Berlin  Berlinale 2024: Das politischste aller Festivals gibt auf

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 15.02.2024 07:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Bei der 74. Berlinale erregt der Umgang mit der AfD mehr Aufmerksamkeit als die Goldenen und Silbernen Bären. Foto: Jens Kalaene/dpa
Bei der 74. Berlinale erregt der Umgang mit der AfD mehr Aufmerksamkeit als die Goldenen und Silbernen Bären. Foto: Jens Kalaene/dpa
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Die scheidenden Berlinale-Chefs verabschieden sich mit einem Knall: Noch vor der Eröffnung des Filmfests haben sie ihren politischen Anspruch vor die Wand gefahren – und mit ihrer hilflosen Geste gegen den Rechtspopulismus ausgerechnet die AfD gestärkt.

Es könnte alles so schön sein. Zum Auftakt der 74. Berlinale strahlt der Potsdamer Platz im Glanze Hollywoods. Cillian Murphy persönlich stellt den Eröffnungsfilm vor – der Star also, der als „Oppenheimer“ gute Chancen auf den Oscar hat. Und mit Martin Scorsese hat sich eine echte Legende angekündigt.

Trotzdem ist die Berlinale schon jetzt gegen die Wand gefahren – und das auf dem ureigenen Terrain. Dem sommerlichen Glamour von Cannes und Venedig setzt Berlin seine frostige Relevanz entgegen. Ihr Markenkern ist der politische Anspruch. Und doch hat die Berlinale-Leitung gerade hier versagt: Während Hunderttausende gegen Rechtsextremismus demonstrieren, leistet sich das Festival einen Eiertanz mit der AfD.

Erst haben die scheidenden Berlinale-Chefs, Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, routinemäßig Vertreter aller gewählten Parteien eingeladen.  Also auch die ganz rechten. Das ist vertretbar. Weil es demokratisch ist. Und auch, weil die Berlinale eben all das zeigt, was nicht ins AfD-Weltbild passt, vom queeren Kino bis zur Putin-Kritik. Gerade deshalb wurden vor fünf Jahren noch Freikarten an alle AfD-Mitglieder ausgegeben – für eine Holocaust-Doku.

Wenn man das inzwischen für falsch hält, hätte die Berlinale auf politische Gäste ganz einfach verzichten können – und zwar auf alle. Stattdessen haben die Berlinale-Chefs Rissenbeek und Chatrian geduldig die empörte Debatte abgewartet, sich danacherst auf Formalia rausgeredet und die AfD am Ende doch noch ausgeladen.

Damit hat die Berlinale ihren Ruf schwer beschädigt: Beim politischsten aller Filmfeste reicht der politische Sachverstand nicht, um die Bedeutung von AfD-Einladungen und -Ausladungen vorherzusehen. Und das Selbstbewusstsein ist offenbar so gering, dass man sich die Debatte mit Nationalisten nicht mehr zutraut. Das ist traurig.

Richtig schlimm aber ist das Geschenk, über das sich der erklärte Gegner jetzt freut: Einen besseren Präzedenzfall für ihre Opferrolle kann die AfD sich gar nicht ausdenken. Und ihre Sympathisanten – auch alle, die vielleicht noch schwanken – erfahren jetzt: Sie gehören nicht dazu. In einer Zeit, in der mit Spaltung Politik gemacht wird, ist so eine Geste fatal.

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