Kohlenstoff-Strategie Schädliches Gas soll unter der Nordsee eingelagert werden
Kohlendioxid-Emissionen zu senken gehört zu den wichtigsten Zielen der Bundesregierung. Künftig soll ein Verfahren dabei helfen. Kritik kommt aus Ostfriesland.
Ostfriesland/Berlin - Um die Klimaziele zu erreichen, soll schädliches Kohlendioxid (CO2) in Deutschland künftig auch im Boden gespeichert werden – zumindest in der Nordsee. In Ostfriesland wird dies bei Umweltschutzverbänden und auf den Inseln meist kritisch beäugt.
„Wir lehnen die Unmengen CO2, die im Meeresboden der Nordsee gespeichert werden sollen, ab“, sagt Jan Fuchs, Regionalgeschäftsführer des Naturschutzbunds (Nabu) in Ostfriesland. Dafür führt er mehrere Gründe an: Etwa die Infrastruktur, die für die CO2-Speicherung im Meeresgrund geschaffen werden müsse. „Das verflüssigte Gas muss ja irgendwie zu den Ablagerungsorten gebracht werden“, erläutert Fuchs. Ob dies über eine Pipeline oder aber mit Schiffen geschieht – er sieht das sensible Öko-System des Wattenmeeres gefährdet. Zudem seien sowohl der Transport als auch die Lagerung selbst mit Risiken durch Leckagen behaftet. Bei einem Austreten von CO2 im Meer versauere die Umgebung, was die Tierwelt bis hin zu den Mikroben nachhaltig schädige.
Habeck sieht sichere Technologie
Mit der CO2-Speicherung (englisch: Carbon Dioxide Capture and Storage, kurz CCS) ist die Abscheidung und unterirdische Lagerung von klimaschädlichem Kohlendioxid gemeint. Es entsteht etwa in Industrieanlagen und bei der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle. Mit energieintensiven Verfahren wird das Treibhausgas eingefangen, verflüssigt und dann etwa in den Meeresgrund gepresst und eingelagert. Das soll verhindern, dass das CO2 in die Atmosphäre gelangt und die Erderwärmung beschleunigt.
Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) betonte bei der Vorstellung der Carbon-Management-Strategie seines Ministeriums am Montag in Berlin: „Diese Technologie ist sicher. Risiken sind – wie die im Bergbau oder in der Chemieindustrie – managebar.“ Vorrangig gehe es darum, Emissionen aus Branchen abzufangen, die nach aktuellem Stand nur schwer oder gar nicht klimaneutral werden könnten, sagte Habeck weiter. Dazu gehörten zum Beispiel die Zement- und die Kalkindustrie. Doch die CCS-Technik soll auch für die Energieproduktion in Gaskraftwerken erlaubt werden.
Ein Feigenblatt für die Industrie?
Auch das stößt bei Umweltschützern auf Kritik: „Bei Emissionen, die sich nicht vermeiden lassen, kann es ja noch sinnvoll sein, diese Technologie einzusetzen. Grundsätzlich ist die Gefahr aber groß, dass CCS als Feigenblatt genutzt wird“, sagt Rolf Runge, Vorsitzender der Regionalgruppe des BUND in Ostfriesland. Als Folge werde wegen der möglichen Speicherung darauf verzichtet, Energie einzusparen. Letztlich werde dann damit nur das große Geschäft der Öl- und Gas-Unternehmen am Leben gehalten.
Solcher Kritik trat Habeck entgegen: „Im Zentrum unserer Anstrengungen steht immer, Emissionen erst gar nicht entstehen zu lassen.“ Bei der Energieproduktion, wo Emissionen vermeidbar seien, solle es keine Förderung geben. Kohlekraftwerke sollten keinen Zugang zum Pipeline-Netz bekommen. Eine Ausnahme bilden die Gaskraftwerke.
Im Blick haben, was mit der Nordsee passiert
Für Heike Horn, parteilose Bürgermeisterin auf Langeoog, geht es auch darum, was langfristig mit der Nordsee passiert. Zwar geschehe aus touristischer Sicht alles weit draußen auf See, aber wer wie die Inseln von den Urlaubern lebe, müsse sich solch eine Frage stellen. Langeoog sei sowieso schon durch die Anbindung der Offshore-Windparks belastet.
Vorerst ist die CO2-Speicherung nur offshore in der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) vorgesehen. Das ist ein Teil der Nordsee, bis zu 200 Seemeilen von der Küstenlinie entfernt – Meeresschutzgebiete ausgenommen. Eine Speicherung an Land, zum Beispiel in ehemaligen Gas- und Erdöllagerstätten, soll ausgeschlossen bleiben, solange nicht einzelne Bundesländer darum bitten.
Mit Material von DPA