Osnabrück Ehemaliger Verteidigungsminister fordert Rückkehr der Wehrpflicht
Der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung hat angesichts des zweiten Jahrestages des Ukraine-Kriegs die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland gefordert. Auch weitere militärische Unterstützung für die Ukraine hält er für notwendig.
In unserem Expertentalk sagte der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung (2005–2009), er halte die Aussetzung der Wehrpflicht unter seinem Amtsnachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg „für einen Fehler“.
„Mit mir wäre das nicht passiert“, betonte Jung. Er halte es für zwingend notwendig, dass junge Menschen wieder einen Beitrag für die Gesellschaft leisten – sei es für die Bundeswehr oder im Bereich Zivildienst oder Entwicklungshilfe.
Durch das Ableisten einer militärischen Grundausbildung werde zudem eine bessere Grundlage für die Bundeswehr geschaffen, erklärte Jung. Das Aussetzen der Wehrpflicht im Jahr 2011 habe deren Struktur nachhaltig verändert. Seinerzeit habe es noch 250.000 Soldaten gegeben, so Jung. Heute seien es nur noch rund 180.000. Daher habe auch Verteidigungsminister Boris Pistorius mittlerweile erkannt, dass eine Wiedereinführung der Wehrpflicht notwendig sei.
Die aktuelle Situation in der Ukraine bewertete Jung kritisch. Dass Russland aktuell die Oberhand zu haben scheint, liegt dem ehemaligen Verteidigungsminister zufolge aber nicht am Einsatz der ukrainischen Soldaten, sondern am Mangel an Waffen und Munition. „Wir müssen die Ukraine in dieser schwierigen Situation nachdrücklich unterstützen, dann wird sie auch wieder erfolgreich sein“, betonte Jung.
Er forderte daher die Lieferung von entsprechender Munition, weiteren Waffen und notwendigerweise auch Luftabwehrsystemen. Die Zurückhaltung der deutschen Bundesregierung könne er indes nicht nachvollziehen. „Wir haben immer nur verzögert geliefert“, so Jung. „Ich hab mich geschämt, als die damalige Verteidigungsministerin Lambrecht davon gesprochen hat, dass wir 5000 Helme liefern.“ Durch späte Waffenlieferungen habe Deutschland mit dazu beigetragen, „dass die Russen sich eingraben konnten“.
Auch den Marschflugkörper Taurus sollte Deutschland seiner Meinung nach an die Ukraine liefern. „Der Taurus ist notwendig, um gerade die Nachschubwege der Russen zu unterbinden. Das wäre ein ganz erheblicher Vorteil für die Ukraine, um ihre Verteidigungsposition zu verstärken.“
Jung ist ehemaliges Mitglied im Aufsichtsrat des Rüstungskonzerns Rheinmetall. In dieser Position habe er mitbekommen, dass nach dem russischen Angriff Munition nicht schnell genug gefertigt und bereitgestellt werden konnte, um die Ukraine damit zu unterstützen. Mittlerweile gebe es aber notwendige Veränderungen in der deutschen Rüstungsindustrie. Wenn gefordert werde, Deutschland müsse kriegstauglich werden, „dann müssen wir auch in der Rüstungspolitik die Dinge verändern“, erklärte Jung. Auch die Bevölkerung sehe mittlerweile die Notwendigkeit, dass eine entsprechende Rüstung erforderlich sei, um verteidigungsbereit zu sein.
Wie wichtig das tatsächlich ist, habe der Angriff Russlands auf die Ukraine deutlich gezeigt, so Jung weiter. „Wenn Russland erfolgreich ist, dann bedroht das auch unsere Freiheit und Sicherheit.“ Daher müsse der Westen nun aktiv werden. Jung ist sicher: Die einzige Möglichkeit für Frieden bestehe darin, dass Putin selbst erkenne, dass er in der Ukraine keinen Geländegewinn mehr machen könne. Russland setze darauf, „dass der Westen seine Unterstützung doch vernachlässigt“, so Jung.
Daher gelte es, dem entschieden entgegenzutreten. „Wir sollten uns nicht verantwortlich machen, indem wir zu zögerlich sind“, betonte Jung. Denn letztendlich gehe es um Menschenleben. „Wir sollten alles tun, um diese Leben zu schützen und zu retten, und sie nicht in Gefahr bringen.“