Berlin Waldi liebt Wade: Warum Hunde an Beinen rammeln
Aufreiten ist der Fachbegriff dafür, wenn ein Hund das Bein des Halters besteigt und rammelt. Drei Gründe nennen die Verhaltensbiologen Sachser und Kästner für das Verhalten. Sie alle haben mit der Domestikation vom Wolf zum Haustier zu tun.
„Mein Hund beißt jede hübsche Frau ins Bein“, singt Max Raabe in einem seiner 20er-Jahre-Schlager. Und so ungezogen das auch ist – diesen Biss würde manch ein Halter dem Tier wohl noch verzeihen. Bei einer anderen Geste aber hört der Spaß auf: Dann nämlich, wenn der Hund die Wade nicht beißt, sondern sich an sie ranklemmt und losrammelt. Aufreiten nennt das der Fachjargon. Warum tun Hunde das? Wir haben die Verhaltensbiologen Dr. Niklas Kästner und Prof. Norbert Sachser befragt.
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Für den Menschen fühlt das Aufreiten von Hunden sich intuitiv sexuell an. Ist es das überhaupt? Oder will das Tier etwas ganz anders ausdrücken? Nicht unbedingt: „Aufreiten kann durchaus ein Dominanz- bzw. Imponierverhalten sein. Es gibt aber viele andere Gründe dafür und eine Ferndiagnose ist schwierig“, sagt Niklas Kästner vom Magazin „Ethologisch – Verhalten verstehen“.
Vielleicht habe der Hund auch nur gelernt, sich mit gerade diesem Verhalten die Aufmerksamkeit des Halters zu sichern. Allerdings, so Kästner, könne das Aufreiten auch genau der missglückte Paarungsversuch sein, nach dem es aussieht.
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Der Fortpflanzungserfolg, auf den das Verhalten abzielt, ist beim Aufreiten am Menschenbein ausgeschlossen. Dass Hunde es trotzdem tun, erklärt der Münsteraner Professor Norbert Sachser mit Domestikation. Drei ihrer Begleiterscheinungen begünstigen den sexuellen „Irrtum“ des Hundes. Erstens beherrscht domestizierte Tiere ein stärkerer Sexualtrieb: „Haustiere sind sexuell aktiver; das ist ihnen vom Zuchtziel der Fortpflanzungsleistung genetisch mitgegeben“, sagt Sachser.
Dazu kommt, so Sachser, ein weiteres Merkmal der Domestikation: Die Auslösemechanismen für ein bestimmtes Verhalten verlieren demnach häufig an Selektivität. Sachser erklärt das am Beispiel des Meerschweinchens: In der wilden Form säugen diese Tiere sehr selektiv nur den eigenen Nachwuchs; einem Hausmeerschweinchen dagegen könne man auch nicht verwandte Jungtiere unterschieben – sie werden mitgesäugt. Der zweite Grund für das Aufreiten der Hunde lautet also: Bei der Paarung ist der Hund einfach nicht so wählerisch wie seine Ahnen. Sachser: „Anders als ein Wolf richtet ein Hund sein sexuelles Verhalten nicht nur auf den Artgenossen. In diese typische Friktionsbewegung verfällt der Hund womöglich nicht einmal nur beim Menschen, sondern auch bei Objekten wie einem Tischbein.“
Ein dritter Grund für das Rammeln: Haustiere reagieren mitunter schon auf schwächere Reize als ihre wilde Stammform. Diese „Schwellwert-Erniedrigung“, erklärt Sachser, tritt besonders bei isoliert aufgezogenen Tieren auf. „Man kennt Vögel, deren Schwellwert so stark erniedrigt ist, dass sie mit einem Papiertaschentuch kopulieren.“ Und was dem Vogel sein Tuch, das ist dem Dackel dann eben die Wade.
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