Trotz harter Arbeit  Das Herz von Paul Zimmer hängt immer noch an der Ziegelei

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 04.03.2024 19:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Paul Zimmer steht in einem Teil des riesigen Ringofens, in dem die Backsteine aufgestapelt und gebrannt wurden. Foto: Ortgies
Paul Zimmer steht in einem Teil des riesigen Ringofens, in dem die Backsteine aufgestapelt und gebrannt wurden. Foto: Ortgies
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Paul Zimmer hat 18 Jahre in der Ziegelei Cramer in Midlum Schwerstarbeit geleistet. Der 88-Jährige erzählt, warum es ihm so wichtig ist, die Erinnerung an das Ziegeleiwesen wach zu halten.

Midlum - Die roten Klinkersteine finden sich weit über die Grenzen Ostfrieslands verteilt. Viele alte Kirchen, Wohnhäuser und Bauernhöfe wurden mit ihnen gebaut. Gefertigt wurden die Ziegel auch im Rheiderland. „Allein zwischen Bingum und Ditzum gab es nach dem Zweiten Weltkrieg elf Ziegeleien“, weiß Paul Zimmer. Der 88-Jährige ist selbst so etwas wie ein Urgestein des Ziegeleiwesens. Er hat in der Ziegelei Cramer in Midlum gearbeitet, bis dort 1972 die Produktion eingestellt wurde. Inzwischen ist das Gebäude ein Museum. Der Midlumer hat es vor mehr als 26 Jahren mit aufgebaut und erzählt heute Besuchergruppen bei Führungen, wie es damals so war, dort zu arbeiten. „Mein Herz hängt an der Ziegelei“, sagt der Midlumer.

Neben Vollziegeln wurden in Midlum auch Backsteine mit Schlitzen produziert. Foto: Ortgies
Neben Vollziegeln wurden in Midlum auch Backsteine mit Schlitzen produziert. Foto: Ortgies
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Auf den Spuren der Klinkersteine | Die alte Ziegelei in Midlum
04.03.2024

Ein gebürtiger Rheiderländer ist Zimmer nicht. 1946 kam er mit seiner Mutter, seiner Oma und seiner Schwester als Flüchtling aus Schlesien ins Rheiderland. „Mein Vater ist im Krieg in Russland vermisst geblieben.“ Als zehnjähriger Schuljunge habe er erstmals einen Blick in eine Ziegelei geworfen. „Der Ziegeleibesitzer Leding war ein netter Mann. Vorne auf dem Tank seiner Zündapp hat er mich zur Ziegelei, die neben der Ziegelei Cramer stand, mitgenommen.“ Der riesige Brennofen habe ihn besonders fasziniert. „Damals schon stand für mich fest, dass ich einmal dort arbeiten möchte.“ Bis dahin sollten allerdings noch ein paar Jahre vergehen. „Weil dort im Akkord gearbeitet wurde, lag das Mindestalter bei 18 Jahren.“

Mit dieser manuellen Schneidemaschine wurden die Backsteine in Form geschnitten. Foto: Ortgies
Mit dieser manuellen Schneidemaschine wurden die Backsteine in Form geschnitten. Foto: Ortgies

Vom Bergmann zum Ziegler

Nachdem Paul Zimmer mit 15 Jahren seine Schulzeit beendet hatte, machte er zunächst eine Ausbildung zum Bergmann in Dortmund. „Als ich meinen Knappenbrief in der Tasche hatte, habe ich dort noch ein Jahr lang Geld verdient.“ Die Großstadt und die Zeche mit 6000 Beschäftigten – das sei nicht seine Welt gewesen. „Ich bin ein Landmensch“, sagt Zimmer über sich selbst. Und so kehrte er als 19-Jähriger zurück nach Midlum. „Weil ich da alt genug war, konnte ich angefangen, in der Ziegelei Cramer zu arbeiten“, erzählt der 88-Jährige, für den damit ein Kindheitstraum in Erfüllung ging.

Paul Zimmer erzählt Besuchern bei Führungen viel Wissenswertes über seine Frühere Arbeit in der Ziegelei Cramer in Midlum. Foto: Orgies
Paul Zimmer erzählt Besuchern bei Führungen viel Wissenswertes über seine Frühere Arbeit in der Ziegelei Cramer in Midlum. Foto: Orgies

An seinen ersten Arbeitstag kann er sich noch ganz genau erinnern. 1955 war das. „Die Arbeit war sehr schwer: Ich musste die gepressten Ziegelrohlinge mit einer Pritschenkarre zum Trockenschuppen bringen.“ Alles im Dauerlauf. „Wir brauchten damals keine Muckibude“, lacht er. Gearbeitet wurde in der Woche von 6 bis 17 Uhr, samstags bis mittags. „Eine Stunde war immer Mittagspause.“ Die meisten der etwa 25 Arbeiter wohnten in der Umgebung und fuhren mit dem Fahrrad zum Essen nach Hause.

Paul Zimmer führt regelmäßig Besucher durch die Ziegelei. Foto: Ortgies
Paul Zimmer führt regelmäßig Besucher durch die Ziegelei. Foto: Ortgies

Ziegeleisaison endete am Gallimarkt

Je nach Jahreszeit dauerte es nach seinen Worten drei bis fünf Wochen, bis die Rohlinge getrocknet und damit zum Brennen bereit waren. Der riesige gemauerte Ringofen ist das Herzstück der Ziegelei und bis heute erhalten. „Der ging praktisch nie aus.“ Die Rohlinge wurden in den einzelnen Kammerabschnitten des Ofens aufgestapelt. Jeder Stein habe 48 Stunden lang im Feuer gestanden. Die Hitze sei enorm gewesen. „Der Brennofen wurde mit Kohle befeuert und hatte eine Temperatur von über 1000 Grad“, erzählt Zimmer. Der Qualm wurde über den 42 Meter hohen Schornstein abgeleitet, der zwar einige Zentimeter eingebüßt hat, aber mit dem Schornstein der benachbarten Ziegelei Leding so etwas wie das Wahrzeichen Midlums ist.

Paul Zimmer zeigt einen Backstein, der in der Ziegelei Cramer hergestellt wurde. Foto: Ortgies
Paul Zimmer zeigt einen Backstein, der in der Ziegelei Cramer hergestellt wurde. Foto: Ortgies

Die Ziegeleien Cramer und Leding im Midlumer Deichvorland waren im Rheiderland übrigens nicht die einzigen. „Allein zwischen Bingum und Ditzum gab es elf Betriebe“, erzählt Paul Zimmer. Grund dafür war auch die Nähe zur Ems. Dort wurde Sand für die Produktion gewonnen, neben Kleiboden aus dem Rheiderland, das Hauptmaterial. „Das Rohmaterial wurde mit Maschinen je nach Verwendungszwck in unterschiedliche Formen gepresst.“ Neben Vollziegeln gab es auch welche mit unterschiedlichen Schlitzen. Einige davon sind ieim Museum ausgestellt.

Die ehemalige Ziegelei Cramer liegt an der Ems im Deichvorland von Midlum. Foto: OZ-Archiv
Die ehemalige Ziegelei Cramer liegt an der Ems im Deichvorland von Midlum. Foto: OZ-Archiv

1972 war der Ofen aus

Insgesamt 25 Mitarbeiter waren laut Zimmer in der Ziegelei Cramer beschäftigt. „Die Saison dauerte von März bis zum Gallimarkt“, erzählt der 88-Jährige. Bei Frost wären die Rohlinge gefroren und unbrauchbar geworden. Wenn die Saison vorrüber war, gingen die meisten Ziegeleimitarbeiter stempeln. „Wer nicht verheiratet war, wurde aber auch in die Landwirtschaft vermittelt. Manche sogar bis nach Münster.“ Dieses Schicksal sei ihm erspart geblieben, weil er im Alter von 26 Jahren geheiratet habe.

1972 war der Ofen aus. Die Ziegelproduktion in Midlum war nicht mehr rentabel und wurde eingestellt. „Das war nicht schön, aber es ließ sich ja nicht ändern“, blickt Paul Zimmer zurück. Bis zur Rente habe er dann bei den Libby-Werken in Leer gearbeitet. „Das war eine körperlich deutlich weniger anstrengende Arbeit.“ Doch die Faszination und Begeisterung für das Ziegeleiwesen ließ Zimmer nicht los. 1998 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Ziegeleivereins. Der hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das seit der Stilllegung 1972 zur Ruine verfallene Gebäude wieder aufzubauen.

Der Schornstein der Ziegelei Cramer ist schon von weitem zu sehen und so etwas wie das Wahrzeichen von Midlum. Foto: Gettkowski
Der Schornstein der Ziegelei Cramer ist schon von weitem zu sehen und so etwas wie das Wahrzeichen von Midlum. Foto: Gettkowski

„Die Mühe hat sich gelohnt“, bilanziert Paul Zimmer. Die Ziegelei Cramer ist inzwischen ein Museum, dort finden aber auch Kunstausstellungen, Lesungen und andere Veranstaltungen statt. Das Kulturdenkmal hält die Erinnerung an den einst so bedeutenden Wirtschaftszweig im Rheiderland lebendig. „Sonst wäre das für nachfolgende Generationen für immer verloren gegangen“, sagt Paul Zimmer, „das wär‘ doch schade gewesen.“

Der riesige Ringofen ist das Herzstück der Ziegelei. Foto: Ortgies
Der riesige Ringofen ist das Herzstück der Ziegelei. Foto: Ortgies

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