Obernkirchen  „Ich sterbe, aber es zieht sich“: So will Gunther Malz dem Krebs mit Suizid zuvorkommen

Sören Becker
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Von Sören Becker
| 25.02.2024 07:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Gunther Malz in seiner Küche Foto: Sören Becker
Gunther Malz in seiner Küche Foto: Sören Becker
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Der Pensionär Gunther Malz aus dem Schaumburger Land hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Dass er noch lebt, ist eine Überraschung für ihn und seine Ärzte. Sein Sterben will er jedoch selbst gestalten. So plant er seinen Freitod.

Als Gunther Malz im April 2023 die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs hört, geben ihm seine Ärzte maximal bis zum Sommer desselben Jahres. „Alle, die mich behandeln, sind erstaunt, dass ich noch lebe“, sagt Malz heute, im Winter 2024. Der 68-Jährige leidet an einer der tödlichsten Krebsarten. Fast neunzig Prozent aller Patienten sterben innerhalb von fünf Jahren.

In Malz’ Fall irrten die Ärzte – der Pensionär lebt noch immer. Und er will dem Krebs nicht die Macht über sein Sterben geben: „Elendig verrecken“, wolle er jedenfalls nicht, sagt der ehemalige Schulleiter aus Obernkirchen im Schaumburger Land. Was das bedeutet, davon hat er eine genaue Vorstellung. 

Dabei sitzt er in seinem Wohnzimmer auf seinem liebsten Möbelstück. Wenn Malz erzählt, lehnt er sich meist entspannt gegen das große, braune Sofa, lächelt viel und verbreitet Galgenhumor. Nur wenn ihn etwas besonders stark bewegt, lehnt er sich nach vorne und schaut seinem Gegenüber fest in die Augen. Etwa, wenn er von seinem Plan erzählt, sein Leben zu beenden. Die wichtigsten Schritte hat er alle im Kopf: Wer zu kontaktieren ist, welche Medikamente beschafft werden müssen, sogar, wie es nach seinem Tod weitergehen soll.

Dabei ist er erstaunlich nüchtern: „Emotional betrachtet hat meine Lebensgefährtin die Diagnose eigentlich viel härter getroffen als mich“, sagt Malz. Auch seine Stieftochter habe immer Tränen in den Augen, wenn es um das Thema geht. Malz selbst ist weniger emotional, sagt er. Wenn man seine Umstände bedenkt, wirkt er sogar erstaunlich gut gelaunt. „Ich sterbe, aber das zieht sich. Dabei geht es mir eigentlich ganz gut“, formuliert der 68-Jährige lakonisch. Sogar in den Urlaub kann er gelegentlich noch fahren, wenn er eine Weile nicht zur Chemotherapie muss. Zuletzt ging es nach Malta. Malz sagt, er wolle nicht sterben wie sein Vater, der in seinen letzten Stunden ganz allein war. „Ich weiß nicht mal, ob er zuletzt Schmerzen hatte“; beklagt Malz.

Jetzt gerade scheinen Malz’ Selbstmordpläne weit weg. Er lebt einen Alltag, der vom Krebs bestimmt wird, in dem er sich aber selbst versorgen kann, auch wenn er mit Einschränkungen zu kämpfen hat. Schon bevor er morgens aufsteht, geht der Kampf mit dem Krebs los. „Um zwei Minuten vor acht klingelt der Wecker und ich schlucke eine Metamorphon-Tablette, die ich auf meinen Nachttisch gelegt habe“. Metamorphon ist ein starkes Schmerzmittel, bei dem Malz heftige Nebenwirkungen spürt. „Dann werde ich ein wenig döselig und lege mich nochmal eine halbe Stunde hin“, sagt er. Wenn er aufsteht, brauche er lange, bis er „geradeaus stehen“ kann, wie er es nennt. „Eigentlich bin ich den ganzen Tag auf Drogen“, sagt er. 

Die Tabletten ermöglichten es ihm wenigstens ein bisschen aktiv zu bleiben, Gartenarbeit zu erledigen und sich um sich selbst zu kümmern, beschreibt Malz. Auch wenn er deutlich schneller erschöpft sei als früher. Zweimal am Tag muss er die Tabletten nehmen. Wenn es einmal etwas später wird, so erzählt der ehemalige Schulleiter, spüre er ein Drücken in seiner linken Körperhälfte, das ohne Behandlung mit der Zeit zu einem krüppelnden Schmerz werde. 

Dieser Schmerz war auch das erste Anzeichen für seine Krankheit. Auf einer Urlaubsfahrt nach Schweden spürte er ihn. Er stieg aus dem Auto, vertrat sich ein wenig die Beine und dachte sich nichts dabei. Dass etwas nicht stimmte, merkte er erst bei seiner jährlichen Vorsorgeuntersuchung. 

Mehrmals wöchentlich muss er nun zur Chemotherapie. Eine starke Belastung für seinen Körper. Über 30 Kilogramm habe er in der ersten Runde abgenommen, erzählt Malz. Unter 50 Kilogramm wog er streckenweise. Zwischen zwei und fünf Stunden sitzt er in einer Arztpraxis. Das Medikament wird ihm dort über einen sogenannten Port-Katheter in der Brust verabreicht. So muss ihm nicht jedes Mal ein neuer Zugang gelegt werden. Außerdem muss er regelmäßig zur Physiotherapie. Das schafft er nur mit dem Taxi und wenn seine Lebensgefährtin ihn fährt. Wegen des Metamorphons darf er nicht selbst ans Steuer. „Meine Lebensqualität ist schon eingeschränkt, weil ich nicht Auto fahren kann“, sagt er. 

Eine regelmäßige Untersuchung stellt die Frage nach der Prognose für Malz immer wieder aufs Neue. Dann machen die Ärzte mit einem Magnetresonanztomografen sichtbar, wie sich der Krebs entwickelt hat. Zuletzt gab es von der Untersuchung aber vor allem gute Nachrichten. Die Metastasen in seiner Leber haben sich nicht vermehrt und der Haupttumor ist zumindest nicht gewachsen.

Würde sich die Lage verschlimmern, könnten ihm nur wenige Wochen bleiben, bis er, wie er es nennt, elendig verreckt. Ein Schicksal, das er nicht erleiden will. Auch wenn die Schmerzen schlimmer würden und er die Metamorphon-Dosis erhöhen müsste, würde er nicht weiterleben wollen, sagt Malz. „Dann kann ich nur noch zugedröhnt im Bett liegen“, befürchtet er. Lebenswert wäre das für ihn nicht. Auch seiner Familie wolle er nicht zur Last fallen und auf keinen Fall pflegebedürftig werden. In diesen Szenarien würde er seinen Tod in die eigene Hand nehmen. Dann greift sein Plan:

Malz will mit seiner Familie noch ein letztes Mal Kaffee trinken. Wie wird das sein, fragt man sich, wenn man als Freundin oder Stieftochter diesem Plan folgen soll? Wie wird sich Malz’ Familie dabei fühlen? Werden sie, wie er selbst, Scherze machen, Galgenhumor verbreiten, für ihn durchhalten und dann zusammenbrechen? Wie wird dieses Kaffeetrinken ablaufen? Malz’ Freundin, so sagte der ehemalige Schulleiter, wollte nicht mit unserer Redaktion sprechen. Auch wenn sie den Freitod für sich selbst ablehnt, unterstütze sie die Entscheidung ihres Lebensgefährten. So wie alle in der Familie.

Dann jedenfalls, nach dem Kaffee, will sich Malz auf seine braune Lieblingscouch aus Leder legen. Zu seiner Familie gesellen sich in dieser Vorstellung ein Arzt und ein Anwalt, die ihm über die Gesellschaft für humanes Sterben vermittelt wurden. Der Arzt soll ihm dann einen Tropf durch den Port in seiner Brust legen, durch den die tödlichen Medikamente in seinen Körper fließen. Das Ventil des Tropfes will Malz selber aufdrehen. Das muss er auch. Macht es jemand anderes, wäre das eine sogenannte Tötung auf Verlangen, die in Deutschland unter Strafe gestellt ist. Damit hinterher niemand angeklagt werden kann, soll der anwesende Anwalt auf den korrekten Ablauf achten. Malz will dann ein letztes Mal Abschied von seiner Familie nehmen und, so hofft er, friedlich einschlafen. 

Auch für das Danach hat er schon Vorkehrungen getroffen: Sein Leichnam soll verbrannt und anonym bestattet werden. Der Leichenschmaus soll in seinem Wohnzimmer stattfinden. Das hat er mit dem Bestatter abgesprochen und das Geld dafür an die Seite gelegt. Dieser Plan lässt ihn die Zeit bis dahin offenbar mindestens zum Teil in Frieden leben. Malz sagt, vor dem Sterben habe er keine Angst.

Hilfe für Suizidgefährdete: Bitte holen Sie sich rechtzeitig Hilfe, wenn Sie Selbstmordgedanken plagen, und kontaktieren Sie die Telefonseelsorge. Hier geht es zu der Homepage der Telefonseelsorge. Unter der Telefonnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 können Sie dort auch kostenlos anrufen. Auf der Webseite von [U25] Helpmail können sich Jugendliche jederzeit anonym beraten lassen. Eine Übersicht über weitere Beratungsstellen gibt es auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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