Osnabrück Tschernobyl des Kolonialismus: Was passiert mit menschlichen Überresten in Museen?
Sie lagern meist unbeachtet in den Kellern der Museen: Knochen, Schädel, Gebeine. Was passiert mit den menschlichen Überresten? Eine neue Studie der Kulturstiftung der Länder fördert erstaunliche Details zutage.
Es geht um Gürtelschnallen aus Menschenhaar, um Skalplocken und Schrumpfköpfe: In deutschen Museumsdepots lagern tausende Objekte, die einen das Gruseln lehren können. Was Experten kollektiv als „menschliche Überreste“ bezeichnen, sind meist bedrückende Belege für die Zeit des Kolonialismus. Europäer rafften damals zusammen, was fernen Kulturen oft genug heilig war. „Diese Leute wussten, dass sie sich damit über den Willen der Herkunftsgesellschaften hinwegsetzten“, erklärt Wiebke Ahrndt, Direktorin des Übersee-Museums in Bremen.
Ahrndt kennt sich aus mit der heiklen Thematik. Sie hat die Empfehlungen des Deutschen Museumsbundes zum Umgang mit den bedrückenden Hinterlassenschaften der Kolonialzeit maßgeblich mit formuliert. Zuletzt gab ihr Haus im April 2023 „iwi kupuna“, Gebeine der Ahnen, an Abgesandte von Hawai’i zurück. „Das war emotional so bewegend wie eine Beerdigung“, sagt Ahrndt im Rückblick.
Knochen, Haare, Schädel: Bis heute ist nicht klar, was alles in deutschen Museumssammlungen lagert. „Die genauen Zahlen sind nicht bekannt“, konstatiert die Bremer Museumschefin trocken. Eine Studie der Kulturstiftung der Länder bringt erstmals Licht in die dunkelsten Winkel der Depots im Land.
„Viele Museumsleute wissen nicht sicher, was sie in ihren Sammlungen haben, wenn es um menschliche Überreste geht. Mich hat überrascht, dass solche Überreste in deutschen Sammlungen nicht allein aus Afrika oder Ozeanien, sondern praktisch aus allen Weltgegenden kommen“, sagt die Autorin der Studie, Maria Leonor Pérez Ramírez.
Besonders überraschend: Viele der Knochen und Schädel, die einst unbedingt nach Deutschland gebracht werden mussten, lagern zum Teil seit Jahrzehnten unbeachtet in Magazinen. Das Unrecht, das Menschen meist in Afrika und Ozeanien angetan wurde, ist so groß, wie der wissenschaftliche Nutzen der kolonialen Raubzüge im Rückblick minimal ist. Maria Leonor Pérez Ramírez: „Was den Stand der Aufarbeitung solcher Bestände angeht, sind einige Museen sehr gut. Andere befinden sich erst am Anfang des Prozesses“.
Ob Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten oder Bund-Länder-Arbeitsgruppe – hinter sperrigen Begriffen verbirgt sich im Hinblick auf menschliche Überreste inzwischen eine eigene Expertenkultur und ihre spezialisierte Sprache. Sagt man besser human remains, wie Kuratorin Claudia Andratschke vom Landesmuseum Hannover anmerkt, wenn es um Knochen geht? In der Abstraktheit der Begriffe spiegelt sich die Suche nach dem angemessenen Umgang mit historischer Schuld.
Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, sortiert das Dickicht der Fachdiskussion so: „Wir müssen immer wieder sehen, dass es sich bei der Thematik der menschlichen Überreste eben um Menschen handelt und nicht einfach um Sammlungsobjekte. Aus dieser Einsicht ist alles andere abzuleiten“. Hilgert steht auch der Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten vor. Für ihn ist besonders dringlich, die einschlägigen Bestände endlich zu dokumentieren. Die Lage „ist unbefriedigend, gerade auch gegenüber dem Ausland“, moniert er.
Das Landesmuseum bildet da eine der wenigen Ausnahmen. „Sämtliche menschlichen Überreste sind dokumentarisch erfasst und einem Standort zugeordnet, also jederzeit auffindbar“, beschreibt Claudia Andratschke den Sachstand für ihr Haus. Menschliche Überreste werden nicht mehr ausgestellt und auch nicht abgebildet: In Hannover gilt ein inzwischen in Museen allgemein akzeptierter Verhaltenskodex im Umgang mit menschlichen Überresten.
Was einst zu Menschen gehörte, soll nicht länger als bloßes Objekt behandelt werden. Claudia Andratschke verweist auf jenen zentralen Punkt, den auch Markus Hilgert als wegweisend für den Umgang mit menschlichen Überresten herausstellt. „Man spricht nicht von Objekten, sondern von Ahnen“, verstärkt Barbara Plankensteiner, wissenschaftliche Leiterin des Museums am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt in Hamburg, diesen Punkt.
Für Plankensteiner und ihre Kollegen gibt es für diese Museumsbestände nur eine Perspektive: die Rückgabe. „Das ist allerdings ein langsamer Prozess“, macht ihre Bremer Kollegin Wiebke Ahrndt klar. Sie hat bereits Rückgaben durchgeführt und weiß, wo das Problem liegt. Oft ist nicht klar, an wen denn zurückgegeben werden soll. An einen Staat, eine religiöse Gemeinschaft oder eine Bevölkerungsgruppe?
„Bei der Frage nach der Rückgabe ist das Gespräch mit den Herkunftsgesellschaften wichtig, nicht allein mit Staaten. Dieser Dialog ist komplex und langwierig“, weiß Markus Hilgert von der Kulturstiftung der Länder. Zurückgeben kann aber nur, wer daheim seine Hausaufgaben gemacht hat. Deshalb fordert Maria Leonor Pérez Ramírez größtmögliche Transparenz auf bester Datengrundlage.
Wiebke Ahrndt hat solche Rückgaben bereits in die Wege geleitet. „Meist ist die Rückgabe nicht so sehr eine rechtliche, sondern eine religiöse Frage“, weiß die Museumsleiterin. So heikel auch das Thema sein mag, so befreiend wirkt schließlich die Rückgabe. Ahrndt erzählt von „Zeremonien im kleinen Kreis“, bei denen Menschen ihre Ahnen wieder zu sich nehmen können. Ahrndt: „Das ist so berührend, das vergisst man sein Lebtag nicht“.