„Fremantle Highway“ So erlebten die Retter die Unglücksnacht
Im Sommer 2023 sorgten das Feuer auf der „Fremantle Highway“ und die dramatische Rettung der Crew für Aufsehen. Jetzt berichten die Seenotretter vom nächtlichen Einsatz: „Alles war pechschwarz.“
Ameland - Was sich in der Nacht auf den 26. Juli 2023 auf der Nordsee ereignete, war dramatisch: Auf dem Autofrachter „Fremantle Highway“ brach ein Feuer aus, die Rettungsboote an Bord waren wegen der Flammen für die 23 Besatzungsmitglieder nicht mehr erreichbar. Der Brand breitete sich aus – es ging um jede Minute. Auf Anweisung ihres Kapitäns sprangen einige Männer von Bord – ein Inder starb infolge des Sprungs. Die Crewmitglieder wurden von den Einsatzkräften der niederländischen Seenotrettungsorganisation KNRM aus dem Wasser geholt und versorgt. Aber wie haben die größtenteils freiwilligen Helfer die Ereignisse erlebt?
Auf Ameland lagen die Besatzungsmitglieder des Rettungsbootes „Anna Margaretha“ in ihren Betten, als laut Mitteilung der KNRM gegen Mitternacht der Alarm losging: Rund 30 Kilometer nördlich der Insel brannte es auf der „Fremantle Highway“. Die „Anna Margaretha“ sei als erstes Schiff an der Unglücksstelle gewesen. „Die ‚Fremantle Highway‘ war wirklich ein Geisterschiff“, sagt Martin Schuiteboer, stellvertretender Skipper des Bootes, laut KNRM-Mitteilung. „Alles war pechschwarz. Wir sahen auch keine Flammen. Nur dicken, dicken Rauch.“
Die „Fremantle Highway“ trieb wie ein Geisterschiff in der Dunkelheit
Die Retter bekamen einen knapp 200 Meter langen, fensterlosen Koloss zu sehen, der in der Dunkelheit trieb. Der Kapitän der „Fremantle Highway“ habe zuvor per Funk mitgeteilt, dass die Situation unter Kontrolle sei, berichtet Arjen Brouwer von der Besatzung der „Anna Margaretha“. Doch der Eindruck täuschte: Fotos einer Wärmebildkamera, aufgenommen von einem Flugzeug der niederländischen Küstenwache, hätten schnell gezeigt, dass sich das Feuer auf dem Autofrachter bereits ausgebreitet hatte.
Auf dem Achterdeck habe ein Mann mit einer Taschenlampe den Rettern Signale gegeben, berichtet Schuiteboer: „Erst wussten wir nicht, was er wollte, aber dann hörten wir von der Küstenwache, was er vorhatte: Der Mann war von Rauch umgeben und würde springen!“ Das Crewmitglied habe sich dann aus rund 15 Metern Höhe in die Nordsee gestürzt, heißt es von der KNRM. Die Crew der „Anna Margaretha“ habe ihm eine Leine zugeworfen, doch der Mann habe zunächst nicht reagiert. „Möglicherweise war er bewusstlos“, sagt Schuiteboer. Aber kurze Zeit später habe er nach einer Leine gegriffen, die ihm von dem inzwischen dazugestoßenen Schiff „Hurricane“ der Reederei Noordgat zugeworfen worden sei. Das Schiff habe den Mann an Bord geholt und an die „Anna Margaretha“ übergeben, heißt es.
Helfer holen schwer verletzte Seeleute aus dem Wasser
Der Mann vom Achterdeck war nur das erste Crewmitglied der „Fremantle Highway“, das in dieser Nacht von Bord sprang. Weil die Rettungshubschrauber der Küstenwache noch unterwegs waren und das Feuer sich weiter ausbreitete, sollten die übrigen Männer auf Anweisung ihres Kapitäns vom Vorderdeck des Frachters springen – wie im vergangenen Jahr auch bereits eine Rekonstruktion der Ereignisse durch die Zeitung „Leeuwarder Courant“ gezeigt hatte. „Von unserem Deck aus schaute ich hoch und schon drehte sich mir der Magen um. Es war so hoch!“, sagt Schuiteboer laut KNRM-Mitteilung. Er meint: „Das konnte doch unmöglich gut gehen. Aber offenbar hatten die Männer keine Wahl.“ Die Crew der „Anna Margaretha“ bereitete sich auf die risikoreiche Aktion vor – unter zwei Bedingungen: Das Rettungsboot werde nicht in den Rauch hineinfahren und keiner der Retter würde von Bord gehen.
Dann war es so weit: Der erste Mann sprang in die Tiefe. „Im Augenblick des Springens schien eine seltsame Stille zu herrschen“, sagt Schuiteboer laut Mitteilung. „Der Mann taumelte und taumelte und landete schließlich mit einem gigantischen Knall flach auf dem Wasser.“ Er habe nicht auf Rufe der Helfer reagiert und konnte die ihm zugeworfene Leine nicht packen. Schließlich habe die Besatzung der „Anna Margaretha“ den Seemann mit einem Haken an Bord geholt und festgestellt, dass er beim Sprung Verletzungen erlitten hatte. „Er kam relativ schnell zu sich“, sagt Schuiteboer. „Vielleicht auch, weil er enorme Schmerzen hatte. Der Mann schrie.“
Freiwilliger Seenotretter springt zu der Verletzten in die Nordsee
Während weitere Besatzungsmitglieder von der „Fremantle Highway“ sprangen, näherte sich laut KNRM-Mitteilung von der Insel Schiermonnikoog aus ein weiteres Rettungsboot dem brennenden Frachter: die „Koning Willem I“. Der Stahlkoloss sei zwar auf dem Radar angezeigt worden, beim Blick aus dem Fenster sei allerdings nichts zu sehen gewesen, berichtet Skipper Leroy van der Zwaag: „Bis das Schiff wie aus dem Nichts aus der Dunkelheit auftauchte, keine 100 Meter vor unserem Bug.“ Das Rettungsboot sei direkt durch den dichten Rauch auf die „Fremantle Highway“ zugesteuert. „Als ob wir in eine andere Welt fahren, eine Art Twilight Zone“, sagt Berend Groendijk, Maschinist auf der „Koning Willem I“.
Viel Zeit blieb den beiden nicht: Der inzwischen vierte Mann sprang von der „Fremantle Highway“ und die „Koning Willem I“ war an der Reihe, ihn an Bord zu nehmen. Doch auch dieser reagierte nicht, er trieb offenbar bewusstlos in Richtung des Rauchs. „Ich musste zu ihm springen“, sagt Groendijk, der laut KNRM im Alltag als Busfahrer arbeitet. „Ich warf mein Headset weg, sprang zu ihm und drehte ihn sofort auf den Rücken. Darauf hat er sofort reagiert, ein gutes Zeichen.“ Glücklicherweise sei es schnell gelungen, beide Männer wieder an Bord zu holen, heißt es.
Für ein Crewmitglied des Autofrachters kommt jede Hilfe zu spät
Insgesamt sieben Besatzungsmitglieder sprangen in dieser Nacht vom Deck der „Fremantle Highway“. Als die Helikopter der Küstenwache eintrafen, konnte die verbliebene Crew des Frachters in Sicherheit gebracht werden. Zuvor hatte einer der Hubschrauber einen Sanitäter abgesetzt, um die Verletzten zu versorgen. Die Rettungsboote machten sich laut Mitteilung der KNRM auf dem schnellsten Weg in Richtung Festland. Der Sanitäter war währenddessen auf der „Koning Willem I“ damit beschäftigt, einen schwer verletzten Inder zu reanimieren. Groendijk sagt: „Der Zustand eines unserer Opfer verschlechterte sich schnell. Wir haben alles getan, aber ohne Erfolg.“
Der Seemann blieb das einzige Todesopfer des „Fremantle Highway“-Unglücks – auch dank des Einsatzes der niederländischen Seenotretter, die laut KNRM wöchentlich für den Ernstfall trainieren. Aber auch für sie sei die Havarie besonders gewesen: „Solche Situationen kann man nicht üben“, sagt Arjen Brouwer. „Aber weil Teile davon Teil unserer Grundausbildung sind, kann man auch Dinge tun, die man nie praktiziert.“