Osnabrück So rekrutieren Islamisten Teenager und junge Erwachsene auf TikTok
Wie sollte man mit Frauen umgehen? Darf man als Muslim gefälschte Markenkleidung tragen? Zehntausende Teenager und junge Erwachsene sehen, kommentieren und liken Videos mit Antworten auf solche Fragen auf TikTok. Sie sind der Einstieg in die Radikalisierung.
Die Videos von islamistischen Influencern wie Abul Baraa oder dem Salafisten Pierre Vogel kommen oft unterhaltsam, leicht, humorvoll daher. Als Influencer gehen sie auf Fragen ihrer Fans ein, sprechen über Alltagsprobleme und damit junge Menschen auf der Suche nach Orientierung an. Wer in die Welt der Islamisten eintaucht, macht jedoch auch Bekanntschaft mit harten, komplexen Verhaltensvorschriften, Geschlechtertrennung und einer radikalen Auslegung des Islams als vermeintlich einzig wahrer Art zu leben.
So erklärte Pierre Vogel in einem Video Ende vergangenen Jahres auf die Frage, warum er immer noch in Deutschland sei: „Ich muss erst mal dafür sorgen, dass 50 Prozent von Deutschland zum Islam konvertieren.” Abul Baraa gibt etwa Tipps für den Umgang mit der Partnerin. Ein Beispiel: „Frauen sind wie kleine Kinder. Sie mögen es, Komplimente zu hören.” Und bleibt eine Ehe nach islamischem Recht gültig, wenn ein Mann mit einer anderen Frau ein Kind zeugt? Antwort des Influencers: „Sein Ehevertrag mit der Frau, mit der er verheiratet ist, bleibt weiter bestehen.” Daneben beantwortet Abul Baraa Fragen nach Botox und danach, ob Partner gegenseitig ihre Handys kontrollieren dürfen – natürlich im Rahmen seiner Auslegung des Islams.
Ist das nicht alles vergleichsweise unspektakulär? Immerhin ruft hier niemand auf, in den heiligen Krieg zu ziehen oder Menschen zu töten. Im Verfassungsschutzbericht vom August heißt es jedoch: „Die salafistische Szene stellt weiterhin den ideologischen Unterbau für den Jihadismus dar. Der Charakter der salafistischen Äußerungen wandelt sich kontinuierlich: Während eindeutig extremistische Inhalte zumindest öffentlich häufig unausgesprochen bleiben, erscheint die Szene zunehmend offener für emotionalisierende gesellschaftliche Themen, die in den eigenen ideologischen Rahmen eingepasst werden.“ Und weiter: „Dieser ‚weichgespülte’ Salafismus lässt sich in den sozialen Medien teilweise kaum von anderen islamistischen Strömungen unterscheiden.“
Salafisten passten sich den jungen Konsumenten an. Weil entsprechende explizite Propaganda regelmäßig gelöscht und verfolgt würde, äußerten sich die islamistischen Influencer subtiler und in codierter Sprache. „Explizit gewaltorientierte Inhalte in der Propaganda sind weniger sichtbar geworden und konzentrieren sich auf bestimmte Messengerdienste, wie zum Beispiel Telegram”, so der Verfassungsschutz.
Kaan Orhon bemüht sich bei der Beratungsstelle „Grüner Vogel“ um Deradikalisierung und kennt diese Strategien. Der Islamwissenschaftler sagte im Interview mit unserer Redaktion: „Salafisten nutzen soziale Netzwerke extrem geschickt für ihre eigenen Interessen. Das ist nicht erst seit TikTok so, sie waren auch bei Facebook, Instagram und Snapchat aktiv – also auf Plattformen, auf denen junge Menschen sich bewegen.” Die Inhalte seien kurz, unterhaltsam und perfekt auf die Zielgruppe zugeschnitten. Abul Baraa sei dabei eine herausragende Figur. „Er beantwortet die absurdesten Fragen zum Islam, wie etwa: Darf ich SpongeBob-T-Shirts tragen? Das mag albern klingen, aber funktioniert wahnsinnig gut. Wer seine Inhalte anschaut, landet schnell in einer Filterblase und erhält nur noch islamistische Videos”, sagte Orhon. Wir haben die entsprechenden Videos daher hier bewusst nicht verlinkt. Bei Interesse findet man die entsprechenden Kanäle unter den Namen der Protagonisten.
Wer sich solche Videos anschaut, landet auch bei Konvertitinnen, die etwa erklären, nun endlich stolz das Kopftuch zu tragen und von Diskriminierung berichten. Das spreche besonders Frauen und Mädchen aus kulturell konservativen oder patriarchalen Elternhäusern an, erklärte Orhon. Die salafistischen Regeln, die die Community hier vorgibt, seien streng, aber für alle gleich. „Das wird als gerechter empfunden.“ Auch empfundene Diskriminierung spiele eine Rolle: „Da wird mit einer maßlosen Übersteigerung von Ängsten gearbeitet”, so der Islamwissenschaftler. „Die empfundene Diskriminierung wird mit der Vorstellung verknüpft, dass sich Staat und Gesellschaft gegen Muslime verschworen haben. Das führt dazu, dass man sich als Opfer sieht und sich einer Gruppe anschließt, die vermeintlich stark ist und in der man nicht diskriminiert wird.” Auch hier zielen die Influencer auf das Orientierungsbedürfnis junger Menschen ab: den Wunsch nach Zugehörigkeit.
Die Behörden haben solche Videos zwar auf dem Schirm. Allerdings wissen sich die Islamisten mittlerweile relativ gut an der Grenze zur Meinungsfreiheit zu bewegen. Wer mehr will, geht in geschlossene Telegram-Gruppen. Und wenn Kanäle oder Videos gelöscht werden, machen die Influencer einfach den nächsten Kanal auf. Sie wissen genau, welche Inhalte ihre Interessenten auf welcher Plattform wollen und liefern sie zuverlässig.
Was sie wollen, ist auch in aktuellen Videos klar zu erkennen – ihre Ideologie soll möglichst viele erreichen und in extreme Verhaltensvorschriften zwingen. Pierre Vogel etwa gibt sich als Kämpfer für den Seelenfrieden von Nicht-Muslimen. In einem Video begründet er: „Die meisten hier folgen nicht der wahren Religion, gehen in die Hölle, wenn sie den Islam nicht annehmen”
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