Lenkrad statt Prothese Heinz Günther Penner feiert 100 Jahre Fahrfreude
Großer Ehrentag in Ihlowerhörn: Einwohner Heinz Günther Penner wird am Mittwoch, 14. Februar 2024, 100 Jahre alt. Im Gespräch mit dieser Zeitung blickt er auf sein bewegtes Leben zurück.
Ihlow - In Ihlowerhörn besteht der Tage Grund zur Freude, denn Einwohner Heinz Günther Penner begeht seinen 100. Geburtstag. Bei Kaffee und Keksen und mit Unterstützung seines Sohnes Florian berichtet er von seinem Jahrhundertleben.
Penner wurde am 14. Februar 1924 im Dorf Neukirch im heutigen Polen geboren. Der Ort in der Woiwodschaft Pommern gehörte damals zur Freien Stadt Danzig, einem unabhängigen Staat, der nach dem Ersten Weltkrieg von Deutschland abgetrennt worden war. Mit vier älteren Schwestern wuchs Penner in einem für die ländliche Region seiner Heimat typischen Vorlaubenhaus auf. „Hier wollte ich eigentlich bleiben – den Hof übernehmen und Bauer werden“, berichtet er. Der Zweite Weltkrieg machte ihm aber einen Strich durch die Rechnung. Danzig wurde nach Kriegsbeginn wieder Teil des Deutschen Reiches und Penner im Alter von 19 Jahren in die Wehrmacht eingezogen.
Bereits kurz danach wurde sein rechtes Bein Ende 1943 von einem russischen Scharfschützen getroffen. Die Amputation folgte erst ein halbes Jahr später, so lange habe man versucht, das Bein zu retten. „Der Knochen liegt wahrscheinlich noch irgendwo in der Ukraine“, witzelt Penner. Mit der Prothese konnte er sich nie anfreunden. Er griff lieber auf Krücken zurück, mittlerweile habe er einen Rollstuhl.
Vom Krieg ins Klassenzimmer
Im Frühjahr 1945 besetzte die Rote Armee Penners Heimat, die seitdem zu Polen gehört. Die deutsche Bevölkerung wurde enteignet und vertrieben. Eine Rückkehr zu Haus und Hof war also nicht möglich und so gelangte Heinz Günther Penner nach der Entlassung aus der Wehrmacht und dem Lazarett nach Deutschland, wo er zunächst bei seiner Schwester im niedersächsischen Dannenberg unterkam.
Penner war zunächst arbeitslos, hielt sich mit Tauschhandel über Wasser. Dann schrieb er sich an der Pädagogischen Adolf-Reichwein-Hochschule in Celle ein. Benannt nach einem Mitglied einer NS-Widerstandsgruppe, wurde sie aufgrund des akuten Lehrermangels in der Nachkriegszeit eingerichtet. Später zog Penner nach Wolfsburg, wo er an der Volks-, später Hauptschule Deutsch, Gemeinschaftskunde, gelegentlich auch Geschichte und Geografie unterrichtete.
Tagungen und Trauungen
Auf einer Lehrertagung lernte er die sechs Jahre jüngere Grundschullehrerin Margaritha Brandl aus der Schweiz kennen. „Ich habe sie gesehen und mir gedacht, dass daraus etwas werden könnte. Auf der zweiten Tagung hat es geklappt“, berichtet Penner augenzwinkernd. Das Paar heiratete 1954. Ob er durch seine Frau auch Schwyzerdütsch spreche? „Das habe ich gar nicht erst probiert“, lacht der Hundertjährige.
Zusammen haben die beiden drei Söhne. Im Gegensatz zu seinen Brüdern, die als Ärzte tätig sind, hat Florian Penner den Apotheker-Beruf gewählt. 1992 kam er der Liebe wegen nach Ostfriesland. „Die Ostfriesen sind so erdverwachsen, da konnte man nichts machen“, berichtet er lachend. Bis 2023 war er Inhaber der Quade-Foelke-Apotheke in Großefehn und der Markt- und Löwen-Apotheke in Emden.
Erinnerungen auf Rädern
Sobald die Schulglocke die Ferien ankündigte, waren die Penners mit ihrem Wohnwagen auf Reisen. Von Skandinavien über Frankreich bis Österreich sind sie quer durch Europa gefahren. Seine schönste Reise? „Die Loire-Schlösser waren sehr interessant“, berichtet der Senior.
Er habe mit seiner Frau auch sein Elternhaus in Polen besuchen wollen, sei aber vom damaligen Besitzer abgewiesen worden. „Sie müssen bedenken, dass es um ein Haus ging, das durch Enteignung den Besitzer gewechselt hat. Man wollte nicht riskieren, dass der Ursprungsbesitzer Ansprüche geltend macht“, erklärt Sohn Florian. Seine Tochter sei aber vor einiger Zeit dort gewesen und freundlich empfangen worden. Ihrem Großvater habe sie Fotos mitgebracht. „Heutzutage haben die jungen Leute in Deutschland und Polen ein viel besseres Verhältnis zueinander.“
Immer auf Achse
Die Unabhängigkeit des Autos hat Penner immer geschätzt. Bis ins hohe Alter sei er gerne gefahren. Wie das mit einem Bein möglich war? Mit Handgas, umgekehrt eingebauten Pedalen und später Automatikgetriebe. Sohn Florian berichtet amüsiert, dass die Mechaniker in den Werkstätten den Wagen aufgrund der umgekehrten Pedalanordnung regelmäßig gegen die Wand gefahren hätten.
Als Heinz Günther Penner vor zehn Jahren von einer Einkaufstour zurückkam, habe er aber selbst gemerkt, dass er das Auto lieber abgeben sollte. „Ich kam nach Hause und sagte zu meiner Frau ‚Das war das letzte Mal‘“, berichtet er. Sein letzter Wagen, ein Audi 100 – das letzte Modell dieses Namens, bevor es zum Audi A6 wurde –, stehe nun in der Scheune in Ihlowerhörn.
Ostfriesland als neue Heimat
Hierhin kam das Paar vor fünf Jahren, nachdem es fast sein ganzes Leben in Wolfsburg verbracht hat. Bereits ein halbes Jahr nach dem Umzug verlor Heinz Günther Penner seine Frau. Drei Wochen später hätten sie ihre Eiserne Hochzeit gefeiert. „Da hätte sie sicher getanzt, das hat sie gerne gemacht. Leider konnte ich da mit einem Bein nie mithalten.“
In seinem Alltag wird er nun von der polnischen Pflegerin Goscha unterstützt. Ein Kosename, eigentlich heiße sie Malgorzata, die polnische Form von Margaritha. So schließt sich der Kreis.
Pommerscher Poet
Ganz der Deutschlehrer schreibt Heinz Günther Penner in seiner Freizeit gerne Gedichte. „Letztens hat er mir eine ganze Seite zum Geburtstag verfasst“, berichtet sein Sohn stolz. „Da kann man nur den Hut ziehen.“
Und prompt rezitiert Penner senior ein Gedicht aus dem Gedächtnis. In „Erinnerung an Neukirch“ geht es um sein Heimatdorf, voller Sehnsucht heißt es: „Vernarbt sind längst die alten Wunden – auch solche, – die der Krieg mir schlug –, doch mein Erinnern flieht in stillen Stunden ins Dorf zurück, zu Pferd und Pflug.“ In Ostfriesland fühle er sich dennoch wohl: „Ich bin hier sehr zufrieden.“ Seinen großen Ehrentag wird der dreifache Vater und jeweils sechsfache (Ur-)Großvater im Kreise der Familie feiern.