Unternehmen in Aurich-Kirchdorf Die Bürstenfabrik im Nirgendwo
Im beschaulichen Kirchdorf werden Besen und Bürsten für die internationale Reinigungsbranche hergestellt. Wer ein riesiges Team erwartet, täuscht sich. Ein Blick hinter die Kulissen des Unternehmens.
Aurich - An der Straße „Am Kirchdorfer Moor“, im letzten Winkel von Aurich-Kirchdorf, gibt es eine Fabrik, die Bürsten herstellt. Eigentlich sind solche Unternehmen wegen des Holzbedarfs eher in der unteren Hälfte Deutschlands angesiedelt, vor allem im Erzgebirge und im Schwarzwald. Volontärin Deike Terhorst, otv-Reporterin Jasmin Keller und Fotograf Klaus Ortgies haben einen Blick hinter die Kulissen von Andreas-Bürsten geworfen und mit Geschäftsführer Michael Andreas darüber gesprochen, wie das Unternehmen hier gelandet ist.
Den Grund dafür, dass das Unternehmen in Aurich und Umgebung weitgehend unbekannt ist, sieht Andreas vor allem in der Kundenorientierung. Denn: Seit fast 80 Jahren produziert die Andreas-Bürsten GmbH Bürsten, Besen und sonstige Reinigungshilfen für den Großhandel und die Lebensmittelindustrie: „Ein privater Werksverkauf vor unserer Haustür würde sich einfach nicht lohnen.“
Bürsten mit Sti(el)
Das Großkundengebiet der Auricher Firma erstreckt sich über ganz Deutschland, teilweise auch in die direkten Nachbarländer, vorwiegend die Niederlande, Österreich und Dänemark. „Wir bleiben lieber in der näheren Umgebung. Die Wege zum Kunden sind so recht kurz und wir können schnell und zuverlässig liefern“, erklärt Michael Andreas.
„Nähe zum Kunden bleibt unser vorrangiges Ziel. Daher sind wir immer offen für Ihre individuellen Wünsche und Spezialanfertigungen“, heißt es auch auf der Internetseite von Andreas-Bürsten. So können Halterungsmaterial, Farben, Muster und Aufdrucke je nach Auftrag variieren. Bei Produktionen für die Lebensmittelindustrie müssten außerdem strikte Hygiene-Auflagen eingehalten werden. Man dürfe dann nur mit Kunststoff und Edelstahlhalterungen und -griffen arbeiten, berichtet Michael Andreas. Das gefragteste Produkt sei der Handfeger – bei Bedarf könne seine Firma von diesen täglich bis zu 2000 Stück herstellen.
Vom Lazarett in die Bürstenherstellung
Andreas-Bürsten ist ein Familienbetrieb. Michael Andreas führt das Unternehmen in dritter Generation. Sein Vater Udo ist trotzdem weiterhin im Betrieb unterwegs und „überwacht“ das Geschehen. „Ganz kann er noch nicht loslassen“, sagt Andreas lachend. Sein Großvater Ernst habe den Grundstein für das Unternehmen gelegt. Dieser stammte aus Ostpreußen und hat vor Beginn des Zweiten Weltkriegs als Fernmeldemechaniker der Deutschen Bundespost Telefonmasten gewartet. Während des Krieges wurde Ernst Andreas in die Wehrmacht eingezogen und später durch einen Beinschuss verwundet. Im Lazarett in Swinemünde nahm er an einem Besenbinder-Kurs teil.
Nach Kriegsende wurde Preußen zwischen Russland und Polen aufgeteilt, die deutsche Bevölkerung vertrieben. So kam Ernst Andreas nach Aurich. Aufgrund seiner Verletzung konnte er schwerlich wieder Telefonmasten hinaufklettern und so erinnerte er sich an seinen Lazarettkurs. Die selbst hergestellten Bürsten und Besen konnte man zu jener Zeit gut gegen Lebensmittel tauschen. „Das lief dann wohl ganz gut und so wurde die Produktion immer weiter ausgebaut“, berichtet Enkel Michael. Die Borsten für seine Werkzeuge bekam Andreas aus einem Schlachterbetrieb in Schirum, das Holz stammte aus heimischen Beständen. „Da es hier nicht so viel Bewaldung gibt, ist die Produktion stückzahlmäßig stets eingeschränkt gewesen“, erklärt Michael Andreas. „Durch meinen Großvater sind wir aber nun einmal hier gelandet und deswegen mehr oder weniger die einzige Bürstenfabrik hier oben.“
Vorstadt schlägt Stadtzentrum
Seinen Anfang nahm der Betrieb in der Wallstraße. 1953 zog es an den Lüchtenburger Weg, in unmittelbarer Nähe zum heutigen Einkaufszentrum Caro. Irgendwann reichte der Platz für die zunehmende Holztrocknung und -lagerung aber nicht mehr aus. Außerdem konnten die Brandschutzvorgaben nicht mehr eingehalten werden. So zog das Unternehmen 1964 in das neu ausgeschriebene Gewerbegebiet nach Kirchdorf. Dort blieb es jedoch die einzige Firma, denn die Gemeindereform 1972 machte Kirchdorf zu einem Auricher Stadtteil und die Stadt hatte schon das gesamtstädtische Gewerbe- und Industriegebiet Aurich Süd angeleiert.
Seine Lagerflächen hat der Betrieb auch hier nach und nach ausgebaut. Vor ungefähr zwei Jahren wurden zudem neue Produktionsmaschinen angeschafft. Die Computer der in Freiburg entwickelten Geräte sind an allen Maschinen identisch. So kann jeder Mitarbeiter bei Andreas-Bürsten nahezu jedes Gerät bedienen – praktisch, insbesondere bei Krankheit und Urlaub. Einen Totalausfall hat es Michael Andreas zufolge bisher noch nicht gegeben. Bei Kleinigkeiten könne man die Maschinen schnell selbst reparieren. Im Fall eines Computerschadens werden die Geräte vom Hersteller per Fernzugriff gewartet.
Klein, aber oho!
Trotz seiner ausgedehnten Produktionsfläche ist das Auricher Bürstenunternehmen klein: Michael Andreas beschäftigt neun feste Mitarbeiter. Dazu kommen gelegentlich Aushilfskräfte. Alle stammen aus dem Kreis Aurich, wohnen teilweise sogar direkt nebenan. Die meisten Mitarbeiter sind bereits seit mehr als zehn Jahren im Betrieb angestellt. „Wir wissen einfach gegenseitig, was wir aneinander haben“, erklärt Andreas.
Eine Ausbildung braucht man bei Andreas-Bürsten nicht. „Natürlich sollte man ein Grundverständnis von Maschinen und Elektrik haben. Zwingend notwendig ist das aber nicht.“ Andreas selbst ist gelernter Bürokaufmann. Ob er trotzdem in der Produktionshalle mit anpacken könne? Er lacht: „Wenn es drauf ankommt, bestimmt. Aber als Geschäftsführer wurde ich zu einem Dasein als Bürohengst verdonnert.“ Die Stimmung in der Produktionshalle und im Lager ist gut. Der Geschäftsführer pflegt einen lockeren Umgang zu seinen wenigen Angestellten.
Einer der Männer an den Maschinen ist Harald Münke. Der 56-Jährige feierte in der vergangenen Woche seine 14-jährige Firmenangehörigkeit bei Andreas-Bürsten. Vor seiner Beschäftigung hier hat er unter anderem in einer Stanzenfabrik gearbeitet. Ob diese Arbeit ihm nicht manchmal ein wenig eintönig erscheint? „Na ja, wenn man es genau nimmt, macht man eigentlich in jedem Beruf irgendwann immer das Gleiche“, sagt er.
„Früher wurden die Borsten noch handeingezogen“
Münke arbeitet an einer Maschine, die Löcher in die vorgeschnittenen Bürstenhölzer bohrt und danach die einzelnen Borstenbüschel in die Löcher „einschießt“. Bevor das geschieht, versieht das Gerät die Büschel mit einem Widerhaken aus Draht, damit die Borsten später auch fest im Holz verankert sind. „Früher wurden die Borsten noch handeingezogen. Dafür brauchte man viel Körperkraft“, berichtet Michael Andreas. Nun legt Harald Münke die Hölzer zunächst in die Maschine, wartet den Vorgang ab, nimmt sie wieder heraus und legt sie dann auf ein Förderband, auf dem die Borsten auf die gleiche Länge zugeschnitten und noch einmal durchgekämmt werden.
Die Sicherheit an der Maschine wird durch Lichtschranken gewährleistet. Sollte Münke an einem nicht dafür vorgesehenen Punkt in das Gerät hineingreifen, wird ein automatischer Stopp ausgelöst. Am Ende legt der 56-Jährige die fertigen Bürsten in Kartons, klebt sie zu und fertig sind die Reinigungshilfen zum Abtransport in die benachbarten Lagerhallen. Ob er nach seinem Arbeitstag in der Produktionshalle nicht einen Tinnitus habe? „Nö, da bin ich mittlerweile abgehärtet“, sagt Münke grinsend.
Ich und mein Holz
„Früher haben wir auch die Holzfertigung selbst gemacht. Aber die Stromkosten liefen irgendwann ins Unermessliche“, erklärt Geschäftsführer Michael Andreas. Heute bezieht er sein bereits zugeschnittenes Holz aus der Westukraine. Zu Beginn des dortigen Krieges gab es selbstverständlich Lieferengpässe. Mittlerweile habe sich die Situation aber normalisiert. Sein Lieblingsholz? „Buche – das hat kaum Maserung und sieht deswegen einfach schick aus.“
Bei der Auswahl seiner Hölzer legt der 54-Jährige mittlerweile Wert darauf, nur noch mit FSC-Holz zu arbeiten. FSC steht für „Forest Stewardship Council“, ein internationales Zertifizierungssystem für nachhaltige Waldwirtschaft. Die Verwendung von ungeprüftem Holz kann Andreas inzwischen „einfach nicht mehr mit dem eigenen Gewissen vereinbaren“.
Ganz im Sinne der Nachhaltigkeit verarbeitet Andreas-Bürsten seit ungefähr drei Jahren auch Kunststoffkörper und -borsten aus recyceltem Material. Der Rohstoff dafür wird aus sogenannten Post-Consumer-Abfällen gewonnen, also aus normalem Hausmüll. „Kunststoff ist gar nicht so verkehrt, wenn man es richtig macht“, erklärt Michael Andreas. Er sei unbegrenzt wiederverwendbar. Holz hingegen könne man nur einmal benutzen.
Borsten aus aller Welt
Für seine Borsten bezieht das Auricher Unternehmen Materialien aus der ganzen Welt. Dazu gehören Kunststoff aus Ungarn, Kokos aus Sri Lanka, Arenga aus Indonesien, Fibre aus Mexiko, Bahia aus Brasilien und Rosshaar aus Argentinien und Paraguay. Jedes Material hat nicht nur eine eigene Farbe, sondern auch individuelle Eigenschaften. So ist beispielsweise die gelbe Fibre-Faser besonders hitzebeständig und das schwarze Arenga wasserresistent. Damit sind die Borsten für die unterschiedlichsten Einsatzgebiete geeignet.
Die bereits eingefärbten und vorgeschnittenen Kunststoffe, Pflanzenfasern und Tierhaare nimmt Michael Andreas Importeuren in entsprechender Stückzahl ab. Für eigene Importverträge oder die Abnahme ganzer Containerladungen aus Hamburg oder Rotterdam sei das Unternehmen und sein Kundenkreis zu klein.
Am Ende unseres Besuchs bei Andreas-Bürsten bekommen wir jeweils einen Handfeger und einen Besen mit pinkfarbenen Borsten geschenkt – nicht gerade meine Lieblingsfarbe, aber dennoch ein nettes Andenken. Auch wenn damit wahrscheinlich die Verpflichtung einhergeht, endlich meinen schmuddeligen Hauseingang zu fegen…
Putzfimmel oder einfach nur Interesse an der Bürstenbranche?
Andreas-Bürsten wird im Mai 2024 zusammen mit dem dänischen Bürstenhersteller Fyens Børste- & Kostefabrik aus Odense auf der Interclean-Messe in Amsterdam ausstellen und dort Besen und Bürsten für die Reinigungsbranche präsentieren. WIR STELLEN AUS - INTERCLEAN 2024 Halle 05 Stand 318 Andreas Bürsten GmbH stellt zusammen mit FBK (Fyens Børste- &...