Osnabrück  Hohe Stallmieten und teure Tierarztbesuche: Wer kann sich das Pferd noch leisten?

Arlena Schuenemann
|
Von Arlena Schuenemann
| 05.02.2024 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Durch die neue Gebührenordnung für Tierärzte haben sich die Tierarztkosten deutlich erhöht. Das bekommen vor allem Pferdebesitzer zu spüren. Wird der Reitsport unbezahlbar? Foto: imago images/Frank Sorge
Durch die neue Gebührenordnung für Tierärzte haben sich die Tierarztkosten deutlich erhöht. Das bekommen vor allem Pferdebesitzer zu spüren. Wird der Reitsport unbezahlbar? Foto: imago images/Frank Sorge
Artikel teilen:

Der Pferdesport boomt, doch die Branche ist teuer. Wer kann sich ein eigenes Pferd überhaupt noch leisten? Und wie wirkt sich die neue Gebührenordnung für Tierärzte darauf aus? Hans-Joachim Erbel, Präsident der Reiterlichen Vereinigung (FN), fordert, die Gebührenordnung zu überarbeiten.

Über 2,3 Millionen Menschen in Deutschland reiten regelmäßig – und Kinder unter 14 Jahren sind in dieser Statistik nicht einmal berücksichtigt. Das berichtete FN-Präsident Hans-Joachim Erbel beim Expertentalk am vergangenen Donnerstag. Gemeinsam mit Tierarzt Dr. Kai Kreling sowie Michelle Holtmeyer, Marketingchefin beim Online-Pferdehandel „ehorses“, diskutierten Erbel und Moderator Michael Clasen über die Faszination Pferd und die damit verbundenen Kosten.

„Der Pferdevirus ist lebenslang nicht behandelbar“, scherzt Veterinär Kreling. Ebenso wie Holtmeyer und Erbel ist er bereits seit seiner Kindheit pferdebegeistert – und hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Etwa 200.000 Arbeitsplätze gibt es laut Erbel hierzulande in der Pferdebranche. Im Jahr 2019 habe der Wirtschaftsfaktor Pferd bis zu 7,8 Milliarden Euro betragen. Das sei in etwa vergleichbar mit der Spielwarenindustrie.

Und der Markt brummt weiterhin. Zu Corona-Zeiten habe insbesondere der Online-Pferdehandel einen regelrechten Boom erlebt, berichtet Holtmeyer. Doch auch in Zeiten von Inflation und Energiekrise sei die Nachfrage nicht eingebrochen. Die Verkaufsplattform „ehorses“, die zur NOZ/mh:n Mediengruppe gehört, ist weltweit führend im Online-Pferdehandel. Um die 18.000 Tiere stehen dort aktuell zum Verkauf.

Doch wie teuer ist ein eigenes Pferd überhaupt? Die reinen Anschaffungskosten seien schwer zu pauschalisieren, erläutert Holtmeyer. Gerade im höherklassigen Bereich würden gut ausgebildete Sportpferde um die 50.000 Euro und aufwärts kosten. Doch es gebe auch deutlich günstigere Angebote. „Es ist ganz wichtig, sich zu fragen: Was für ein Pferd möchte ich?“ Nach den gesuchten Anforderungen richte sich letztlich auch das Preissegment.

Doch mit dem Kaufpreis allein ist es nicht getan. Hinzu kommen monatliche Fixkosten, wie beispielsweise Futter und Stallmiete. Hier hat es in den vergangenen Monaten jedoch deutliche Preissteigerungen gegeben – wie in fast allen Bereichen. Den Betreibern von Reitanlagen und Ställen gehe es da wie jedem Haushalt, weiß Erbel. Der Kostendruck sei deutlich zu spüren. „Es ist ein Teufelskreis. Der Betreiber muss die gestiegenen Kosten an seine Kunden weitergeben“, so der FN-Präsident. Doch das sei zurzeit schwierig, weil diese selbst mit den Auswirkungen der Inflation zu kämpfen hätten.

Weiterlesen: Das Pferd steuerlich absetzen: Welche Pferde-Kosten sind für die Steuer relevant?

Die durchschnittlichen Pferdebesitzer in Deutschland seien nämlich nicht etwa die wohlhabenden Familien, erklärt Erbel weiter. „Die typische Persona ist eine alleinstehende Frau, die sich ihr Pferd gewissermaßen vom Mund abspart.“ Für diese Pferdebesitzer seien die gestiegenen Stallkosten ein großes Problem. „Da müssen wir schauen, welche Lösungen es geben kann.“ Beispielsweise könnten Reitbeteiligungen helfen, schlägt Erbel vor.

Doch Pferdebesitzer müssen auch stets mit unvorhergesehenen Kosten rechnen, etwa wenn sich das Tier verletzt. Ein Aufenthalt in der Tierklinik kostet schnell einen vier- oder fünfstelligen Betrag. „Wir reden ja nicht von einem Tennisschläger, sondern von einem Lebewesen, das in vielen Fällen zur Familie gehört“, betont Erbel. Da gehöre es dazu, für das Tier da zu sein, auch wenn es ihm mal nicht gut gehe.

Doch gerade bei den Tierarztkosten müssen Pferdehalter aufgrund der neuen Gebührenordnung (GOT) nun noch tiefer in die Tasche greifen. Das sorgt für Kritik und Unmut. Das ist auch Tierarzt Kreling bewusst, der an der neuen GOT mitgearbeitet hat. Als diese im November 2022 nach zehnjähriger Vorbereitung in die Praxis umgesetzt worden sei, sei das zu einem politisch unglücklichen Zeitpunkt geschehen, so der Veterinär. Nichtsdestotrotz sei die Erhöhung lange überfällig und zwingend erforderlich gewesen.

Der Beruf des Tierarztes sei über die Jahre immer unattraktiver geworden, berichtet Kreling – zum einen wegen der Arbeitsbedingungen, zum anderen wegen der vergleichsweise schlechten Bezahlung. Die Folgen: Nachwuchsmangel in der Veterinärmedizin und ein zunehmendes Kliniksterben. Die flächendeckende medizinische Versorgung der Tiere sei so nicht mehr sicherzustellen. Die neue GOT solle das nun wieder ändern, so Kreling.

Auch die Reiterliche Vereinigung ist sich einig, dass der Tierarzt-Beruf wieder attraktiver gemacht werden müsse, stimmt Erbel zu. Der Präsident übt jedoch deutliche Kritik an der GOT: „Unsere Sicht der Dinge ist, dass über das Ziel hinausgeschossen wurde.“ Man sei mit der Prämisse gestartet, die Gebühren um ungefähr 20 bis 30 Prozent erhöhen zu wollen. Das habe sich jedoch nicht bewahrheitet. „Da liegen wir deutlich, oftmals sogar im Vielfachen, drüber“, so Erbel weiter. Die Geschwindigkeit, mit der die Gebühren angepasst würden, sei zu hoch. Viele Pferdebesitzer könnten diesen Sprung nicht mitgehen.

Ein großer Kritikpunkt an der neuen GOT ist die Hausbesuchsgebühr in Höhe von 34,50 Euro. Die wird nun jedes Mal fällig, wenn ein Tierarzt zum Stall fährt, um ein Pferd zu behandeln. Werden in einem Stall beispielsweise 20 Pferde zeitgleich geimpft, muss jeder Besitzer diese Pauschale bezahlen – auch, wenn der Tierarzt nur einmal zum Stall kommt.

Kreling hat dieses Argument, wie er sagt, schon oft gehört. Es sei heutzutage jedoch nicht mehr üblich, dass es pro Stall nur einen Tierarzt gebe. Vielmehr habe mittlerweile jeder Pferdebesitzer seinen individuellen Tierarzt, der im Zweifelsfall auch nur für eine einzelne Impfung rausfahre. Dieser Aufwand werde in der neuen GOT mittels Mischkalkulation über die Hausbesuchspauschale abgedeckt. „Aber selbst wenn es nur fünf Pferde pro Stall sind und keine 20“, wirft Erbel ein, „dann ist die Gebühr trotzdem fünfmal fällig.“ Das stoße einigen Pferdebesitzern sauer auf.

Auch lesen: Mit dem Pferd im Straßenverkehr reiten: Was man beachten muss

Kreling kann diese Problematik nachvollziehen und verweist daher auf die Möglichkeit eines Sammeltermins. Organisiert in einer Stallgemeinschaft ein Pferdebesitzer einen gemeinsamen Termin für mehrere Tiere und bezahlt anschließend die gesamte Rechnung, dann muss die Hausbesuchsgebühr nur einmal entrichtet werden. Das sei laut Kreling der Kompromiss, der im Rahmen der rechtlichen Vorgaben möglich sei. „Die GOT hat schließlich Gesetzescharakter, da können wir Tierärzte uns nicht einfach drüber weg setzen.“ Ein Sammeltermin sei gewissermaßen eine juristische Grauzone.

Doch auch abseits der Hausbesuchsgebühr steht die GOT in der Kritik, unverhältnismäßig zu sein. Muss sie daher angepasst werden? Und kann sie das überhaupt noch? „Es hat eine offizielle Stellungnahme des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft gegeben, dass die GOT nicht mehr angefasst wird“, erklärt Kreling. Nach vier Jahren sei jedoch eine Evaluierung angesetzt, um etwaige Schwachstellen anzupassen. „Dann wird die GOT sicherlich nochmal korrigiert“, stellt der Veterinär in Aussicht.

Doch so lang will die FN nicht warten. „Wir haben eine Petition gestartet, die genau das erreichen soll“, erläutert Erbel. Der Gesetzestext sehe vor, dass Gesetze spätestens nach vier Jahren zu evaluieren seien. Die FN will erreichen, dass dies im Falle der GOT früher geschieht – möglichst schon nach zwei Jahren. Mit zahlreichen Unterschriften wolle man das Ministerium um Cem Özdemir davon überzeugen, rechtzeitig nachzusteuern, wenn man merke, „dass Sachen in die falsche Richtung laufen“, so Erbel.

Weiterlesen: Reiten ohne eigenes Pferd: Welche Vorteile hat eine Reitbeteiligung?

Ähnliche Artikel