Frankfurt Die Bundesliga kann nicht von Ultras organisiert werden
Die aktiven Fanszenen in Deutschland feiern die Abkehr der Deutschen Fußball-Liga (DFL) vom geplanten Investoreneinstieg. Zurecht? Vielleicht. Aber: Der deutsche Fußball kann nicht von Ultras organisiert werden, findet unser Kolumnist Udo Muras.
Ein Kollege, der in seiner Jugend zu den Allesfahrern einer Fanszene gehörte und den Ultras des Klubs immer noch nahesteht, textete mich gestern euphorisch an. Er zitierte einen Spruch von Ansgar Brinkmann: „Irgendwann holt sich die Straße den Fußball zurück.“ Der Tag, an dem die DFL vor dem harten Kern der Fan-Szenen einknickte, war also der Triumph der „Straße“. Nun ja.
Die gemäßigten Fans, also die große Masse derer, für die das Spiel der Entspannung nach einer harten Arbeitswoche oder dem Feierabend dient, für die es aber kein Lebensinhalt ist und die es lieber vor der Glotze als im Stadion konsumieren, ist es auch kein schlechter Tag gewesen. Das Leben wird wieder planbarer. Die bange Frage, die manchen Hausfrieden bedrohte – wann ist das Spiel aus? – stellt sich nicht mehr als unbeantwortbar dar.
Eine gute Nachricht auch für Redaktionen der Sonntagszeitungen. Einige erschienen zuletzt mit lückenhafter Bundesligaberichterstattung in ihrer Frühform, weil es mal wieder länger dauerte alle Tennisbälle aufzusammeln. Ein zulässiger Kollateralschaden aus Fan-Sicht; sie brauchen keine Spielberichte, sie sind ja immer live dabei.
Woraus sie auch den Anspruch ableiten, die wahren Fans zu sein und jetzt bestimmen zu wollen, wo der Fußball lang rollt. Dass sie eine laute Minderheit sind, scheint sie nicht zu stören, das kennen wir aus der Politik nicht anders. Die Kiste, in der der Streit um einen Investoreneinstieg steckt, war nun ziemlich verfahren, das Kind namens Martin in den Brunnen gefallen und miteinander geredet wurde auch nicht. Konfliktlösung auf Deutsch, müssen sich denn alle ein Vorbild an der Lokführern und der Bahn nehmen?
Wenigstens haben sie bei der DFL untereinander geredet und sind nun zu dem Entschluss gekommen, dass es so nicht weiter gehen könne und haben dem vor der Tür stehenden Investor mit seinem Milliardenköfferchen selbige mit Bedauern zugeschlagen. Hat der Klügere nachgegeben? Hat die Demokratie gesiegt? Dann dürfte man das uneingeschränkt feiern. Oder ist der Profifußball vor der Gewaltandrohung zurückgewichen? Es hatte ja durchaus was von mittelalterlicher Folterpraxis, was da in unseren Stadien abging.
Die Fans zeigten ihrem Gefangenen erst mal die Instrumente, die von mal zu mal bedrohlicher wurden. Schokotaler, Kamellen, Tennisbälle, Rennautos, qualmende Rennautos, Tiefflieger… Bevor sie sich in ihren gut gefüllten Pyro-Arsenalen bedienten, hissten Aki Watzke und Co lieber die weiße Fahne, wegen „innerer Zerrissenheit“ in den Vereinen selbst.
Die Bundesliga wird es überleben: Vereine, Funktionäre und Spieler schwimmen im Geld und nur weil die Engländer so obszön viel Scheich-Kohle haben, müssen wir ja nicht auch unsere Seele verkaufen. Die Premier League wird sich ohnehin immer besser vermarkten lassen als die Bundesliga, das hat was mit Geschichte zu tun. Allerdings: Sie hat das Recht, zu wirtschaften wie sie will. Die Fans sind nicht ihre Angestellten oder gar Anteilhaber, sondern „nur“ ihre Kunden – mit berechtigten Interessen, was etwas anderes ist. Ich will nicht behaupten, dass ich alles super an unserem Profifußball finde, habe aber nie gesagt: Der Fußball gehört den Journalisten und alle hätten sich nach deren Interessen zu richten, damit zum Beispiel alle Ergebnisse noch rechtzeitig ins Blatt kommen.
Der Teil der aktiven Fanszene, der das Spiel derzeit terrorisiert, reklamiert den Fußball aber für sich. Doch wem gehört der Fußball? Eigentlich eine komische Frage. Fragt jemand, wem die Musik gehört, der Film, das Theater, die Literatur? Alles ist von und für Menschen gemacht. Manches macht Spaß, manches Sinn und damit es uns erhalten bleibt, braucht es Ordnung, Regeln und Verantwortliche. Im Sport sind das die Verbände, die seit je her daran interessiert waren, dass die Kassen voll waren.
Weil der Menschheit aber der Drang zum Höher-Schneller-Weiter gegeben ist, sind die Auswüchse im Profifußball mittlerweile so weit gediehen, dass wir von einem Kipppunkt sprechen können. Unumkehrbar – ab jetzt wird der Fußball, wie ihn Millionen liebten, strukturell kaputt gemacht: WM mit 48 Mannschaften, Super League, Mega-Champions-League, Klub-WM, kinderfeindliche Anstoßzeiten, zerfledderte Spieltage, VAR – in der Summe wirkt das bedrohlicher als ein Comeback von Donald Trump.
Gegen all das protestieren die aktiven Fans vermutlich in Wahrheit und nicht gegen die acht Prozent Fernsehgeldanteile eines Investors. Sie haben auch schon mal vergeblich „pro 15.30“ demonstriert, mit der Abschaffung des Montagsspiels hatten sie Erfolg. Nun wieder. Man sollte ihnen aber deutlich machen, dass die Bundesliga nicht von Ultras organisiert werden kann und die Vereine müssen aufpassen, inwieweit sie ihnen entgegenkommen. Was kommt als nächstes? Keine Sonntagsspiele mehr, Videobeweis abschaffen, niedrigere Eintrittspreise, Freibier für alle? Wie sie all das durchsetzen können, haben sie ja jetzt gelernt.