Als Mahnwache angemeldet Hunderte protestieren gegen AfD-Veranstaltung in Schortens
Zwei Bundestagsabgeordnete der AfD laden zu einem Bürgerdialog in Schortens ein. Hunderte Menschen demonstrieren gegen die Veranstaltung. Aber es besuchen sie auch mehr, als die Politiker erwarteten.
Schortens - Vor dem Bürgerhaus in Schortens haben am Mittwoch rund 1000 Menschen gegen eine Veranstaltung der AfD demonstriert. Die als Mahnwache angemeldete Demonstration fand nur wenige Meter vor dem Gebäude statt, in dem zwei Bundestagsabgeordnete der AfD zu einem ihrer Bürgerdialoge eingeladen hatten. Das sind unregelmäßige Veranstaltungen, zu denen AfD-Politiker einladen, um über ihre Arbeit im Parlament zu berichten.
Da es im Vorfeld zahlreiche Protestaufrufe gegen diesen AfD-Abend gab, begleitete die Polizei Mahnwache und Parteiveranstaltung mit einem Großaufgebot. Und die AfD sicherte sich zusätzlich ab: Alle Besucher mussten sich einer Untersuchung durch private Sicherheitskräfte stellen, bevor sie reingelassen wurden. Die befürchteten Ausschreitungen blieben allerdings aus. Am Ende des Abends teilte die Polizei mit, dass es sowohl vor als auch im Bürgerhaus friedlich blieb. Konkret hatten die AfD-Abgeordneten Martin Sichert und Dirk Brandes eingeladen. Sichert ist an der Küste kein Unbekannter: Er kam über die bayerische Landesliste ins Parlament, lebt aber mittlerweile in Zetel (Friesland) und fühlt sich für seine Partei für die Nordseeküste zuständig.
Die Gegner
Zwischen den Demonstranten standen Elisabeth Westerdeijk und ihr Mann Klaus, beide schon Rentner und extra angereist aus Rodenkirchen im benachbarten Landkreis Wesermarsch. „Wir gehen jetzt auf jede Demo gegen rechts, auf die wir gehen können“, so Elisabeth Westerdeijk, vier hätten sie schon besucht. Ihre ersten vier überhaupt, wie ihr Mann ergänzte. Die Sorge um ihre Enkel treibt die beiden um: Die seien afrikanischer Abstammung, würden nun gehänselt und hätten Angst. Nach den Berichten über das Treffen Rechtsextremer in Potsdam würden die Mitschüler ihnen sagen, sie müssten jetzt nach Afrika. Die Großmutter ist empört: „Stellen Sie sich vor, die AfD kommt an die Regierung – was wird dann aus unseren Enkelkindern?“
Auch Ulrike Schleier aus Wilhelmshaven stand mit einem Plakat vor dem Bürgerhaus, „AfD jetzt stoppen“ steht darauf. Und auch sie bezog sich im Gespräch auf die Berichterstattung über das Treffen in Potsdam. Es habe ihr die Augen geöffnet. „Meine Erkenntnis daraus ist: Die AfD ist schlimmer als ich dachte.“ Im Anschluss habe sie sich mit anderen Texten der AfD beschäftigt und für sich festgestellt: „Das ist kein Einzelfall, dieses Gedankengut findet sich da wieder.“ Organisiert wurde der Protest von einem breiten Bündnis aus Parteien, Gewerkschaft und Kirche.
Die Anhänger
Im Bürgerhaus versammelten sich nach und nach rund 170 Menschen. Offenbar mehr als erwartet, denn die beiden Bundestagsabgeordneten trugen immer neue Stühle herbei, bis auch das nicht mehr ging. Der Rest der Besucher blieb schließlich am Rand stehen. Unter ihnen Kurt Timm aus Schortens, der auf Nachfrage erklärte, er wolle hören, wie die AfD sich das so weiter vorstelle mit Deutschland. „Gegen das Chaos in Berlin sehe ich im Moment nur diese Partei“, erklärte er. Nicht alle in diesem Raum wollten mit der Presse sprechen, ein paar Reihen weiter fanden sich aber zwei Herren, die zwar ihre Namen lieber nicht in der Zeitung lesen, aber doch Auskunft geben wollten. Unterm Strich steht die Enttäuschung über alle anderen Parteien im Bundestag. Und die Aussage: „Ich bin kein Nazi.“ Ein Satz, den man an diesem Abend im Bürgerhaus öfter hörte.
Die beiden Bundestagsabgeordneten hakten in kurzer Folge eine ganze Reihe von politischen Themen ab, die üblicherweise Zündstoff bergen. Eine kurze Auswahl: Das Heizungsgesetz („so viele Wärmepumpen gibt‘s gar nicht“), der Klimawandel („alles bloß aufgebauscht, damit ihr für CO2 zahlen sollt“), die Energiewende („damit schaffen wir Deutschland zurück ins 18. Jahrhundert“). Schließlich appellierte Sichert noch an die Besucher: „Lassen Sie sich nicht einreden, dass die AfD die Demokratie gefährden würde.“ Das Gegenteil sei der Fall, seine Partei würde die Demokratie beleben.