Berlin Hirn, Verhalten, Sexualität: Was Haustiere von Wildtieren unterscheidet
Haustiere sind zutraulicher als ihre wilden Ahnen. Aber wussten Sie auch, dass sie viel kleinere Gehirne haben? Und sexuell aktiver sind? Die Verhaltensbiologen Norbert Sachser und Niklas Kästner erklären die verblüffenden Folgen der Domestikation.
Was ein Haustier ist, weiß jedes Kind: Der Wellensittich, der auf dem Finger landet. Der Hund, mit dem man stundenlange Stöckchenspiele treibt. Aber was genau ist es eigentlich, das die Begleiter des Menschen von ihren wilden Ahnen unterscheidet? Und hat nur der Mensch das Tier verändert? Oder hat das Tier auch Spuren im menschlichen Genom hinterlassen? Darüber haben wir mit den Münsteraner Verhaltensbiologen Prof. Norbert Sachser und Dr. Niklas Kästner gesprochen.
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Schon vom Wort her definiert das Haustier sich über den Kontrast: Es ist eben einfach – nicht wild. „Haustiere sind in der Regel weniger aggressiv, weil der Mensch bevorzugt friedfertige Individuen verpaart hat“, sagt Norbert Sachser.
Domestizierte Tiere sind aber auch lauter. Plausibel: Wo der Mensch sie vor Fressfeinden schützt, verliert eine weithin vernehmbare Kommunikation ihre Risiken. Der nächste weiteren Unterschied aber überrascht: Haustiere sind sexuell aktiver. Das ergibt sich, so Sachser, „aus einer Zucht, die auf eine hohe Fortpflanzungsleistung abzielt“.
Viele Veränderungen der Haustiere sind vom Mensch gezielt herbeigeführt: Kühe sind auf eine hohe Milchleistung hin gezüchtet, Dackel auf kurze Beine, die zur Jagd bis im Dachsbau befähigen.
Aber auch über diese Zuchtziele hinaus haben die Tiere sich beim Menschen drastisch verändert: „Bei manchen Arten ist das Hirn des Haustiers um fast 50 Prozent kleiner als das seiner wilden Vorfahren“, sagt Sachser. Historisch sei daraus das Bild vom edlen und klugen Wildtier entstanden, mitsamt einer rassistischen Komponente: Konrad Lorenz, erzählt Sachser, hat in der Nazizeit auch vor der „Verhausschweinung des Menschen“ gewarnt.
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Über die Ursache der kleineren Hirne gibt es nur Vermutungen. Sachser verweist auf die Redensart „Use it or lose it“: „Was man nicht gebraucht, verkümmert – beim Hirn wie bei der Muskelmasse.“ In der Nähe von Menschen fielen einfach viele Herausforderungen aus der Wildbahn weg, erklärt Niklas Kästner: „Ein Beispiel: Alles, was zur Migration befähigt, brauchen Haustiere nicht mehr.“
Ist der Haushund also dümmer als ein Wolf? Kästner widerspricht: „Die Größe des Hirns spiegelt nicht automatisch die Intelligenzleistung; es kommt auf die Menge der Nervenzellen und auf ihre Verknüpfung an.“
Studien widerlegen die historische Annahme vom überlegenen Wildtier: „Wenn man die kognitiven Leistungen testet, stellt man fest: Wildtiere sind nicht intelligenter“, sagt Sachser. „Sie sind besser an ihre natürliche Umgebung angepasst, genauso wie Haustiere an ihre Umgebung in menschlicher Obhut.“ Unter den Bedingungen von Haustieren getestet, erzielten die Wildtiere schlechtere Ergebnisse.
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Hunde finden sich im großen Revier des Wolfs nicht mehr zurecht – dafür aber in der Welt des Menschen. Braucht es für die Verständigung mit einer anderen Spezies denn etwa kein Hirn?
„Ich halte das für keine so große Herausforderung“, antwortet Verhaltensbiologe Sachser. „Ein Hund ist darauf ausgerichtet, sich an Sozialpartner anzupassen. Ob das nun andere Hunde sind oder Menschen, ist eine Frage der Sozialisation. Der Hund nutzt dafür dieselben, genetisch in ihm angelegten Fähigkeiten.“ Um sich dem Halter verständlich zu machen, müsse er sich nicht – mit hohem kognitiven Aufwand – in einen kleinen Menschen verwandeln. „Er verhält sich zum Menschen einfach so wie zu einem Artgenossen.“
Es stimme aber, dass Hunde untereinander anders kommunizieren als mit dem Halter, sagt Kästner: „Hunde sind gezwungen, beim Menschen auf andere Stimuli zu achten. Menschen kommunizieren vor allem über Sprache, Hunde über Körpersprache.“
Den Begriff einer Fremdsprache findet der Verhaltensbiologe allerdings falsch. Der Hund übersetze sich die Signale des Menschen nicht. Er lerne im Laufe seines Lebens aber, worauf wir reagieren. „Wenn er nach draußen will, wird er das dem Halter gegenüber vermutlich auf eine andere Art signalisieren als einem anderen Hund.“ Diese Anpassung, so Kästner, ist eine Frage der Sozialisation – aber nicht nur: „Studien weisen aber darauf hin, dass das auch auf genetische Unterschiede zurückzuführen ist.“
Wie ihre wilden Ahnen lieben Hunde die Gemeinschaft. Sachser berichtet von einer Studie zu gegenseitigen Unterstützung. Ergebnis: „In ungewohnten Situationen reagieren sie deutlich weniger gestresst, sobald ein vertrauter Sozialpartner bei ihnen ist.“
Im Fall von Haushunden und Menschen beruht das auf Gegenseitigkeit: „Dass die Anwesenheit eines Hundes menschlichen Stress reduziert, ist gut gesichert“, sagt Sachser und beschreibt eine positive Feedback-Schleife: „Wenn Sie einen Hund streicheln, schüttet der Hund das Glückshormon Oxytocin aus – das verändert sein Verhalten Ihnen gegenüber, sodass auch Sie Oxytocin ausschütten. Am Ende fühlen beide sich gut und zufrieden.“
Und auch das ist belegt: Hund können aktiv trösten. „Manche Tiere nehmen mit hoher Kompetenz den emotionalen Zustand von anderen wahr und können ihn auch beeinflussen“, sagt Sachser. Nachgewiesen sei das etwa für Menschenaffen, für Elefanten und Wölfe. „Hunden gelingt das sogar beim Menschen. Jeder Hundehalter kennt das: Man ist traurig, und der Hund legt einem seinen Kopf aufs Knie.“ Sachser vermutet dahinter eine Besonderheit der Domestikation: „Ein wildes Tier wird den emotionalen Zustand von Menschen nur schwerlich lesen können.“
Nicht wenige Tierliebhaber halten ihren Hund sogar für einfühlsamer als die meisten Menschen. Zu Recht? „Ich vermute, dass diese Veranlagung beim Menschen wie beim Hund sehr groß ist. Und dass es dann auf die Sozialisation ankommt, wie sehr sie realisiert wird“, sagt Sachser. So wie es einfühlsame und eher stumpfe Menschen gäbe, so sei es auch bei den Hunden. „Das berührt einen aktuellen Trend in der Forschung: die Entdeckung des Individuums.“
Früher, so Sachser, hätte man gesagt, dass „der Schimpanse“, „der Hund“ oder „die Katze an sich“ bestimmte Eigenschaft haben. „Heute sagen wir: Leo hat sie, Aurora aber nicht.“ Ob das Spektrum bei Tieren so breit wie beim Menschen, sei noch nicht genügend untersucht.
Der Hund begleitet den Menschen seit rund 30.000 Jahren, viel länger als alle anderen Arten. Passen Hunde einfach besser zum Menschen als beispielsweise Katzen – die erst seit etwa 10.000 Jahren bei uns leben? Niklas Kästner antwortet mit einer Gegenfrage: „Wozu wurde ein Tier domestiziert? Das Rind wurde auch domestiziert, spielt für den Menschen aber eine ganz andere Rolle als der Hund, der zum Sozialpartner wurde.“
Für die Katze verweist sein Kollege Sachser auf ihre Lebensweise: „Die Wildkatze ist ein einzelgängerisches und territoriales Tier. Der Wolf ist ein Rudeltier und lebt hochsozial“ – was den Anschluss an den Menschen erleichtere. Im Fall des Wolfs wird sogar diskutiert, ob die Annäherung vom Tier ausging.
Womöglich kamen die Wölfe von sich aus zum Menschen, „weil sie hier Nahrungsabfälle verwerten konnten“, so Kästner. „Andere glauben, dass die Menschen Welpen aufgezogen haben. Wieder andere glauben an eine Mischung aus beidem.“
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Mit der Beziehung kommt die Verantwortung, auch bei Tieren, die als pflegeleicht gelten: Auch im Meerschweinchen, sagt Sachser, „ist das Bedürfnis angelegt, sich an einen Sozialpartner zu binden. Ein Bindungsverlust kann diese Tiere schwer erkranken und sogar sterben lassen – auch wenn der Sozialpartner ein Kind ist, das neuerdings vielleicht einen Hund bekommen hat und sich für das Meerschweinchen nicht mehr interessiert.“ In der Schweiz sei es deshalb unter Strafe verboten, die Tiere allein zu halten.
Verpflichtet sind wir dem Haustier aber schon deshalb, weil wir sie dem Leben in der Wildnis entwöhnt haben: „Artgerecht ist nur die Freiheit“, lautet der Titel eines tierethischen Bestsellers. „Für Haustiere gilt das sicher nicht“, sagt Sachser dazu. „Schon weil ihre Stressreaktionen längst nicht mehr so intensiv sind.“
Wenn etwa Wildmeerschweinchen einer ungewohnten Situation ausgesetzt sind, dann schössen die Stresshormone in die Höhe. „Das braucht das Tier, um in der Gefahr die nötige Energie zu haben“, sagt Sachser. Haustiere sind gelassener. Beim Menschen hilft ihnen diese Stressresistenz – in der freien Wildbahn liefert dieselbe Eigenschaft sie ihren Fressfeinden aus. Sachsers Fazit: „Die beste Haltung für ein Haustier ist eine gute vom Menschen gemachte Umwelt.“
An der Seite des Menschen haben die Tiere sich verändert – bis ins Genom. Gilt das eigentlich auch umgekehrt? Zumindest ein Beispiel fällt Norbert Sachser ein: die Verträglichkeit von Milch im Erwachsenenalter. „Wo Rinder, Schafe oder Ziegen domestiziert wurden, stand den Menschen Milch als wichtige Ernährungsquelle permanent zur Verfügung. Die muss verstoffwechselt werden, was die meisten Menschen nur im Kindesalter konnten“, sagt der Experte.
In Regionen mit dauerhaft verfügbarer Milch kam es deshalb zu Veränderungen in bestimmten Genen, die auch Erwachsenen den verträglichen Genuss von Milch ermöglichen. „Das ist“, folgert Sachser, „eine genetische Anpassung des Menschen an das Zusammenleben mit ihren domestizierten Tieren.“
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