Osnabrück  Immanuel Kant zwischen Billardtisch und philosophischen Paragraphen

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 27.02.2024 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Philosoph schaut uns an: Eine Besucherin geht in der Ausstellung an dem Bild „Immanuel Kant am Schreibtisch“ aus dem Jahr 1872 von Johannes Haydeck vorbei. Foto: picture-alliance/dpa
Der Philosoph schaut uns an: Eine Besucherin geht in der Ausstellung an dem Bild „Immanuel Kant am Schreibtisch“ aus dem Jahr 1872 von Johannes Haydeck vorbei. Foto: picture-alliance/dpa
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Wie stellt man einen Philosophen und seine Ideen aus? Die Bonner Bundeskunsthalle macht aus Immanuel Kant einen Denker der offenen Fragen – und lädt dabei zum Mitdenken ein.

Wird Immanuel Kant heute noch gelesen? Anton Alichanow zumindest hat seinen Kant offenbar gut im Kopf. Von Kant führe eine direkte Linie zum „globalen Chaos, mit dem wir es zu tun haben“ und zum Krieg in der Ukraine, weiß Alichanow, Gouverneur der russischen Exklave Kaliningrad. Man reibt sich die Augen? Kant und das Chaos? Ausgerechnet die Denkmaschine von Königsberg, so hieß Kaliningrad früher, die sich von ihrem Diener Martin Lampe immer um 4:45 Uhr wecken ließ?

„Es ist Zeit“: Mit diesen Worten holt Lampe den Meisterphilosophen Tag für Tag, jahrelang, aus dem Schlummer. Was darauf folgt, ist ein Tageslauf, der wie ein Uhrwerk abschnurrt. Die Menschen in Königsberg sollen sich die Uhr nach dem vorübergehenden Kant gestellt haben. Auch im Spaziergang immer auf die Minute pünktlich. Das ist Kant, ein Mensch als wandelndes Pflichtgefühl.

300 Jahre Kant: Der Geburtstag dieser personifizierten Drehscheibe der Philosophiegeschichte jährt sich am 22. April. Der Philosoph aller Philosophen ist pünktlich zum Jahrestag wieder in aller Munde. Auch bei Alichanow, dem russischen Gouverneur, der in Immanuel Kant das Problem aller Probleme erkennt. Mit einem Mal ist Kant der Vordenker dessen, was Alichanow als westliche Dekadenz ausmacht. Kant, das ist für ihn die moralische Indifferenz.

Wirklich? „Handle so, dass die Maxime Deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte“. Wer spürt bei diesem Satz nicht die kühle Strenge einer moralischen Verpflichtung, die ihren Griff niemals lockern wird, ein Leben lang? Immanuel Kant, das wandelnde Ideengebäude, dessen irdische Existenz von 1724 bis 1804 dauert, stellt alle Gewissheit auf die Probe. Die Konsequenz: Er schreibt alles noch einmal neu auf, radikal gedacht, wie für die Ewigkeit in Paragraphen gegossen.

Ob der kategorische Imperativ oder das interesselose Wohlgefallen – Immanuel Kant lebt fort als großer Stichwortgeber der Vergangenheit. Seine Setzungen stecken jenen Denkraum ab, den wir Heutige, so scheint es, weiter bewohnen. Welche gangbaren Wege führen auf dieses Areal? Die Bonner Bundeskunsthalle kartiert Immanuel Kant nach, transponiert sein Textgebirge in den Ausstellungsraum. Ein heikles Projekt, das in Bonn mehr als respektabel gelingt.

Wie stellt man Philosophie aus? Anders gesagt: Wie lassen sich kompliziert zu lesende Paragraphen in sinnliche Erfahrung transponieren? Ja, Thomas Ebers und Agnieska Lulińska präsentieren die alten Folianten, Erstausgaben etwa der „Kritik der reinen Vernunft“ oder jener Schrift, die Kants Ruhm als frühem Vordenker einer internationalen Friedensordnung vor allem begründet hat: „Zum ewigen Frieden“.

Aber die Kuratoren belassen es nicht bei diesen Monumenten. Sie übersetzen Immanuel Kant in ein Mehrebenenerlebnis, das lehrreich und spannend zugleich ist.

Und sie strukturieren die Schau so logisch wie einen der Thesentürme von Immanuel Kant. Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was ist der Mensch? Die Grundfragen des Philosophen gliedern die Ausstellung in Straßen, die zu einem umfassenden U angeordnet sind. Innen läuft eine Graphic Novel die Wände entlang, die Kants Leben erzählt, die sichtbar macht, in welcher Lebenswelt der Denker sich bewegte. In der Mitte sind Kants Texte auf langen Tischen wie auf Banketten des Geistes ausgelegt. Und an den Seiten laden Mitmach-Stationen dazu ein, sich auf Kants Grundfragen spielerisch einzulassen.

Der besonders schöne Schachzug: Ebers und Lulińska rahmen und gliedern die Präsentation mit Kunstinstallationen, die auf Kant kreativ antworten und sein Verständnis so aufschließen. Rebecca Horns Installation „Wald der vogelfreien Sänger“ mit sich drehenden Ferngläsern spielt als Entree auf Kants Entdeckung an, dass alles menschliche Denken perspektivisch gebunden ist.

Und zum guten Ende ist eine Bildtafel von Anselm Kiefer zu sehen. Ein liegender Mensch, darüber der Sternenhimmel – das bildliche Pendant zu dem kosmischen Bekenntnis des Philosophen: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmenden Bewunderung und Ehrfurcht (…): Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir“.

Lässt sich größer denken? Die Bonner Schau konfrontiert nicht einfach mit Kant, sie lädt dazu ein, mit ihm den Blick zu weiten. Eine Wohltat, vor allem angesichts all jener Kleinheiten, die heute in sogenannten sozialen Netzwerken oder in Talkshows verhandelt werden. Philosophie als Kunst der grundsätzlichen Fragen – in Bonn wird sie erlebbar. Ein Gewinn.

Biografische Informationen runden das Angebot nicht allein ab, sie machen auch sichtbar, wie sehr eine geregelte Lebenswelt zur Bedingung philosophischer Systematik avanciert. Kant, der Spaziergänger, Kant der Billardspieler, Kant, der Gastgeber geselliger Tafelrunden – in Königsberg wird eine Lebensführung zum Medium einer umwälzend neuen Philosophie.

Die Welt im Kopf haben, unbeirrt, konsequent, bis in den letzten Winkel geordnet: das ist Kant. Seltsam, wo Russlands Gouverneur Alichanow da ausgerechnet das Chaos finden will.

Bonn, Kunst-  und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland: Immanuel Kant und die offenen Fragen. Bis 17. März 2024.