Berlin Homophobe Rechtsradikale: Warum Hape Kerkeling Berlin verlassen hat
Hape Kerkeling ist nach Köln umgezogen – weil er und sein Mann sich in Berlin nicht mehr sicher fühlen. Im Interview benennt er den Grund: Die Homophobie von Rechtsradikalen, die mutiger werden: „Die Leute trauen sich, Dinge zu sagen und zu tun, die sie vor 20 Jahren nicht getan hätten.“
Seit vier Jahrzehnten gehört Hape Kerkeling in Deutschland zur Familie. Als Zwanzigjähriger geht er ins Fernsehen, er prägt die TV-Komik der 80er und den Kinohumor der 90er. Mit seinem Pilgerbuch und den Memoiren seiner traumatischen Kindheit wird er dann vom Klassenclown zur Identifikationsfigur. Sieht er selbst sich auch so? Vor dem Filmstart von „Kung Fu Panda 4“, in dem Kerkeling wieder den Titelhelden spricht, haben wir ihn genau das gefragt.
Frage: Herr Kerkeling, im neuen „Kung Fu Panda“-Film sprechen Sie den Titelhelden Po. Der muss diesmal buchstäblich den Stab an die nächste Generation übergeben – kann aber nicht loslassen. Wie nahe fühlen Sie sich dieser Rolle?
Antwort: Der Po ist mir sehr nahe in allem, was er tut – auch mit dem Thema, den Stab weiterzugeben.
Frage: Eine schöne Zeile des Kung-Fu-Pandas lautet: „Ich war versessen darauf, dass alles bleibt, wie es ist.“ Zur Antwort kriegt er dann, dass gute Dinge auf Dauer den Geschmack verlieren. Ist das der Grund, warum Sie so viele neue Karrieren angefangen haben? Fernsehen, Kino, Bücher, Schlager …
Antwort: Was das Berufliche angeht, bin ich wirklich sehr unstet. Keine meiner Serien habe ich länger als zwei Jahre betrieben. Vom Komiker zum Schauspieler, vom Schauspieler zum Autor, ich hab alles probiert. Am Ende kommt da vielleicht kein überschaubares Werk zustande, sondern eher ein Patchwork-Teppich. Den finde ich aber ganz okay. Und so unstet ich im Beruf bin, so stet bin ich im Privaten. In Freundschaften, in der Liebe und in der Familie bin ich sehr treu.
Frage: Ihren Figuren sind Sie auch treu. Nach knapp 20 Jahren haben Sie gerade Edwin reaktiviert. Der glücklose Animateur aus dem „Club Las Piranjas“ hat eine eigene Serie bekommen. Haben Sie Lust, das bei anderen Figuren zu wiederholen?
Antwort: Ich werde oft gefragt, ob ich den Peter Schlönzke nochmal aufgreifen würde. Das ist der Schnittchenauslieferer, der im Film „Kein Pardon“ zum Showmaster aufsteigt. Was aus dem geworden ist, wäre interessant. Und ja, mit dem Gedanken trage ich mich. Aber vielleicht bleibt es auch ein Gedanke.
Frage: Ihre allererste Fernsehendung lief 1984 …
Antwort: Moment mal, dann ist das ja 40 Jahre her!
Frage: Genau, Sie haben Fernsehjubiläum und ein runder Geburtstag steht auch ins Haus. Wie feiern Sie?
Antwort: Mit großem Schrecken feiere ich das. Ich stehe davor und denke mir: Du liebes bisschen! Boah! Eine lange Zeit.
Frage: Auf Ihrem Schlageralbum singen Sie: „Ich fühl mich sexy, wenn ich tanz“. Ich kenne sonst keinen, der das von sich sagt. Und mit dem Alter wird das doch eher schlimmer.
Antwort: Mir geht es natürlich genauso. Aber ich arbeite immer noch dran.
Frage: Wussten Sie übrigens, dass der Grund Ihres „Let’s Dance”-Abschieds auch nach 17 Jahren noch eine der häufigsten Google-Suchfragen zu Ihrem Namen ist?
Antwort: Den Grund kann ich verraten. Ich hatte gemerkt, dass ich nach zwei Staffeln an meine Grenzen komme. Die Sendung musste die Tänzer und die Jury in den Vordergrund stellen und der Moderator verlor an Bedeutung. Nicht, dass wir uns missverstehen. Daniel Hartwich macht das ganz wunderbar. Aber die Show ist jetzt anders. Für „Let’s Dance” zählt das Ensemble. Ich bin mehr so der Typ One-Man-Show.
Frage: Show-Talente starten heute im Internet – dem Sie sich verweigern. Sogar aus Ihrem „Cat Content” haben Sie keine YouTube-Videos gemacht, sondern ein Katzenbuch.
Antwort: Beim Fernsehen gibt es so eine gesunde Distanz zum Zuschauer. Beim Podcast, bei Instagram und Youtube gehört das Publikum zur erweiterten Familie. Das möchte ich gar nicht. Wenn ich vor einem Saal mit 2000 Leute stehe, dann liebe ich die Menschen alle. Aber ich möchte nicht mit jedem einzelnen in Kontakt treten. Ich fürchte, dass viele Youtuber sich da von etwas Unnatürlichem auffressen lassen. Wir können nicht zu so vielen Menschen Kontakt aufnehmen. Wir können nicht so viele intensive Beziehungen führen. Aber natürlich darf es das alles geben. Es ist wie mit der Leichtathletik: Ein toller Sport. Aber selbst mache ich das nicht.
Frage: Konnte ein Buch wie die Autobiografie über Ihr Kindheitstrauma vielleicht nur deshalb so persönlich werden, weil das Medium selbst die Distanz wahrt?
Antwort: „Der Junge muss an die frische Luft” habe ich auf Du und Du mit dem Leser geschrieben. Ich habe mir immer jemanden vorgestellt, der zu Hause auf dem Balkon sitzt, mit einem Glas Wein oder einer Zigarette, und dieses Buch liest. Das geht nicht mit einer Youtube-Gemeinde, die alles kommentiert.
Hier sehen Sie den Trailer zum neuen „Kung Fu Panda“:
Frage: Der Kung-Fu-Panda soll im neuen Film nur deshalb den aktiven Kampf aufgeben, damit er ein spiritueller Führer wird. Lässt sich auch das auf Sie beziehen, auf den Weg vom Quatschmacher zur nationalen Identifikationsfigur? … Ich sehe Sie vorsichtig nicken.
Antwort: Na ja, ich höre Ihnen zu. Ich weiß nicht, ob Ihre Wahrnehmung der nationalen Identifikationsfigur übertrieben oder gerechtfertigt ist. Wenn das so ist, finde ich das irritierend, aber auch schmeichelhaft. Ach, was soll’s! Einer muss es ja machen.
Frage: Sie müssten es an den Reaktionen merken. Zu Ihrem Pilgerbuch und zur Kindheitsgeschichte kamen sicher viele Briefe. Und nach dem Katzenbuch haben Sie vermutlich die Geschichten aller deutschen Katzen erzählt bekommen.
Antwort: Das habe ich auch! Bilder bekomme ich auch, und nicht wenige. Am Anfang dachte ich: Das nervt jetzt bestimmt, wenn mir alle ihre Katzenfotos schicken. Nein, tut es nicht. Wir sammeln alle und staunen, was Katzen so alles können.
Frage: Beim Pilgern und den Kindheitserinnerungen schreiben die Menschen dann sicher mehr über sich selbst.
Antwort: Stimmt. Einerseits fühle ich mich überfordert. Andererseits bin ich da wohl der richtige Ansprechpartner. Mir ist noch nie ein Brief untergekommen, den ich irgendwie doof gefunden hätte. Ich habe ein tiefes Verständnis für die Leute. Als ich „Ich bin dann mal weg“ geschrieben habe, hätte ich nie geglaubt, dass es das erfolgreichste Buch nach dem Krieg werden würde. Ich hatte so mit 20.000 Lesern gerechnet. Und dann waren es fünf Millionen, von denen viele sich damit identifizieren. Das Buch hat eine Bedeutung bekommen, die ich nie erwartet hätte, – und mit dem Buch auch ich. Leider ist es unmöglich, allen zu antworten. Ich nutze gern die Gelegenheit, mich bei jedem zu entschuldigen, der keine Post bekommen hat.
Frage: Thomas Gottschalk ist keine Generation älter als Sie und hat das Gefühl, dass sein Humor nicht mehr erwünscht ist. Können Sie ihn verstehen?
Antwort: Da halte ich es mit Liz Windsor, Gott hab sie selig: „Never complain, never explain.” (Etwa: Nie jammern, nie erklären.) Wir müssen damit leben. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Ich kommentiere ungern Kollegen.
Frage: Die Erfahrung macht wahrscheinlich jeder: dass Dinge, die man für selbstverständlich gehalten hat, es für die Jüngeren nicht mehr sind.
Antwort: Ich erkenne da für mich keine Not. Die Dinge verändern sich, manche zum Guten, manche zum Schlechten. Und diese Prozesse beschleunigen und vervielfältigen sich. Aber es ist ja nicht alles schlecht. Wenn ich mit den wunderbaren Kollegen meines Hörbuchverlags zusammensitze, dann haben die das Gendern richtig verinnerlicht. Ich muss immer noch nachdenken, wenn ich gendern will oder muss oder kann. Manchmal finde ich es wichtig, manchmal sperrig. Ob ich mich da noch reinfinde – schauen wir mal.
Frage: In den 80ern haben Komiker wie Sie oder Loriot eine Gesellschaft parodiert, die es nicht mehr gibt. Damals war das Land ziemlich spießig und ausgrenzend. Heute ist es viel inklusiver. Ist es trotzdem noch spießig?
Antwort: Dass wir unsere Sprache überprüfen, dass wir unsere Kultur verändern, ist ja erstmal etwas sehr Wertvolles. Die Spießigkeit gibt es nicht mehr. Was es immer noch gibt, ist ein völlig abstruses rechtsradikales Gedankengut, das offenbar von vielen Leuten geteilt wird.
Frage: Haben Sie eine Erklärung dafür, woher die Wut kommt, die die Rechten mobilisiert? Wir leben in Deutschland sehr gut. Warum fühlen sich so viele ungerecht behandelt?
Antwort: Ich habe nur so eine Theorie: Vielleicht ist es wegen der Warteschleifen.
Frage: Wegen der Warteschleifen? Am Telefon?
Antwort: Es ist nur ein Verdacht. Aber in den letzten 20 Jahren mussten die Menschen viel in Warteschleifen hängen. Sie warten auf den Handwerker, auf die Bearbeitung ihrer Internetleitung und den Versicherungsantrag. Und immer wieder machen sie die Erfahrung: Keiner ruft zurück, niemand ist verantwortlich – egal, mit wem sie sprechen. Es nützt ihnen gar nichts, dieses Gespräch. Das schürt unendliche Wut. Es wäre gut, wenn Firmen Verantwortung wieder personalisieren würden. Derjenige, bei dem ich meinen Flug buche, soll beim nächsten Anruf wieder erreichbar sein. Das muss möglich sein. Bestimmt ist das nicht der Hauptgrund für unsere Probleme. Aber es hat dazu geführt, dass die Menschen sich sehr verloren und verlassen fühlen.
Frage: Ein verblüffender Gedanke – aber wahrscheinlich wirklich nicht Hauptgrund für den Rechtsruck.
Antwort: Der Hauptgrund ist natürlich, dass das rechtsradikale Gedankengut in allen Medien präsent ist. Das hat es vor 30 Jahren nicht gegeben. Da kam einer mit rechtsradikalen Gedanken einfach nicht ins Fernsehen.
Frage: Vorhanden waren rechtsradikale Ideen natürlich auch damals. Sonst hätte es die Brandanschläge der 90er nicht gegeben.
Antwort: Es war da und wir haben es nicht ernst genug genommen. Man muss einer so gewaltbereiten Bewegung angemessen begegnen. Ich bin froh, dass es jetzt die Demonstrationen gibt, dass die Mehrheit aufsteht und sich diesem widerlichen Gedankengut widersetzt.
Frage: Bei Maybrit Illner haben Sie berichtet, dass Sie aus Berlin nach Köln gezogen sind, weil die Stadt homophober wird – ausgerechnet Berlin, das Feindbild der Rechten. Können Sie Ihre Erfahrung am Beispiel festmachen?
Antwort: Also, grundsätzlich haben wir als Ehepaar erlebt, dass die Stimmung in Berlin homophober wird. Und zwar durch einen Rechtsradikalismus, der mutiger geworden ist. Die Leute trauen sich, Dinge zu sagen und zu tun, die sie vor 20 Jahren nicht getan hätten. Die wissen heute, dass sie nicht allein sind. Als Teil einer diffusen Masse fühlen sie sich stark. Und das ist bedrohlich. Ausschlaggebend war eine ganz fürchterliche „Bärgida”-Demonstration, die völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Das war auf der Kantstraße in Charlottenburg. Die Polizei war nicht mehr in der Lage, diesen gewaltbereiten Strom einzudämmen. Das hat uns sehr zu denken gegeben. Viele Menschen erkennen mich und wissen, dass ich homosexuell bin. Ich bin eine Provokation, wenn ich über die Straße gehe. Das kann zu unangenehmen Situationen führen. Und das hat es auch. So oft, dass wir gesagt haben: Wir gehen.
Frage: Vor 15 Jahren haben Sie als Horst Schlämmer Wahlkampf gemacht und in der Rolle mit realen Politikern gesprochen. Heute müssten Sie dabei entscheiden, ob Sie auch den Bürgermeister-Kandidaten der AfD treffen – und ihm ein Forum bieten. Oder ob Sie es lassen – und ihm die Opferrolle ermöglichen.
Antwort: So ein Projekt wäre heute viel schwieriger. Ich befürchte, dass es vonseiten der radikalen Partei so aggressiv würde, dass man es gar nicht mehr senden könnte. So weit sind wir heute wohl schon.
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