Protest im Kreishaus Seit Sommer kein Mittagessen – Unmut an Schule in Leer wächst
Seit sechs Monaten ist die Mensa an der Gutenbergschule geschlossen. Viele Kinder verbringen den ganzen Schultag ohne Essen. Wie kann das sein?
Leer - Das Rollo vor der Ausgabe ist heruntergerollt, die Stühle strecken von den Tischplatten aus alle vier Beine zur Decke – die Mensa in der Gutenbergschule in Leer ist geschlossen. Ein halbes Jahr hält dieser Zustand nun schon an, seit den Sommerferien bekommen die Schüler kein Mittagessen mehr. Bis zum Sommer hatte die Lebenshilfe Leer die Verpflegung geliefert, doch dann gab es Personalprobleme. Schüler und Eltern fühlen sich im Stich gelassen.
Weil mit der Mensa auch der Kiosk geschlossen ist, können die Schülerinnen und Schüler derzeit auch keine Getränke oder Snacks bekommen. Die Hauptschule ist eine Ganztagsschule. „Wir bekommen den ganzen Tag lang nichts zu essen“, kritisieren die Schülersprecher Imke Hassebroek und Hassan Dabes. Spätestens am Nachmittag sei es mit der Konzentration vorbei. Vor allem im Sommer müsse es etwas zu trinken geben, finden die Zehntklässler.
9. Klasse protestiert beim Landrat
Eine 9. Klasse der Gutenbergschule war bereits im Kreishaus, um bei Landrat Matthias Groote die Wiederöffnung der Mensa und des Kiosks einzufordern. „Uns wurde gesagt, das Problem werde gelöst, um wieder Essen auszugeben. Aber bisher ist nichts passiert.“ Seit dem Besuch sind bereits einige Wochen vergangen. Nun hat sich Wilfried Nee, Vorsitzender des Schulelternrates, an diese Zeitung gewandt.
Ihn hatte die Nachricht aufgebracht, dass der Landkreis, der Träger der Gutenbergschule ist, eine Förderung über 1,8 Millionen Euro des Landes Niedersachsen für die Energiekosten an seinen Schulen verwendet hat, anstatt es in die Mittagsverpflegung für die Schülerinnen und Schüler zu investieren. „Warum es dem Landkreis bis zum heutigen Tage nicht gelungen ist, die Mensa wieder in Betrieb zu nehmen, weiß ich nicht“, schreibt Nee in einem Brief an unsere Redaktion.
Das Mittagessen hat geschmeckt
Bis zum Sommer 2023 hatte die Lebenshilfe Leer die Gutenbergschule mit fertigen Mahlzeiten beliefert, die in der Küche des gemeinnützigen Vereins im Teletta-Gross-Gymnasium gekocht wurden. Dieses kam wohl in puncto Qualität und Auswahl an Gerichten bei den Schülerinnen und Schülern gut an. Die Zahl der ausgegebenen Essen hatte sich nach Angaben der Lebenshilfe zwischen Januar 2023 (100 Mahlzeiten) und Mai (245) mehr als verdoppelt. Einige Klassen nahmen das Mittagessen montags, wenn nachmittags Unterricht läuft, gemeinsam ein.
Bis dahin stellte die Lebenshilfe das Personal für die Ausgabe. Dann jedoch konnte eine Arbeitskraft auf eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. Bei der Lebenshilfe sind Menschen mit Beeinträchtigungen beschäftigt, der Verein bezeichnet es als seine Hauptaufgabe sie auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten und zu vermitteln, was im vergangenen Jahr für einige Beschäftigte gelungen sei. Die Arbeit in einer Schulmensa mit dem entsprechenden Kontakt zu Schülerinnen und Schülern sei dafür ideal und stelle eine Art „Sprungbrett“ in den ersten Arbeitsmarkt dar.
Sollen jetzt Ehrenamtliche helfen?
Zudem waren wohl auch Krankheitsfälle ein Grund dafür, dass für die Mensa an der Hauptschule kein Personal mehr vorhanden war. Das Essen könnte jederzeit weiter geliefert werden, teilt die Lebenshilfe mit. Beim Landkreis sei die Situation bekannt und es werde an einer Lösung gearbeitet, versichert Pressesprecher Philipp Koenen: „Das Ziel des Landkreises ist es daher, ab dem 1. März eine verlässliche Essensausgabe auf den Weg zu bringen.“
Koenen spricht von einer „Übergangslösung“. Die Zahl der ausgegebenen Essen solle so gesteigert werden, dass die Lebenshilfe sich wieder bereit erkläre, eine feste Kraft für die Mensa an der Gutenbergschule einzustellen. Eine Idee, um für den Übergang eine Lösung zu haben, sei der Einsatz von Ehrenamtlichen. Das werde von der Kreisverwaltung gerade geprüft, so der Pressesprecher: „Die Prüfung ist noch nicht abgeschlossen, aber man muss sagen: Es steht nach einer ersten Einschätzung ein Fragezeichen dahinter.“ Es würde daher andere Möglichkeiten in Betracht gezogen.
Ohne Frühstück zur Schule
Schon vor der endgültigen Schließung der Mensa hatte es Phasen gegeben, in denen aus Personalmangel tageweise geschlossen war. Laut Nee war dies im Schulhalbjahr 2021/22 an etwa einem Drittel der Schultage der Fall. Der Elternratsvorsitzende sieht den Landkreis als Träger der Ganztagsschule in der Pflicht, eine Mittagsverpflegung zu gewährleisten. An der Gutenbergschule gibt es Montagnachmittags Pflichtunterricht, von dienstags bis donnerstags Arbeitsgemeinschaften.
Nicht wenige Schüler kommen ohne Frühstück oder Pausenbrot zur Schule, was bedeutet, dass sie bis zum Nachmittag hungern. Viele Kinder und Jugendliche kämen aus finanziell schwächeren Elternhäusern – „sie brauchen die für sie kostenlose Mittagsverpflegung“. Aufgrund ihrer Situation werden sie auf Antrag beim Jobcenter vom Beitrag von 4,50 Euro für das Mittagessen befreit. Seit August 2023 hätten die Kosten für den Landkreis „genau null Euro“ betragen. „Es wird wieder einmal auf Kosten der Schwächsten gespart“, ärgert sich Nee.