Berlin  Was unterscheidet den Menschen noch vom Tier?

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 05.03.2024 11:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Orang-Utans nutzen Blätter als Serviette: ein Beispiel für Kulturtechniken beim Tier. Foto: imago/blickwinkel
Orang-Utans nutzen Blätter als Serviette: ein Beispiel für Kulturtechniken beim Tier. Foto: imago/blickwinkel
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Werkzeuggebrauch, Kultur und die Ausbildung einer individuellen Persönlichkeit: Vieles, was einmal als Alleinstellungsmerkmal des Menschen galten, ist längst auch bei Tieren nachgewiesen. Die Verhaltensbiologen Norbert Sachser und Niklas Kästner schildern verblüffende Beispiele.

Vor 50 Jahren galten Tiere als triebgesteuerte Automaten, über deren Gefühle sich nichts aussagen lässt. Seitdem hat die Wissenschaft den Abstand zwischen uns und den anderen Spezies massiv schrumpfen lassen. Die Münsteraner Verhaltensbiologen Prof. Norbert Sachser und Dr. Niklas Kästner sprechen im Interview über das Denken, Fühlen und die Persönlichkeit von Tieren – und die Folgen für unseren Umgang mit ihnen. 

Frage: Vor 50 Jahren galten Tiere als etwas fundamental Anderes als Menschen. Was sind die wichtigsten Entdeckungen, die diese Sicht umgestürzt haben?

Antwort: Sachser: Ich bin mit der Lehrmeinung groß geworden: Tiere können nicht denken. Die kognitiven Fähigkeiten der Tiere sehen wir heute ganz anders. Es gibt Tiere, die sich im Spiegel erkennen. Es gibt Tiere, die planvoll handeln. Und es gibt Tiere, die sich in andere hineinversetzen können und ihr eigenes Verhalten daran anpassen.

Frage: Was weiß man inzwischen über Gefühle von Tieren?

Antwort: Sachser: Da hieß es lange: Tiere haben zwar Emotionen – wissenschaftliche Aussagen darüber können wir aber nicht treffen. Heute sagen wir: Basale Emotionen wie Furcht und Freude sind zumindest bei Säugetieren genauso vorhanden wie beim Menschen. Unsere Gehirnstrukturen sind sehr ähnlich; was beim Menschen Gefühle auslöst, verstehen wir biochemisch genau. Und bei anderen Säugetieren können wir dieselben Prozesse beschreiben. Bei komplexen Emotionen wird es schwieriger – aber auch da gibt es sehr viel Forschung, zu Eifersucht und Empathie, zum Frustrationsverhalten, zu Optimismus und Pessimismus; auch hier verhalten sich Säugetiere sehr ähnlich wie Menschen.

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Frage: Wie steht es mit der Persönlichkeit einzelner Tiere?

Antwort: Sachser: Früher glaubte man, Tiere kämen mit einem Set von Instinkten auf die Welt, die ihr Verhalten über Schlüsselreize steuern. Heute wissen wir, wie wichtig die Umwelt ist. Tiere werden sozialisiert, sie lernen in der Kindheit, dann einmal noch intensiv in der Adoleszenzphase und bei vielen Arten auch ein Leben lang. Dabei entwickeln sie Persönlichkeiten, die innerhalb ihrer Art ein großes Spektrum zeigen.

Frage: Sehen wir Tiere heute auch in dem Sinne realistischer, dass wir sie weniger idealisieren?

Antwort: Sachser: Lange galten Tiere als die besseren Menschen. Man glaubte, dass Tiere derselben Art einander nicht töten. Heute wissen wir: Tiere machen, was immer dazu beiträgt, Kopien ihrer Gene in die nächste Generation zu bringen. Sie kooperieren, sie haben Empathie. Aber sie drohen auch, sie töten die Kinder von Konkurrenten, sie vergewaltigen. Sie führen sogar Krieg: Filmaufnahmen von Schimpansen-Kriegen sind in ihrer Brutalität kaum zu ertragen.

Frage: Was unterscheidet uns trotzdem von allen anderen Tieren?

Antwort: Sachser: Kommunikation bei Tieren ist zwar viel komplexer, als wir einmal geglaubt haben. Aber etwas wie die menschliche Sprache haben sie nicht. Was Tieren auch fehlt, ist die bewusste Zukunftserwartung. Wir können uns vorstellen, was in Monaten, Jahren und über unsere eigene Lebensdauer hinaus sein wird. Bei Tieren ist planendes Verhalten maximal über einige Tage nachzuweisen. Das Eichhörnchen versteckt die Nüsse eben nicht bewusst; das ist ein instinktives Programm. Tiere kennen deshalb auch keine absichtsvolle Erziehung. Gleichzeitig fällt mir aber kein menschliches Merkmal ein, das Tiere nicht zumindest als Vorform aufweisen.

Frage: Wie sieht es bei den Kulturtechniken aus?

Antwort: Sachser: Auch Tiere geben Kulturtechniken weiter: Die eine Orang-Utan-Population nutzt Blätter als Servietten, die andere nicht. Ein Unterschied zum Menschen wird dabei mit dem Schlagwort der kumulativen Kultur beschrieben. Erfindungen werden im Tierreich nicht weiterentwickelt. Menschen knüpfen neue Ideen an schon bestehende. Damit lösen wir kulturelle Prozesse aus, die wir bei Tieren so nicht sehen.

Frage: Die Forschung misst die Leistungen von Tieren im Vergleich zu denen von Menschen. Ist sie damit blind für Fähigkeiten, die Tiere dem Menschen womöglich voraushaben?

Antwort: Kästner: Wir wissen, dass viele Tiere Sinne haben, über die wir nicht verfügen – etwa die Echo-Ortung bei Walen und Fledermäusen. Es ist denkbar, dass Tiere auch ganz andere Emotionen haben als wir. Aber es ist schwierig, nach Dingen zu suchen, die man nicht kennt.

Antwort: Sachser: Emotionen sind nicht vom Himmel gefallen. Auch sie sind eine Anpassung an die Umwelt, an die soziale und auch an die nicht-soziale. Wer mit seinen Gefühlen am besten in der Welt zurechtkommt, pflanzt sich fort und gibt die entsprechenden Gene weiter. Unsere Gefühle haben sich aber in einer bestimmten Umwelt entwickelt. Theoretisch wäre also vorstellbar, dass ein Meeressäuger oder eine Fledermaus in ihrer Höhle einen so anderen Lebensraum erobert haben, dass sie dabei auch ein anderes Set an Emotionen brauchen. Angst, Furcht und Freude dürften bei allen Tieren gleich sein. Aber vielleicht braucht die Fledermaus in ihrer Welt spezifische Emotionen, die wir uns nicht vorstellen können.

Frage: Haustiere, Nutztiere, Zootiere, Wildtiere: Wo muss unser Verhalten sich am dringendsten ändern?

Antwort: Sachser: Spontan würde ich Nutztiere sagen, schon wegen der Zahl: Allein in Deutschland sind es elf Millionen Rinder, 20 Millionen Schweine und beim Geflügel 170 Millionen. Aber was man leicht unterschätzt, ist der extreme Einfluss, den unser Verhalten auf die Wildtiere hat. Unser Lebensstil inklusive unseres CO2-Fußabdrucks hat sehr viel mit dem Verlust der Artenvielfalt zu tun. Vielen unserer rund 30 Millionen deutschen Haustieren geht es aber auch nicht gut; zum Beispiel, weil sie auf Schönheitsmerkmale hin gezüchtet werden, die genetisch mit schweren Krankheiten einhergehen. Vielleicht sollten wir lieber fragen, wo man am einfachsten etwas erreicht. Das wäre die Landwirtschaft: Das Leid der Nutztiere ist hoch und mit relativ wenig Einsatz kann man es minimieren. Es hilft schon, wenn jeder ein bisschen weniger Fleisch isst.

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