Münster  Der Aufstand der Expressionisten gegen Spießer und Doppelmoral

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 02.02.2024 16:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ernst Ludwig Kirchners Porträt „Fehmarnmädchen“ von 1913. Foto: Stefan Lüddemann
Ernst Ludwig Kirchners Porträt „Fehmarnmädchen“ von 1913. Foto: Stefan Lüddemann
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Vor hundert Jahren drehten sie die Kunst auf links: die Expressionisten. Was sagt ihr Bruch mit der Konvention heute? Münsters Picasso-Museum gibt die Antwort – mit 130 Bildern.

Sie tanzen eng umschlungen und sind splitternackt dabei. Selbstvergessen schwebt das Paar über der Menge. Scham, Prüderie? Keine Spur. Wir sind so frei: Nach dieser Philosophie lebt das Paar seine Gefühle aus. Was kümmert schon die verzerrten Gesichter der feixenden Spießer?

„Vor den Menschen – Über den Köpfen der Philister“: Ernst Ludwig Kirchner bringt mit seiner Darstellung auf den Punkt, was für den Expressionismus allein zählt – der unbedingte Ausdruck des Gefühls. Konventionen interessieren dabei nicht.

Kirchners Nackte und dazu 130 weitere Kunstwerke – mit dieser geballten Ladung ungebremster Emotion überwältigt der Expressionismus in Münsters Kunstmuseum Pablo Picasso. Wo sonst der spanische Superstar oder Zeitgenossen wie Henri Matisse oder Joan Miró Atmosphäre und Klima des Hauses prägen, gibt es jetzt einen rabiaten Wetterwechsel.

„Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt“: So lautet der zentrale Satz der 1905 gegründeten Künstlergruppe „Die Brücke“. Ob Ernst Ludwig Kirchner oder Max Pechstein, Erich Heckel oder Otto Müller – die Matadore der Dresdner Künstlergruppe prägen die Temperatur ihrer Zeit – und jetzt der Ausstellung in Münster.

Das ganze Konvolut vor allem grafischer Arbeiten kommt aus der Kollektion eines nicht genannten Privatsammlers. Kirchner dominiert den Bestand. Kuratorin Ann-Kathrin Hahn kaschiert das Übergewicht, indem sie die Werke nach Themen aufgliedert. Ihre Abfolge fügt sich zu einem Panorama der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, ihrer Hoffnungen und Albträume.

Die Zeit bewegen, am besten gleich die ganze Welt verändern: Die Künstler des Expressionismus setzen nicht große, sie setzen ultimative Hoffnungen in ihre Kunst. Der ganze steife Wilhelminismus, dieses Korsett, das eine expandierende Gesellschaft einengt, soll aufgesprengt werden. Was wirkt wie Dynamit? Das radikal subjektive Gefühl, das sich um den Kommentar der Spießer nicht schert.

Die Dresdner Künstler der Brücke inszenieren sich als Bohemiens, die den Sex in der freien Natur leben. 1910 zieht die Gruppe nach Berlin. Kirchner und seine Künstlerkollegen entdecken die sozialen Gegensätze und das vibrierende Nachtleben der Metropole Europas. Die Brücke-Künstler reagieren mit einem Stakkato kantiger Bildformen auf die Erfahrung der Riesenstadt.

Harmonie und Versöhnung, sie gibt es nicht in den Bildern der Expressionisten. Sie kehren mit der Emotion auch den Konflikt, das Ungenügen nach außen. Sie porträtieren Menschen als einsame Sinnsucher oder als in sich gekehrte Kranke. Oder als Opfer des Krieges, als von Armut Gezeichnete am Rande der Gesellschaft, wie es Otto Dix auf seinen Berlin-Blättern zeigt.

Die Radikalität dieser Kunst schien sich abgeschwächt zu haben. Gehört nicht gerade die einst radikale Kunst der „Brücke“ längst zum Kanon der modernen Kunst? Ja, und zugleich laden sich ihre Bilder mit neuer Sprengkraft auf, je mehr die Krisen und Konflikte des 21. Jahrhunderts jenem von Katastrophen geprägten Zeitgefühl vor und nach dem Ersten Weltkrieg ähneln.

Die Ausstellung in Münster macht bestürzend klar, wie sehr sich die Antworten auf Krisenerfahrungen über alle Zeitabstände hinweg ähneln. Vor einhundert Jahren vollziehen die einst aufmüpfigen Künstler die Kehrtwende zur Religion. Beckmann zeigt die Kreuzabnahme des ausgemergelten Christus, Max Pechstein bringt das Vater Unser in eine ganze Folge eindringlicher Grafiken.

Andere Künstler entdecken die Natur als schützendem Raum wieder oder empfehlen die Flucht ins Private. Kirchners „Farbentanz“ von 1933 wirkt schon wieder wie ein Idyll. Gelb, Rot, Blau: Die Primärfarben tanzen selbstvergessen, die Kunst schließt sich in Selbstbezüglichkeit ein. Resignieren die Ruhestörer? Es hat den Anschein. Doch vorher sorgen sie für eine leidenschaftliche Zeitreise – im Picasso-Museum in Münster.

Münster, Kunstmuseum Pablo Picasso: Brücke zur geistigen Welt. Meisterwerke des Expressionismus. 3. Februar bis 12. Mai 2024. Di.-Sa., 9:30-18 Uhr, So., 11-17 Uhr.   

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