AfD-Bürgerdialog in Schortens  Die Klimalüge der AfD

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 12.02.2024 10:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der niedersächsische AfD-Bundestagsabgeordnete Dirk Brandes versuchte auf einem Bürgerdialog in Schortens den menschengemachten Klimawandel kleinzureden beziehungsweise zu leugnen. Foto: Hock
Der niedersächsische AfD-Bundestagsabgeordnete Dirk Brandes versuchte auf einem Bürgerdialog in Schortens den menschengemachten Klimawandel kleinzureden beziehungsweise zu leugnen. Foto: Hock
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Die AfD hatte zum „Bürgerdialog“ nach Schortens geladen. Viele Aussagen, die von den AfD-Bundestagsabgeordneten Martin Sichert und Dirk Brandes getroffen wurden, halten einem Faktencheck nicht stand.

Schortens - Unter dem Schutz zahlreicher Polizeibeamter und unter dem Protest Hunderter Menschen fand am 7. Februar 2024 ein Bürgerdialog der AfD in der Stadt Schortens im Landkreis Friesland statt. Als Redner sprachen die niedersächsischen AfD-Bundestagsabgeordneten Martin Sichert und Dirk Brandes.

Den Auftakt machte Brandes. Der 49-Jährige aus Langenhagen sitzt seit 2021 für die AfD im Bundestag. Er gehörte zum offiziell mittlerweile aufgelösten, AfD-internen niedersächsischen Netzwerk „Pegasus Germanus“. Laut der Niedersächsischen Landesregierung bezeichnete sich „Pegasus Germanus“ selbst als „politische Interessengemeinschaft wertkonservativer Patrioten in Niedersachsen“. Zudem soll das Netzwerk dem rechtsextremistischen „Flügel“ der AfD nahegestanden haben.

In Schortens sprach Brandes zu verschiedenen Themen, dabei ging es unter anderem um das Thema „Klima“ in verschiedenen Facetten. Brandes, der stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Klimaschutz und Energie des Bundestags ist, leugnete dabei den menschengemachten Klimawandel – mit einer schon lange widerlegten, falschen Rechnung.

Die Klimalüge des AfDlers

Brandes Beispiel geht ungefähr so: Die Atmosphäre besteht aus 78 Prozent Stickstoff und 21 Prozent Sauerstoff. Der verbliebene Prozentpunkt besteht aus Spurengasen, zu denen auch CO₂ gehört. „CO₂ befindet sich in der Atmosphäre zu 0,04 Prozent“, erklärte Brandes den rund 200 Zuschauern im Schortenser Bürgerhaus. Davon „stößt die Natur 96 Prozent selbst aus“. Der Mensch sei also nur für „einen Luftanteil von 0,0016 Prozent“ verantwortlich. Deutschland wiederum sei nur für 1,8 Prozent des weltweiten CO₂-Austoßes verantwortlich, also für einen Luftanteil von „0,000029 Prozent“.

So geringe Anteile, so die Behauptung von Brandes, könnten kaum für irgendetwas verantwortlich sein.

Die Zahlen, die Brandes nutzt, stimmen. Sie sind aber falsch verrechnet – und das seit 2010. Spätestens da tauchte diese falsche Rechnung erstmals im Internet auf, wie das Portal Mimikama recherchiert hat. Die Zahlen waren damals noch leicht anders, was wiederum mit dem menschengemachten Klimawandel zu erklären ist, den Brandes bezweifelt.

Das Problem mit Populismus

Der nachfolgende Text zeigt ein großes Problem an populistischen Behauptungen. Sie sind schnell und kurz aufgestellt, aber sie zu widerlegen dauert. Eben weil die Realität komplexer ist, als der Populismus es behauptet.

Was ist falsch an der Rechnung, wenn die Zahlen stimmen?

Diese Zeitung hat das Umweltbundesamt gefragt, was es von der fast 14 Jahre alten Behauptung, die Brandes wiederholt, hält. „Das Hauptproblem der fraglichen Behauptungen besteht in der Verwechslung von ‚Umsatz’ und ‚Netto-Zuwachs‘. Die fragliche Berechnung ergibt insgesamt keinen Sinn“, so die eindeutige Antwort.

Das Umweltbundesamt betont, dass einen natürlichen Kohlenstoffkreislauf gibt. In der Natur, so beschreibt es der Bayrische Rundfunk in einem Faktencheck zum gleichen Thema, produziert CO₂ „durch Verwesungsprozesse, Ausgasungen und andere Vorgänge“. Gleichzeitig nimmt die Natur CO₂ auf und wandelt das Spurengas um, „durch Photosynthese, Verwitterung oder andere Prozesse in Böden und Ozeanen“. In diesem natürlichen Kreislauf werden jährlich rund 477 Gigatonnen CO₂ zwischen Landflächen und der Atmosphäre sowie rund 249 Gigatonnen CO₂ zwischen Ozeanen und Atmosphäre umgesetzt, so das Umweltbundesamt.

Dieser Umsatz ist stabil, weil es sich um einen geschlossenen Kreislauf handelt. Netto kommt es hier nicht zu einer Veränderung der CO₂-Konzentration in der Atmosphäre. „Genau dieses Gleichgewicht ohne Netto-Veränderungen herrschte auch zwischen dem Ende der letzten Eiszeit und vor dem Beginn der Industrialisierung bei einer konstanten atmosphärischen CO₂-Konzentration von etwa 280 ppm“, so das Umweltbundesamt - ppm steht für „parts per million“, also „Teile einer Million“. Klingt wiederum sehr gering - ähnlich wie die Zahlen von Brandes.

Aber der Netto-Zuwachs an CO₂ in der Atmosphäre ist da, das belegen Untersuchungen. Dieser Zuwachs beläuft sich laut Umweltbundesamt rein auf CO₂ bezogen auf rund 40 Gigatonnen pro Jahr. „Davon stammen wiederum ca. 37 Gigatonnen CO₂ aus der Verbrennung fossiler Energieträger und aus Industrieprozessen“, so das Umweltbundesamt. Davon wiederum kann die Natur nur einen Teil kompensieren, so dass es zu einem tatsächlichen Zuwachs von CO₂ in der Atmosphäre von rund 18 Gigatonnen pro Jahr kommt. „Dies führt zu dem bekannten Anwachsen der atmosphärischen CO₂-Konzentration um aktuell etwa +2,3 ppm pro Jahr auf jetzt mehr als 420 ppm“, so das Umweltbundesamt.

Damit ist zunächst eindeutig widerlegt, dass es so etwas wie einen menschengemachten Klimawandel beziehungsweise einen von Menschen verursachten CO₂-Anstieg in der Atmosphäre nicht gibt.

Welche Rolle spielt Deutschland?

Daran ist Deutschland, auch entgegen der Rechnung, nicht unschuldig. „Deutschlands reine CO₂-Emissionen betrugen im Jahr 2022 ca. 666 Millionen Tonnen CO₂“, was einem Anteil von 1,8 Prozent „an den weltweiten CO₂-Emissionen aus fossilen Energiequellen und Industrieprozessen“ entspricht. Allerdings beträgt der deutsche Anteil an der Weltbevölkerung nur rund 1,05 Prozent. Schaut man dann noch in die Vergangenheit, dann zeigt sich, dass Deutschland seit 1850 für rund 3,7 Prozent oder 93 von 2500 Gigatonnen der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich ist. Fazit: „Deutschland hat also weit überproportional zum Anstieg der CO₂-Konzentration in der Atmosphäre und damit zum Klimawandel beigetragen.“

Weiter schreibt das Umweltbundesamt: „Der absolute Anteil Deutschlands an den globalen Emissionen ist nicht sehr hoch, Deutschland ist aber immer noch der größte Emittent in der EU und hat aufgrund seiner Klimaschutzpolitik einen erheblichen Einfluss, wenn auch indirekt, auf das globale Klima.“

Ob nun 280 oder 420 ppm, das ist doch egal, oder?

Gerade die „parts per million“ sorgen dafür, dass die Bedeutung des CO₂-Anteils in der Atmosphäre geringer klingt, als sie eigentlich ist. Zunächst dauert es laut Umweltbundesamt sehr lange, bis ein zu hoher CO₂-Anteil in der Atmosphäre wieder abgebaut wird. „Nach 1000 Jahren sind davon noch etwa 15 bis 40 Prozent in der ⁠Atmosphäre⁠ übrig. Der gesamte Abbau dauert jedoch mehrere hunderttausend Jahre.“

CO₂ ist ein Treibhausgas. Das Umweltbundesamt beschreibt das so: „Die Erdatmosphäre enthält Gase, die kurzwellige Sonnenstrahlung zum großen Teil passieren lassen, (langwellige) Wärmestrahlung jedoch absorbieren und damit das System erwärmen. In Analogie zu einem Treibhaus – das Sonnenstrahlung durchlässt und Wärmestrahlung ‚festhält‘ – werden diese Gase auch als Treibhausgase bezeichnet. Vor allem Wasserdampf und Kohlendioxid absorbieren einen Teil der von der Erdoberfläche abgegebenen Wärmestrahlung und verringern deshalb den Anteil der in den Weltraum abgegebenen Wärmestrahlung.“

280 ppm CO₂ in der Atmosphäre sind seit der letzten Eiszeit eigentlich der Anteil, der für einen natürlichen Treibhauseffekt sorgt, ohne den die Erde vereisen würde. Durch die Steigerung des Anteils auf mehr als 400 ppm wird aber mehr Wärme „festgehalten“, dadurch kommt es zu einer stetigen Erwärmung: der menschengemachte Klimawandel.

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