr viel aufholen“, sagt er rückblickend. Er stellte sich der Herausforderung. Eine große Unterstützung sei ihm seine Schwester gewesen, stellt er dankbar fest. Die junge Frau wurde wenig später bei einem Motorradunfall tödlich verletzt. Ihr Bruder zweifelte zunächst daran, dass er es allein schaffen würde. Allen voran sei sie es gewesen, die ihn immer davon überzeugt habe, dass er kein Versager sei – wenn viele es ihm einzureden versuchten.

In der Tagesförderstätte wird viel mit Farben, Formen und Strukturen gearbeitet. Foto: Ullrich
In der Tagesförderstätte wird viel mit Farben, Formen und Strukturen gearbeitet. Foto: Ullrich

Ein Freiwilliges Soziales Jahr im Wohnheim der GPS in Jever brachte Alexander Siebolds Klarheit. „Mir hat die Arbeit so Spaß gemacht“, erzählt er freudestrahlend. „Da wusste ich: Ich will Heilerziehungspfleger werden. Ich helfe halt gerne Menschen – denn man hat auch mir geholfen.“ Seine Schwester, seine Eltern und später sein bester Freund hätten ihn immer unterstützt und an ihn geglaubt. Bei der Ausbildung zur Pflegeassistenz 2017 bis 2019 habe er dann als Klassenbester abgeschnitten. Anschließend ging er direkt in die Heilerziehungspflege. Neben der Schule jobbte er bei der GPS – und verdiente sich so seinen Lebensunterhalt. „Das war schon anstrengend. Da hab ich bis in die Nacht gebüffelt“, verrät er rückblickend. 2022 schaffte er seinen Abschluss – und ist seither fest im Team der Werkstatt der GPS mit rund 250 Beschäftigten.

Auf Umwegen zum Traumberuf

Darüber hinaus hat sich Siebolds zum Deeskalationstrainer weiterbilden lassen. Denn auch wenn Konflikte entstehen, ist Siebolds gefordert. „Viele können sich gar nicht verbal äußern.“ Da ist Frust nicht selten. Vor allem aber versuche er, Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen. Eine Eigenschaft komme ihm dabei zugute, sagt er lachend: „Ich hatte schon immer eine sehr lange Zündschnur.“ Der 28-Jährige ist sich seiner besonderen Rolle in seinem Job bewusst: „Einige von denen, mit denen ich zur Schule gegangen bin, betreue ich jetzt.“ Das kann keiner seiner Kollegen von sich behaupten. Ein Problem sei das nicht, versichert er. Niemand stelle seine Kompetenzen in Frage.

Alexander Siebolds geht mit seiner Vorgeschichte offen um. Er sagt, sie soll anderen Mut machen. Und auch wenn seine Schullaufbahn nicht die Regel ist, ist sie doch keine Ausnahme: Ein Schulfreund sei mittlerweile examinierte Pflegekraft. Das ist die Botschaft, die Siebolds in die Schule trägt. Vor einer Weile habe die Förderschule in Varel ihn eingeladen, um vor ihren Schülern zu sprechen: „Ich hab ihnen gesagt: Nur weil ihr jetzt hier seid, heißt es nicht, dass ihr nicht euren Traumberuf ausüben könnt.“

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