Berlin  Warum Deutschland 1,1, Millionen Menschen aufnimmt – und Frankreich nur 65.000

Leon Grupe
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Von Leon Grupe
| 25.02.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Wenige Tage nach der russischen Invasion werden ukrainische Flüchtlinge am Berliner Hauptbahnhof versorgt. Foto: IMAGO/Stefan Zeitz
Wenige Tage nach der russischen Invasion werden ukrainische Flüchtlinge am Berliner Hauptbahnhof versorgt. Foto: IMAGO/Stefan Zeitz
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In absoluten Zahlen leben in Deutschland die meisten ukrainischen Kriegsflüchtlinge. Doch einige EU-Länder sind noch beliebter und andere unattraktiv. Woran liegt das?

In den ersten Wochen, nachdem Russland einen Großangriff auf die Ukraine gestartet hatte, kam es zu bewegenden Bildern am Berliner Hauptbahnhof und andernorts. Freiwillige in Warnwesten nahmen tausende Menschen in Empfang, die stündlich in überfüllten Zügen aus Polen eintrafen.

Es waren überwiegend Alten und Frauen, die sich und ihre Kinder in Sicherheit brachten, vor den russischen Panzern, Raketen, dem drohenden Tod. An den Bahnhöfen bekamen die ukrainischen Hilfsbedürftigen Essen und Trinken, Klamotten, ein Obdach. Die deutsche Willkommenskultur war zurück.

Zwei Jahre dauert nun der Krieg in der Ukraine, der am 24. Februar 2022 mit der russischen Invasion begann. Seitdem haben mehr als vier Millionen Menschen aus der Ukraine Zuflucht in der EU gefunden. Die meisten leben in Deutschland, es sind mittlerweile rund 1,1 Millionen.

Sie kamen größtenteils zwischen März und August 2022 in der Bundesrepublik an. Anschließend ließ der Flüchtlingsstrom stark nach. Nach Angaben des Statistischen Bundesamt flohen im vergangenen Jahr „nur“ 277.000 Ukrainer nach Deutschland. Gleichzeitig zogen 156.000 Menschen zurück in das kriegsgeplagte Land.

Zoomt man aus Deutschland heraus und weitet den Blick auf alle EU-Mitgliedstaaten, fällt sofort auf, dass sich die ukrainischen Kriegsflüchtlinge sehr ungleich auf die EU-Länder verteilt haben.

Auch die Nachbarländer Polen und Tschechien haben Beachtenswertes geleistet. In Polen leben mittlerweile rund 950.000 Ukrainer, im deutlich kleineren Tschechien sind es um die 375.000. Setzt man die Zahl der Flüchtlinge in Relation zur Bevölkerung, rangieren nicht nur Polen und Tschechien vor der Bundesrepublik, sondern auch Länder wie Irland und Zypern.

Doch was ist mit den flächenmäßig größten Staaten? In Spanien haben immerhin rund 190.000 Kriegsflüchtlinge Schutz gefunden. Aber in Frankreich – dem größten Land in der EU – sind es aber gerade mal 65.000. Wie kann das sein? Und wovon machen die Ukrainer ihre Entscheidung abhängig?

Für Franck Düvell sind persönliche Kontakte einer der Hauptgründe. „Viele Ukrainer sind dahin geflohen, wo bereits vor dem Krieg Freunde und Angehörige lebten“, sagt der Migrationsforscher von der Universität Osnabrück. „Das erklärt, warum Polen, Tschechien, und Deutschland zu den relevantesten Zielländern gehören.“ Hierzulande hätten sich vor Kriegsausbruch etwa 150.000 Ukrainer legal aufgehalten. Düvell nennt das „Vorkriegsmigration“. Er sagt: „Sie ist eine der stärksten Triebkräfte, die darüber entscheidet, wo die Leute hingehen.“

Sie sei auch die Ursache für die vergleichsweise hohen Flüchtlingszahlen in Südeuropa. Mitte der Nullerjahre habe es eine Wandel unter ukrainischen Migranten gegeben, erklärt der Experte. „Statt nach Russland gingen viele fortan nach Portugal, Spanien, Italien und Griechenland. Dort arbeiteten sie vorübergehend oder ließen sich nieder.“ So entstanden vor Ort Netzwerke, in die zahlreiche Ukrainer nach dem russischen Angriff zurückkehrten.

Zwei weitere Faktoren sind aus Sicht des Forschers entscheidend. Zum einen die geografische Nähe: „Zahlreiche Ukrainer sind in den Nachbarländern geblieben, weil sie noch Familie in der Heimat haben.“ Und auch die Sprache sei ein zentraler Punkt. „Andere slawische Sprachen sind für Ukrainer einfacher zu erlernen“, sagt Düvell. So würden mehr als 80 Prozent der ukrainischen Flüchtlinge in Polen angeben, die Sprache durchaus zu beherrschen; in Tschechien seien es immerhin bis zu 60 Prozent; in Deutschland tut das nur rund jeder Dritte.

Und woher kommen die niedrigen Zahlen in Frankreich? Die Sprachbarriere sei sehr groß, erklärt Düvell. Französisch werde an ukrainischen Schulen nicht unterrichtet. Und anders als etwa Schweden oder Dänemark habe die Grande Nation in der Vergangenheit kaum gezielt ukrainische Arbeitskräfte und Studenten angeworben. „Zwischen Frankreich und der Ukraine konnte keine richtige Verbindung entstehen.“ Außerdem werde das französische System unter Flüchtlingen jeglicher Nationen als bürokratisch und eher abweisend empfunden.

Die European Stability Initiative (ESI) sieht noch weitere Gründe. Demnach habe die französische Regierung nach Kriegsausbruch kaum Informationen zu Hilfsangeboten auf Ukrainisch bereitgestellt, schreibt die Denkfabrik in einem Hintergrundpapier. Entsprechende Websites seien nicht übersetzt worden oder hätten nicht funktioniert.

Zudem hätten Ukrainer nicht die gleiche Stellung wie anerkannte Flüchtlinge, schreiben die Forscher. Dadurch bekämen sie weniger soziale Hilfe, als Asylbewerber aus Syrien oder Afghanistan. In Deutschland ist die Situation genau andersrum: Hier haben Ukrainer sofort Anspruch auf das Bürgergeld. Die Leistungen für Asylsuchende fallen hingegen geringer aus. Daher ergebe sich ein „verblüffender“ Kontrast zwischen den Ländern, wie es in dem ESI-Papier heißt. Die monatliche Sozialhilfe für Ukrainer in Deutschland sei dreimal so hoch wie in Frankreich. Auch das, mutmaßt der Thinktank, könnte die geringen Flüchtlingszahlen erklären.

Migrationsforscher Franck Düvell weist die These zurück. „Seit Jahrzehnten kursiert fälschlicherweise die Annahme, dass sich Geflüchtete aufgrund der Höhe von Sozialhilfen für ein Land entscheiden. Würde das stimmen, hätten Zigtausende Ukrainer Polen und Tschechien für Deutschland verlassen müssen, da sie dort deutlich weniger unterstützt werden. Das ist nicht passiert.“ Sozialleistungen spielten höchstens eine untergeordnete Rolle.

Letztlich, sagt Düvell, kommt es auf drei Punkte an: „Wo kenne ich Leute, wie schwer ist die Sprache und wie weit habe ich es von hier in die Heimat.”

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