Analyse zu Auricher UEK-Mitteilung Hätte die Sterberate im Klinikverbund früher gesenkt werden können?
Eine Erfolgsmeldung des Auricher Krankenhauses im Klinikverbund Aurich-Emden-Norden: „Die Sterberate innerhalb der Krankenhäuser ist seit der Transformation des Norder Standorts signifikant gesunken.“
Aurich - Mehr als 80 Fragen hat unsere Redaktion an die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden mbH gerichtet, nachdem ein Arzt gegenüber der hiesigen Presse Vorwürfe bezüglich der Versorgungskapazitäten und der Patientenversorgung im Auricher Krankenhaus erhoben hat. Und weil gleichzeitig im niedersächsischen Ivena-Portal zu sehen ist, dass Kliniken der Trägergesellschaft immer wieder Fachbereiche für die Notfallversorgung abmelden. Das betrifft beispielsweise die Intensivstationen und die Notaufnahmen.
Von diesen Fragen hat der Klinikverbund bisher nur einzelne beantwortet. Und davon fast keine auf direktem Wege per E-Mail. Stattdessen gab es Pressemitteilungen des Landkreises Aurich und seines Rettungsdienstes sowie neuerdings auch eine der Ubbo-Emmius-Klinik Aurich. Diese Klinik-Pressemitteilung erreichte unsere Redaktion zu einer ungewöhnlichen Zeit – um 23.31 Uhr, am 31. Januar 2024. Ungewöhnlich ist zudem, dass es sich ausdrücklich um eine „Pressemitteilung der Ubbo-Emmius-Klinik (UEK) Aurich“ handelt und nicht der Trägergesellschaft, die sie verschickt hat. Der Klinikverbund gehört dem Landkreis Aurich und der Stadt Emden. Ebenfalls erwähnenswert: Es findet sich nicht ein einziges Zitat von Geschäftsführer Dirk Balster in der Pressemitteilung.
„Zentrale Notaufnahme der Ubbo-Emmius-Klinik steht am Pranger“
Die nächtliche Botschaft lautet: „Gesicherte Notfallversorgung in der UEK Aurich“. Der Anlass dieser Pressemitteilung: „Die Zentrale Notaufnahme (ZNA) der Ubbo-Emmius-Klinik (UEK) Aurich steht aktuell am Pranger der lokalen Berichterstattung.“ Und das, obwohl die Notfallversorgung im Klinikverbund „stetig ausgebaut“ werde und sich „seit der Umstrukturierung des Norder Klinikstandorts deutlich verbessert“ habe.
Es folgen vorwiegend vage Angaben, also wenig konkretes: „Mit dem Start der Transformation am Standort Norden konnten Kapazitäten in Aurich aufgebaut werden.“ Die Transformation der Norder Klinik beinhaltet den dortigen Abbau von stationären Versorgungsmöglichkeiten. Bezüglich Aurich heißt es in der Pressemitteilung weiter: „So wurde die Zahl der Behandlungsplätze deutlich erhöht und ein zusätzlicher Notplatz eingerichtet.“ Wie viele Behandlungsplätze hinzugekommen sind, bleibt offen.
Ein paar Informationen, aus denen sich Fragen ergeben
Weiter teilt die UEK mit: „Eine neue Monitoranlage ermöglicht, alle Behandlungsplätze zentral zu überwachen. Der Stellenplan der Pflegefachkräfte und medizinischen Fachangestellten wurde erhöht und auch im ärztlichen Bereich erfolgten Anpassungen.“ Wie viele Pflegekräfte und medizinische Fachangestellte dazugekommen sind und was im ärztlichen Bereich „angepasst“ wurde, wird nicht erwähnt.
„Zur Erhöhung der Behandlungskapazitäten wurden Investitionen im sechsstelligen Bereich getätigt“, schreibt die Klinik. Für was das Geld ausgegeben wurde? Da können die Journalisten, die das lesen, nur mutmaßen. Für die neue Monitoranlage? Falls das zusätzliche Personal in der sechsstelligen Summe enthalten sein sollte, stellte sich noch mehr die Frage, um wie viel beziehungsweise wie wenig zusätzliches Personal es denn geht?
Auricher Klinik äußert sich zur Lage in Emden und Norden
„Weitere strukturelle Elemente der Akutversorgung werden in 2024 umgesetzt, um leistungsfähig die Zeit bis zur Zentralklinik zu überbrücken“, verspricht die Klinik. Welche Elemente der Akutversorgung umgesetzt werden sollen, bleibt unklar. Die folgende Frage unserer Redaktion hat der Klinikverbund bisher nicht beantwortet: „Trifft es zu, dass manche Investitionen in die bestehenden Krankenhäuser im Landkreis Aurich und der Stadt Emden beziehungsweise in deren Arbeit bis zum Bau der Zentralklinik unterbleiben, eben weil die Zentralklinik gebaut wird?“
Die Zentrale Notaufnahme der UEK Aurich halte „die höchste Notfallversorgungsstufe im Klinikverbund“ – auch das steht in der Pressemitteilung. Zudem äußert sich die Auricher Klinik – nicht die Trägergesellschaft – zu den Klinikverbunds-Standorten Norden und Emden: „Während Norden nicht mehr an der stationären Notfallversorgung nach den Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) teilnimmt, weist das Klinikum Emden die Stufe 1 (Basisnotfallversorgung) auf. Zudem ist in Emden das G-BA-Modul Schlaganfallversorgung etabliert. Die UEK Aurich erreicht die Stufe 2 des G-BA (erweiterte Notfallversorgung).“
„Eingeschränkte Situationen“ in der Auricher Notaufnahme
Die ärztlichen Dienste in der Auricher Notaufnahme sind ausweislich der Pressemitteilung „in allen Fachabteilungen, also der Allgemeinchirurgie, Unfallchirurgie, Inneren Medizin, Kardiologie, Kinder- und Jugendmedizin, Gynäkologie und Geburtshilfe gemäß den medizinischen und formalen Anforderungen besetzt, jeweils abgesichert durch erfahrene Fach- und Oberärzte im Rufdienst“.
Die Abmeldung der Notaufnahme im Ivena-Portal bedeutet laut UEK „nicht, dass keine Notfallpatienten mehr behandelt werden“. Richtig sei: „Die Klinik kann trotz einer Abmeldung im Ivena vom Rettungswagen angefahren werden, was auch regelmäßig geschieht. Sie weist mit der Meldung aber auf die eingeschränkte Situation hin.“ Akute Notfälle würden „immer erstversorgt“, dazu seien Krankenhäuser verpflichtet.
Abmeldung für Notfallversorgung – Auricher Klinik sieht sich im Trend
„Kein Patient bleibt unbehandelt, die notfallmedizinische Erstversorgung erfolgt unmittelbar“, erklärt der Chefarzt des Interdisziplinären Notfallzentrums, Dr. Alexander Dinse-Lambracht, in der Pressemitteilung. „Die öffentliche Betrachtung einzelner Schließungszeiten ist insofern müßig und wenig zielführend, als währenddessen die Notfallversorgung weiterhin erfolgt. Die Zunahme der Abmeldungen ist ein bundesweiter Trend, der an keiner Stelle zu zusätzlichen Notfallversorgungsengpässen führt.“
Zur Erinnerung: Niedersachsens Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi (SPD) hat am 21. November 2023 in Aurich gesagt, dass man im Ivena-Portal sehen könne, dass Kliniken häufig ihre Intensivstationen abgemeldet hätten. Weil Personal fehle, könne „die Versorgung nicht gewährleistet werden“, erläuterte der Minister damals. Unsere Redaktion hat daher nach der UEK-Mitteilung eine Anfrage an Philippi gerichtet und ihn gefragt, wie er beziehungsweise sein Ministerium die Äußerungen von Chefarzt Dr. Dinse-Lambracht bewertet.
Im zweiten Halbjahr 2023 sind „signifikant“ weniger Patienten gestorben
Im eingangs erwähnten Bericht, der in den „Ostfriesischen Nachrichten“ (ON) und der „Ostfriesen-Zeitung“ (OZ veröffentlicht wurde, heißt es bezüglich der Auricher Klinik: „Mehr als 120 Patienten pro Tag seien die Regel gewesen und das sei zu viel für eine so kleine Notaufnahme, so der Arzt.“ Dieser Aussage tritt die UEK entgegen: „In der zweiten Jahreshälfte 2023 – nach der Schließung des Standorts Norden für die stationäre Notfallversorgung – haben pro Tag durchschnittlich knapp 90 Patientinnen und Patienten die Notaufnahme in Aurich aufgesucht. Die maximale Patientenzahl an einem Tag lag in dem Zeitraum bei 117, ein eher seltener Wert.“
Es folgt eine Erfolgsmeldung, was die Umwandlung der Norder Klinik und den damit verbundenen Abbau stationärer Leistungen betrifft: „Auch die Sterberate innerhalb der Krankenhäuser ist seit der Transformation des Norder Standorts signifikant gesunken. Während im ersten Halbjahr 2023 noch 582 Personen in den Krankenhäusern verstorben sind, zeigt die zweite Hälfte trotz eines deutlichen Plus an behandelten Patienten eine sinkende Tendenz mit 521 verstorbenen Patienten.“
Warum war die Sterberate in den Kliniken vorher signifikant höher?
Das wirft Fragen auf. Unter anderem die folgenden Fragen hat unsere Redaktion noch in der Nacht, in der die Pressemitteilung einging, an den Klinikverbund gerichtet: „Warum ist die Sterberate innerhalb der Krankenhäuser seit der Transformation des Norder Standorts gesunken, sogar ,signifikant’ gesunken? Welche Ursachen hatte die signifikant höhere Sterberate vor der Transformation des Norder Standorts? Bezüglich wie vieler Todesfälle, zu denen es im ersten Halbjahr 2023 gekommen ist, gehen Sie davon aus oder halten Sie es für möglich, dass sie vermeidbar waren oder vermeidbar gewesen sein könnten, falls die Transformation des Norder Standorts bereits zum 01.01.2023 erfolgt wäre?“
Vom Gesundheitsministerium möchte unsere Redaktion mit Blick auf die Sterberaten-Entwicklung im Klinikverbund wissen: „Hätte die Transformation des Norder Standorts früher erfolgen müssen?“ Und: „Hätten aus Sicht des Gesundheitsministeriums im Klinikverbund Aurich-Emden-Norden Maßnahmen getroffen werden müssen, um bereits vor der Transformation des Norder Standorts die Sterberate zu senken?“
Fragen, die der Klinikverbund bisher nicht beantwortet hat
Chefarzt Dr. Dinse-Lambracht sagte laut Pressemitteilung: „Die Mitarbeitenden der Notaufnahmen sind immer ein besonderer Schlag Menschen. Sie schätzen das schnelle Agieren, das notwendige Priorisieren von Patienten und der Behandlungen und vielleicht auch die permanente Spannung: was kommt als nächstes rein.“ Die Frage unserer Redaktion vom 25. Januar 2024, wie viele Überstunden, Mehrarbeitsstunden oder ähnliches von Ärzten und Pflegekräften aufgelaufen sind, hat der Klinikverbund bisher nicht beantwortet.
Personalleiter Fiam Lawson freut sich in der Pressemitteilung mit Blick auf den Fachkräftemangel, „dass in letzter Zeit viele ehemaligen Kolleginnen und Kollegen ihren Weg zurück in die Kliniken finden“. Die Frage unserer Redaktion, wie viele Ärzte und Pflegekräfte seit dem 1. Januar 2023 gekündigt haben, hat der Klinikverbund bislang nicht beantwortet.
Die Notaufnahme „genießt die volle Unterstützung“ des Geschäftsführers
Die folgende Aussage des Chefarztes Dr. Dinse-Lambracht könnte mit Blick auf die Patientenbeschwerden, die derzeit in unserer Redaktion eingehen, von besonderem Interesse sein: „Dringlichkeit der Erkrankung des Einzelnen und situativer Patientenandrang bestimmen nach medizinischen Regeln den Zeitpunkt der Behandlung nach Eintreffen in der Notaufnahme.“ Noch nicht beantwortet hat der Klinikverbund die Frage: „Trifft es zu, dass manche Patienten acht Stunden oder länger mit intensivpflichtigen Erkrankungen in der Auricher Notaufnahme liegen?“
Dr. Alexander Dinse-Lambracht sagte laut Pressemitteilung vom 31. Januar 2024: „Unser Geschäftsführer hat schon zu Anfang klar festgelegt, dass wir die Krankenhäuser von den Notaufnahmen aus strategisch denken und aufstellen müssen; entsprechend genießen gerade wir hier die volle Unterstützung, so dass jeder Patient die notwendige Diagnose und Therapie erhalten kann. Gerade heute konnten wir einen jungen internistischen Facharzt für die herausfordernde Aufgabe eines Oberarztes in der Auricher Notaufnahme gewinnen.“
Warum schweigt Klinikverbunds-Geschäftsführer Balster?
Hier stellt sich also der Notfallzentrums-Chefarzt sprichwörtlich vor Geschäftsführer Dirk Balster. Warum eigentlich nicht umgekehrt? Als am 3. November in einem Zeitungsbericht Vorwürfe gegen das Evangelische Krankenhaus Oldenburg erhoben wurden, hat die dortige Führung nicht gewartet, bis die Vertreter des Klinik-Trägers zwei Nächte lang darüber geschlafen haben, auf dass sie mit einer Pressemitteilung reagieren.
Anders im Auricher Fall. Dort erschien der Bericht, in dem Vorwürfe eines Arztes geschildert wurden, an einem Mittwoch. Erst am darauffolgenden Freitag gab der Landkreis Aurich dazu eine Pressemitteilung heraus – von Geschäftsführer Balster ist auch eine Woche danach noch nichts zu hören oder zu lesen.
So reagierte eine andere Krankenhaus-Führung auf Vorwürfe
In Oldenburg traten zwei Klinik-Vorstände wenige Stunden, nachdem der entsprechende Bericht online erschienen war, vor die Presse, um Rede und Antwort zu stehen – und um sich vor die Klinik-Belegschaft zu stellen. Kurze Zeit später hatten sich die Vorwürfe gegen das Oldenburger Krankenhaus juristisch erledigt.
Die Geschäftsführung des Klinikverbunds Aurich-Emden-Norden hat derweil knapp eine Woche nach einer Presseanfrage noch nicht einmal folgende Frage daraus beantwortet: „Trifft es zu, dass die Führung der Trägergesellschaft das Ziel verfolgt, vor allem Patienten mit ,ertragsstarken Diagnosen’ aufzunehmen?“
Klinikverbund behauptet, unbeantwortete Fragen seien beantwortet
Wie der Klinikverbund Aurich-Emden-Norden im Laufe des 1. Februar 2024 mitgeteilt hat, ist man dort der Auffassung, dass alle gut 80 Fragen im Rahmen der genannten Pressemitteilung beantwortet seien: „Wir sehen mit unserer Pressemitteilung vom 31.1.2024 Ihren bisherigen Fragenkatalog sowie die darüber hinausgehenden Fragen vom 1.2.2024 als inhaltlich umfassend und vollständig beantwortet an. Vielen Dank für Ihr reges Interesse an unserem Haus.“