Berlin Denis Moschitto, waren Sie selbst mal kriminell?
Mit „Schock“ hat Denis Moschitto einen blutigen Gangsterfilm inszeniert. Im Interview verrät er, was für krumme Dinger er mit 15 im wirklichen Leben gedreht hat.
Mit dem Gangster-Film „Chiko“ ist Denis Moschitto bekannt geworden. Mit „Schock“ legt er jetzt nach: In seinem Regie-Debüt spielt der 46-Jährige einen Arzt ohne Zulassung, der Verbrecher behandelt. Im Interview spricht Moschitto über Gangster-Posen, seine Kinderkanal-WG mit Anke Engelke und über nicht ganz legale Jugendabenteuer.
Frage: Herr Moschitto, Kinder kennen Sie aus der „Sendung mit dem Elefanten“, wo sie gemeinsam mit Anke Engelke arbeiten. Was lernt man beim Kinderkanal, das man auch im Gangsterfilm nutzen kann?
Antwort: In meinem Fall sollten wir eher fragen: Was kann man von Anke Engelke lernen? Ich habe von ihr dies gelernt: Ohne Spaß geht’s nicht. Aber wenn man es nicht ernst nimmt, geht’s auch nicht. Ich finde es schön, dass wir das Gespräch mit der „Sendung mit dem Elefanten“ anfangen – weil ich das Gefühl habe: Das ist das Wichtigste, was ich mache. Wenn man mit all diesen Frauen arbeitet – es sind einige Frauen im Team – merkt man das als Erstes: Alle nehmen das sehr ernst. Alle wollen etwas machen, das für Kinder funktioniert und auch für ihre Eltern. Für Genre-Filme gilt das genauso. Die muss man auch ernst nehmen. Und Spaß machen müssen sie auch.
Frage: Ist Anke Engelke auch schauspielerisch ein Vorbild? Kann man bei ihr was klauen?
Antwort: Als Schauspieler kann ich gar nichts klauen, glaube ich. Menschlich ist sie ein Vorbild: Sie sorgt für eine gute Atmosphäre, sie bringt Kuchen mit ans Set, sie ist positiv und freundlich.
Frage: Haben Sie sie bewusst besetzt – damit Sie bei Ihrem Regie-Debüt einen vertrauten Menschen an der Seite haben?
Antwort: Interessante Frage! Anke ist dabei, weil sie eine tolle Schauspielerin ist. Und weil man in so einem Genre-Film nicht mit ihr rechnet. Solche Besetzungen gefallen mir immer.
Lustig: Moschitto und Engelke beim Kinderkanal:
Frage: „Schock“ ist für eine öffentlich-rechtliche Koproduktion ungewöhnlich blutig. Haben Sie überlegt, wo bei einer TV-Ausstrahlung die Grenzen liegen?
Antwort: Wir dachten, irgendwann meldet sich jemand bei uns und sagt: „Jetzt ist Schluss.“ Aber im Gegenteil: Der WDR-Redakteur hat uns immer nur ermuntert. „Traut euch was!“ Wir haben keinen Splatterfilm gemacht. Aber es ist eben Genre, es geht um Gangster, also auch um Gewalt. Da ist es nur aufrichtig, das auch zu zeigen. Eine Szene empfinden viele Zuschauer als die drastischste …
Frage: Vermutlich die, in der Ihre Figur sich selbst einen abgetrennten Finger verarztet.
Antwort: Exakt. Die war im Dreh viel länger. Wir brauchten es am Ende aber gar nicht so ausführlich, also haben wir geschnitten. Trotzdem sind noch Leute im Kino umgekippt.
Frage: Wegen der Bilder?
Antwort: Wegen der Bilder. Wir haben sie natürlich genau befragt, als es ihnen besser ging. Bei einem war es die Szene einer Zahn-OP. Verständlich. Wenn man da Ängste hat, ist das hart – auch wenn wir da gar nicht so nah rangehen. Das andere war die Finger-Amputation.
Frage: Ihre Figur ist Arzt und Gangster in einem. Haben Sie sich ärztlich beraten lassen, damit alles stimmt? Was genau macht Ihre Figur da eigentlich?
Antwort: Nach einer Filmvorführung kam ein Handchirurg auf mich zu: Er hat im Kino noch nie eine so akkurate Darstellung dieser Behandlung gesehen. Es ist nämlich so: Wenn man einen Finger mit einem stumpfen Werkzeug abtrennt, hat man nie einen sauberen Bruch. Es wird immer ein Stück Knochen hervorschauen, sodass die Wunde nicht zuwachsen kann. Deshalb muss man ihn kürzen und einen Hautlappen darüberlegen. Das zeigt die Szene – aber aus der gebotenen Entfernung. Noch einmal: Es ist kein Horrorfilm.
Frage: Haben Sie auch die Expertise von Gangstern eingeholt?
Antwort: Es gibt viel Literatur zur Mafia in Deutschland. Das hat uns gereicht. Unsere These war: Kriminelle sind normale Menschen. Die haben normale Beziehungen mit denselben Problemen, die wir auch haben. Das hat mich mehr interessiert als die Pose, in der sie ihre Knarren halten.
Frage: Ihre Filmfigur pumpt im Fitnessstudio. Mussten Sie das auch machen, um sich selbst die Rolle zu glauben?
Antwort: Bruno ernährt sich nur von Tofu, gedünstetem Gemüse und Reis und macht viel Sport. Um in diesen Groove zu kommen, habe ich ein Jahr lang auch so gelebt. Natürlich hat das noch nichts mit Schauspiel zu tun. Alle bewundern Robert De Niro dafür, dass er für „Raging Bull” 20 bis 30 Kilo zugenommen hat. Das ist anstrengend, aber das ist nicht die Kunst. Für mich ist es die einfachste Vorbereitung auf eine Figur, etwas mit meinem Körper zu machen. Dann ist die Arbeit nicht nur ideell, sondern physisch und ich kann konkret etwas tun.
Blutig: Der Trailer von Denis Moschittos „Schock“
Frage: Im Kern handelt der Film vom Kontrollverlust. Das kann einem beim Filmemachen ja auch leicht passieren. Haben Sie sowas erlebt?
Antwort: Das stimmt. Wir haben am Set das gemacht, was meine Figur Bruno nicht hinbekommt: Wir haben den Kontrollverlust zugelassen. Es ist wie beim Driften: Man muss zulassen, dass alles ins Schliddern gerät. Man muss hier mal aufs Gas treten, da auf die Bremse, und dann zusehen, dass man nicht gegen die Wand fährt. Ein Film ist ein Monster. So viel Kontrolle kann man gar nicht haben, dass man das alles im Voraus plant. Man braucht den kontrollierten Kontrollverlust. Daran scheitert Bruno in der Gangsterwelt – er überschätzt seine Kompetenz und seine Möglichkeiten, das Chaos zu kontrollieren.
Frage: Gibt es Lieblingsszenen im Film, die nicht geplant waren, sondern sozusagen beim Driften entstanden sind?
Antwort: Einige! Das war auch unser Konzept. In einer Szene geht Aenne Schwarz zu Fahri Yardım ins Wohnmobil, die beiden spielen ein Paar. Die Kamera bleibt draußen. Als Aenne zurückkommt, weint sie. Das stand nicht im Drehbuch. Ich weiß nicht, was im Wohnwagen passiert ist. Ich sehe nur, dass etwas passiert ist.
Frage: Ihr Film hat mir viel mehr Spaß gemacht als ein klassischer ARD-„Tatort“. Vielleicht, weil es keine Ermittler gibt? Sind Kommissare das Problem von Fernsehkrimis?
Antwort: Was gibt es über Ermittler noch zu sagen? Es ist einfach alles erzählt. Es gab schon alles. Wir haben unendlich viele Formate, in denen Kommissare ermitteln – und das nicht mal sehr realistisch. In Wahrheit ist Ermittlungsarbeit langweilig. Wir haben genug „Tatorte“. Selbst wenn wir keinen mehr drehen, könnten wir noch über Jahrzehnte jeden Tag einen zeigen. Und es läuft ja auch jeden Tag irgendwo einer.
Frage: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Daniel Rakete Siegel? Und wie funktioniert die Arbeitsaufteilung, wenn man im Duo Regie führt?
Antwort: Wir haben uns bei der ZDFneo-Serie „Im Knast“ kennengelernt, da hat Daniel Regie geführt und ich gespielt. Damals haben wir bemerkt, dass wir in Köln quasi Nachbarn sind; jetzt sind wir beste Freunde und sehen uns täglich.
Frage: Umso schwieriger, wenn man zusammenarbeiten soll.
Antwort: Bei uns klappt es. Das gute Argument hat immer Vorrang. Wir sind hart in der Kritik miteinander. Und wir halten das beide aus. Je härter die Kritik, desto besser.
Frage: Wer von Ihnen beiden war dafür zuständig, nach Anke Engelkes Vorbild immer frischen Kuchen ans Set zu bringen?
Antwort: Es gab keine Kuchen. Aber beim Film ist es sehr wichtig, dass das Essen wirklich gut ist. Daniel und ich sind Vegetarier. Es gab nur an einem Tag in der Woche Fleisch, in der restlichen Zeit wollten wir vegetarisches Catering haben. Und weil wir ein paar Leute davon noch überzeugen mussten, musste es richtig, richtig gut sein.
Frage: Welche Gangsterfilme oder Krimis haben Sie in der Jugend geprägt?
Antwort: Geprägt hat mich vor allem der klassische Hollywood-Horror: „Tarantula“ und solche Filme. Im ZDF gab es damals die Reihe „Der fantastische Film“. Da habe ich als Kind durch den Türschlitz gelinst. Das Gefühl, das ich dabei hatte, das prägt mich bis heute.
Frage: Als Teenager haben Sie krumme Dinger gedreht, zumindest waren Sie Hacker. Könnten Sie heute noch mein Konto hacken?
Antwort: Das konnte ich auch damals nicht. Ich hatte früh einen Computer und ich war in der Szene. Ich war aber nie gut. Trotzdem habe ich als 15-Jähriger Sachen gemacht, die schiefgehen können, Datenfernübertragungen zum Beispiel. Das kostete damals viel Geld; aber es gab auch Wege, das kostenlos zu machen. Viele Leute wurden dabei erwischt. Ich hatte Glück. Was uns vor allem interessiert hat, waren Raubkopien. Wir haben uns mit dem Anwalt Günter von Gravenreuth angelegt. Der hatte aus Abmahnungen ein Geschäftsmodell gemacht. Und wir haben ein Dartturnier veranstaltet, bei dem Pfeile auf sein Foto geworfen wurden. Ein bisschen erinnert er an meine Filmfigur, weil er sich auf beiden Seiten des Gesetzes bewegt hat. Irgendwann stand er selbst vor einer Gefängnisstrafe und hat sich das Leben genommen.
Frage: Wenn ich Ihren Film jetzt heimlich weitergebe, könnten Sie als einstiger Raubkopierer also gar nichts dagegen sagen?
Antwort: Ich verstehe beide Seiten der Debatte. Filmemacher müssen von ihrer Arbeit leben. Aber manche Filme verdanken ihre Wirkung auch Leuten, die nicht bezahlt haben. Ich habe in dem Film „Chiko“ gespielt, der an der Kasse kein großer Erfolg war. Trotzdem hat er eine ganze Generation von Teenagern mit Migrationshintergrund geprägt. Die meisten von denen kennen den – und kaum einer hat dafür Geld ausgegeben.
Filmstart und Kinotour: „Schock“ kommt am 15. Februar 2024 in die Kinos. Am Freitag, 16. Februar, stellen Denis Moschitto und Daniel Rakete Siegel ihren Film in der Osnabrücker Hall of Fame persönlich vor. Der Abend beginnt um 21 Uhr.