Berlin Stadtwerke-Chef: Strom wird nie mehr so billig wie vor dem Krieg
Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und dem Stopp der Gaslieferungen sind die Preise für Gas und Strom hochgeschossen. Zuletzt sind sie wieder stark gesunken. Ist die Energiekrise damit überwunden?
Zwei Jahre Ukraine-Krieg, zwei Jahre Energiekrise in Deutschland: Die ökonomischen Auswirkungen des russischen Überfalls auf das Nachbarland waren und sind gewaltig. Allerdings hat ein Schutzschirm der Ampel-Regierung und die Beschaffung von Flüssiggas als Ersatz für Wladimir Putins Pipelinegas die ganz große Katastrophe abgewendet.
Wo die Gas- und Strompreise aktuell liegen und wie es weitergeht – Fragen und Antworten:
Der Blick auf die neuen Analysen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fördert angesichts des lauten Stöhnens der Industrie über die hohen Kosten Überraschendes zutage: „Der durchschnittliche Strompreis für kleine bis mittlere Industriebetriebe für Neuabschlüsse ist weiter deutlich gesunken und liegt zum Jahresbeginn bei 17,65 Cent pro Kilowattstunde. Das entspricht einem Rückgang um 28 Prozent gegenüber dem Jahresmittel 2023“, heißt es darin.
2020, dem letzten Jahr vor dem Aufziehen der Energiekrise, lag der Industriestrompreis bei 17,76 Cent. Das waren sogar 0,11 Cent mehr als heute. Ein Grund für die anhaltende Debatte über die Energiekosten ist, das Strom etwa in den USA deutlich billiger ist.
Der durchschnittliche Strompreis für Haushalte sank zum Jahresbeginn gegenüber 2023 um knapp acht Prozent und liegt jetzt bei durchschnittlich 42,22 Cent pro kWh. Das ist zwar immer noch rund ein Viertel mehr als vor dem Krieg, aber auch weit von der Verdoppelung entfernt, die noch vor einem Jahr vorausgesagt worden war.
Gas ist im Jahresvergleich sogar um 24 Prozent preiswerter geworden und kostet laut BDEW für Einfamilienhäuser im Schnitt momentan 10,68 Cent pro Kilowattstunde. Das ist allerdings noch deutlich teurer als in der Billiggas-Phase. In den Jahren bis 2021 kostete die Kilowattstunde stets um die sechs Cent für Haushalte mit einem Jahresverbrauch von 20.000 kWh.
Der Grund: Die Kosten für Beschaffung und Vertrieb liegen mit 6,43 Cent pro kWh noch immer rund doppelt so hoch wie vor der Energiekrise.
Um von den insgesamt aber deutlich gesunkenen Preisen für Gas und Strom zu profitieren, empfehlen Verbraucherschützer, den Anbieter zu wechseln, wo dies möglich ist, oder bei den Versorgern nach günstigeren Tarifen zu fragen.
Ab Ende März wird auf Energie wieder der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent erhoben. Während der Krise hatte der Staat den Satz auf sieben Prozent abgesenkt. Die Rückkehr zum alten Satz erfolgt vier Monate später als noch im Herbst von der Ampel geplant.
Laut dem Vergleichsportal Verivox müssen Familien mit einem Jahresverbrauch von 20.000 kWh wegen der Rückkehr zum ursprünglichen Steuersatz in diesem Jahr etwa 200 Euro mehr zahlen als bei weiter reduzierter Mehrwertsteuer. Unter dem Strich dürfte es dennoch deutlich preiswerter bleiben als zum Höhepunkt der Energiekrise.
Zwar könne niemand genau prognostizieren, wie sich die Preise weiterentwickeln, sagt Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Stadtwerke-Verbandes VKU. Dann wagt er aber doch einen Ausblick, und der ist nicht schön: „Dass Strom nicht wieder so preiswert wird wie vor dem russischen Angriff auf die Ukraine, davon müssen wir ausgehen.“
Die Gründe: Zwar sinken die Beschaffungskosten, „aber die Netzentgelte und der CO2-Preis steigen“, sagt er. Und zwar werde schon kostengünstig viel grüner Strom erzeugt. „Aber der notwendige Ausbau der Stromnetze und Anlagen, sowie der Aufbau von Ersatzkapazitäten zur Absicherung der Erneuerbaren erfordert noch gewaltige Investitionen. Da müssen wir realistisch bleiben.“
Dass die Marktpreise schneller gesunken seien, als viele damals erwartet hätten, sei dennoch erst einmal eine gute Nachricht, sagt Liebing weiter. „Das hatte allerdings auch mit einer sinkenden globalen Gasnachfrage zu tun. Es kann nächstes Jahr wieder in die andere Richtung gehen.“
Deutschland hat im Rekordtempo neue Quellen erschlossen, allerdings nicht zum Preis wie Putins Pipelinegas. Deswegen wird auch Gas auf Dauer teurer bleiben als vor dem Krieg, so die Erwartung des Verbundes kommunaler Unternehmen, in dem dem Stadtwerke organisiert sind.
Die Gasbeschaffung werde weiter von den Energieunternehmen und von der Regierung diversifiziert. „Das ist eine der Lehren aus der fatalen Abhängigkeit von Russlands Gas“, sagt VKU-Chef Liebing. Und Deutschland bleibe trotz Ausbaus der erneuerbaren Energien bis auf weiteres auf Gas-Importe angewiesen, weil Wasserstoff noch nicht ausreichend verfügbar ist.
„Wichtig dabei ist, dass wir keine neuen einseitigen Abhängigkeiten schaffen, auch nicht von den USA oder anderen Ländern“, sagt der Stadtwerke-Boss. Anlass für Liebings Mahnung: US-Präsident Joe Biden hat kürzlich den Ausbau neuer LNG-Terminals gestoppt, über die auch viel Flüssiggas nach Deutschland geliefert werden sollte. Und das könnte die Preise für LNG wieder steigen lassen.
Auch lesen: Studie zu Energiepreisen: So viel mehr zahlen Verbraucher im Vergleich zu Anfang 2021