Berlinale  Berlinale 2024: AfD-Streit, Oscar-Hoffnung, Ärger mit Claudia Roth

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 06.02.2024 10:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Berlinale 2024: Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek leiten ihr fünftes und letztes Festival, bevor die Amerikanerin Tricia Tuttle übernimmt. Foto: picture alliance/dpa
Berlinale 2024: Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek leiten ihr fünftes und letztes Festival, bevor die Amerikanerin Tricia Tuttle übernimmt. Foto: picture alliance/dpa
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Schon bevor die Stars zur Berlinale 2024 anreisen, wird heftig diskutiert. Offene Briefe kritisieren die Einladung an AfD-Abgeordnete und auch die Personalpolitik von Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Im Interview beziehen die Berlinale-Chefs Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek Stellung.

Auch bei ihrer fünften und letzten Berlinale kehrt für die Festivalleiter Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian keine Ruhe ein. Der Streit um den Nahostkonflikt hat das Festival erreicht – genau wie die Debatte um den Rechtsextremismus: Zur Berlinale-Eröffnung sind Vertreter aus Bundestag und dem Berliner Abgeordnetenhaus geladen – auch solche der AfD; mehrere Hundert Kulturschaffende haben das in einem offenen Brief kritisiert.

Es ist nicht das erste Protestschreiben dieser Berlinale-Ausgabe: Im Herbst überrumpelte Kulturstaatsministerin Claudia Roth den künstlerischen Leiter Chatrian, indem sie seinen Vertrag nicht verlängerte. Es folgte ein öffentlicher Widerspruch, dem sich Stars wie Tilda Swinton und Martin Scorsese anschlossen. An der Entscheidung änderte es nichts. Die 75. Berlinale wird im kommenden Jahr die Amerikanerin Tricia Tuttle leiten.  Ab dem 15. Februar sind aber erst noch einmal Rissenbeek und Chatrian am Ruder. Im Interview blicken sie voraus.

Frage: Frau Rissenbeek, Herr Chatrian, auf welche Filme, auf welche Gäste freuen Sie sich in Ihrem Abschiedsjahr besonders?

Antwort: Mariette Rissenbeek: Ich finde toll, dass wir Lupita Nyong’o als Jurypräsidentin haben – den Star aus Filmen wie „Wakanda forever“ und „12 Years a Slave“. Auch auf Isabelle Huppert freue ich mich sehr. Vor zwei Jahren konnte sie wegen einer Corona-Infektion ihren Goldenen Ehrenbären nicht persönlich annehmen. Jetzt holt sie den Besuch nach. Zum Eröffnungsfilm begrüßen wir Cillian Murphy, der als Oppenheimer gerade für den Oscar nominiert ist – was will man mehr?

Antwort: Carlo Chatrian: Wenn ich nur einen Namen nennen darf: Martin Scorsese. Mit seinen Filmen bin ich aufgewachsen. Ihm jetzt den Goldenen Ehrenbären zu überreichen, ist etwas Besonderes.

Frage: Gibt es ästhetische oder inhaltliche Schwerpunkte im aktuellen Festivaljahrgang?

Antwort: Chatrian: Wir haben Filme aus Tunesien, Nepal, der Dominikanischen Republik. Diese Filme bringen nicht nur neue Geschichten mit, sondern auch eine eigene Bildsprache. Im Wettbewerb haben wir ungewöhnlich viele Mutterfiguren, wütende, kämpfende, liebende Mütter.

Frage: Die Berlinale ist ein erprobtes Forum für Konflikte. Über dem Nahostkrieg zerstreitet sich jetzt allerdings besonders die Kulturszene. Ein Regisseur hat seinen Berlinale-Beitrag schon zurückgezogen – aus Protest gegen Deutschlands Haltung zu Israel. Eskaliert das Thema auf der Berlinale?

Antwort: Rissenbeek: Die Berlinale bleibt eine Plattform des Austauschs. Wir wollen und können nicht verhindern, dass die Filme Anlass zur Diskussion geben. Und wir sind sicher, dass das auch diesmal auf eine friedliche Weise geschieht.

Antwort: Chatrian: Ich tausche mich permanent mit den Künstlern aus und mache mir keine Sorgen: Es werden nicht lauter Filme zurückgezogen. Das sind Einzelfälle.

Frage: Eine zurzeit sehr starke AfD glaubt, dass die „deutsche kulturelle Identität im traditionellen Sinn (...) beseitigt werden“ soll. Kommt dieser Zeitgeist inzwischen auch bei Ihnen an?

Antwort: Rissenbeek: Die Berlinale wurde 1951 von den Amerikanern als „Schaufenster der freien Welt“ gegründet und sollte zur internationalen Verständigung beitragen. Diese Weltoffenheit muss verteidigt werden und die Freiheit der Kunst ist essentiell in der Demokratie. Eine Reihe AfD-Mitglieder vertritt Positionen, die zutiefst antidemokratisch sind. Wir erteilen rechtsextremem oder rechtspopulistischem Gedankengut eine klare Absage.

Dass auch AfD-Abgeordnete zur Berlinale-Eröffnung eingeladen sind, sorgte für Kritik. Festival-Chefin Mariette Rissenbeek reagierte mit einem Statement auf Instagram:

Frage: Sie mussten sparen und Einschnitte am Programm vornehmen. Wo stecken die Chancen dieser Entscheidung? Und welche Verluste tun weh?

Antwort: Rissenbeek: Schon als wir die Berlinale übernommen haben, hat Carlo die Anzahl der Filme reduziert – das Festival war unter unserem Vorgänger Dieter Kosslick sehr groß geworden. Nun haben wir entschieden, mit der „Perspektive“ – der Sparte für das deutsche Nachwuchskino – eine ganze Sektion zu streichen. Schon wegen des Personals spart man damit am meisten. Die Wahrnehmung junger deutscher Filmemacher stärken wir ohnehin besser, wenn wir ihre Filme in den Hauptsektionen zeigen.

Frage: Auch die Retrospektive wird kleiner. Die Hommage-Reihe zum Werk des Ehrenbär-Trägers fällt ganz aus. Wieso lassen Sie sich eine Scorsese-Reihe entgehen?

Antwort: Chatrian: Wir zeigen die restaurierte Fassung von „After Hours“ und „The Departed“. Aber es stimmt: keine eigentliche Hommage. Die Reihe wurde konzipiert, als alte Filme viel schlechter verfügbar waren. Heute haben es vor allem neue Filme schwer, wahrgenommen zu werden. Die dürfen wir nicht gegen Klassiker ausspielen. Die Leute gucken sonst nur Filme, die sie schon kennen. Und nicht solche, über die sie noch nichts wissen. Der Filmgeschichte setzen wir mit dem Ehrenbären für Scorsese ein Denkmal. Junge Leute können ihn auf eigene Faust entdecken.

Frage: Im letzten Jahr hat „Im Westen nichts Neues“ vier Oscars gewonnen. In diesem Jahr sind wieder drei deutsche Künstler im Rennen. Sind das Zufallstreffer oder verändert sich der internationale Blick auf das deutsche Kino?

Antwort: Chatrian: Das deutsche Kino erlebt einen guten Moment. Nicht nur wegen der Oscar-Nominierungen von İlker Çatak, Wim Wenders und Sandra Hüller. Letztes Jahr hatten wir fünf deutsche Filme im Wettbewerb, dieses Jahr sind es acht Produktionen oder Ko-Produktionen.

Antwort: Rissenbeek: Das geht in Wellen. Der deutsche Film hat immer wieder international auf sich aufmerksam gemacht – und das auch schon früher mit Sandra Hüller. Denken Sie an ihren Film „Toni Erdmann“, der auch für den Oscar nominiert war.

Frage: Von den aktuellen Nominierten lief nur Çataks „Das Lehrerzimmer“ auf der Berlinale. „Im Westen nichts Neues“ hatte Premiere in Toronto. Die anderen Filme liefen in Cannes. Ist die Berlinale das falsche Festival, um einen Film nach vorne zu bringen?

Antwort: Chatrian: Die Berlinale findet im Februar statt, die Oscars im März. Es ist die absolute Ausnahme, dass ein Film wie „Das Lehrerzimmer“ im Februar in Berlin startet und dann über ein volles Jahr die Aufmerksamkeit hält, die er im März des kommenden Jahres für die Oscars braucht. Normalerweise läuft es anders: Ein Film feiert im Sommer eine Festivalpremiere, kommt im Herbst ins Kino und hat so die höchste Aufmerksamkeit, wenn die Oscar-Nominierungen ausgesprochen werden. Kalendarisch ist Berlin also wirklich nicht das beste Festival für die Oscars. Aber wer das Kino liebt, feiert beides – Oscar-Erfolge und die Vielfalt der Berlinale.

Frage: Ihre Berlinale-Jahre waren von zwei Kino-Krisenthemen geprägt: Pandemie und Digitalisierung. Wie werden Leinwand und Streaming in Zukunft ko-existieren?

Antwort: Rissenbeek: Mein Eindruck ist, dass das Publikum vollständig zurückgekommen ist. Es gibt ein Bedürfnis nach Filmen als Gemeinschaftserlebnis. Das Kino ist nicht in Gefahr.

Frage: Mit Ihnen endet das Experiment einer Berlinale-Doppelspitze – ein Fehler?

Antwort: Chatrian: Es geht nicht um die Struktur, sondern um Menschen. Ich habe mich im Duo wohlgefühlt. Mariette und ich haben gute Arbeit abgeliefert.

Antwort: Rissenbeek: Und das nicht allein – viele Schultern tragen das Festival.

Frage: Herr Chatrian, als Frau Rissenbeek ihren Vertrag nicht verlängert hat, hätten Sie eigentlich gern weitergemacht. Das hat die Kulturstaatsministerin Claudia Roth aber verhindert. Hat sie Ihnen gesagt, was sie an Ihrer Arbeit nicht mag?

Antwort: Chatrian: Das hat sie nicht. Ich hatte nie das Gefühl, dass überhaupt eine Unzufriedenheit besteht – weder mit dem inhaltlichen Programm, noch was die Zahlen angeht. So etwas habe ich in meinem bis heute anhaltenden Austausch mit Claudia Roth nie wahrgenommen. Sie müssen sie selbst fragen. Ich weiß es nicht.

Frage: Fast 500 Künstler, darunter Scorsese, haben Roths Entscheidung gegen Sie „schädlich, unprofessionell und unmoralisch“ genannt. Dieser offene Brief hat sicher gutgetan.

Antwort: Chatrian: Ich war von der Unterstützung überwältigt. Aber ich habe auch immer gesagt, dass ich die Entscheidung akzeptiere. Ich halte mich nicht für den einzigen mit einer guten Vision für die Berlinale.

Frage: Hätte Scorsese Ihnen trotzdem mehr geholfen, wenn er statt eines offenen Briefes einfach seinen Oscar-Favoriten „Killers of the Flower Moon“ in Berlin gezeigt hätte?

Antwort: Chatrian: Martin Scorsese haben wir den Ehrenbären lange vor dem offenen Brief angeboten. Im letzten Jahr haben wir Steven Spielberg geehrt – und auf dieser Höhe wollten wir bleiben. Aber Leute dieser Spielklasse haben viel zu tun. Ein Scorsese hat womöglich einfach keine Zeit, sich ehren zu lassen. Er wurde oft angefragt, schon von unserem Vorgänger Dieter Kosslick, und nie hat es geklappt. Mit „Killers of the Flower Moon“ hatte das nichts zu tun. Der Film wurde für die Berlinale zum falschen Zeitpunkt fertig. Und noch einmal: Das kränkt mich nicht. Filme müssen nicht die Festivals unterstützen. Festivals unterstützen die Filme.

Frage: Was wird aus Ihrer letzten Berlinale von Ihnen beiden?

Antwort: Rissenbeek: Ich bleibe noch ein paar Monate und begleite die neue Chefin Tricia Tuttle.

Antwort: Chatrian: Ich weiß noch nicht, ob ich in Berlin bleibe – brauche ein bisschen Zeit, um eine neue Aufgabe zu finden.

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