Berlin  Autorin Emily St. John Mandel: Frivole Überraschung beim Signieren

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 02.02.2024 06:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Bestseller-Autorin Emily St. John Mandel schreibt über Zeitreisen. Kommt sie womöglich sogar selbst aus der Zukunft? Foto: Sarah Shatz/Ullstein
Bestseller-Autorin Emily St. John Mandel schreibt über Zeitreisen. Kommt sie womöglich sogar selbst aus der Zukunft? Foto: Sarah Shatz/Ullstein
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Die kanadische Autorin Emily St. John Mandel schreibt Bestseller über Zeitreisen und Pandemien. Im Interview spricht sie über ihren Roman „Das Meer der endlosen Ruhe“, über ihre Angst vor der Zukunft und das Ende des männlichen Haarausfalls.

Barack Obama setzt sie auf seine Leseliste. HBO macht ihren Bestseller „Station Eleven“ zur Serie: Die kanadische Autorin Emily St. John Mandel ist ein literarischer Shooting-Star. Gerade ist ihr Zeitreise-Roman „Das Meer der endlosen Ruhe“ erschienen. Im Interview spricht Mandel über Sprünge in der Realität und kuriose Leserwünsche in Signierstunden – und sie beschreibt, wie es sich anfühlte, als nach ihrem Pandemie-Roman eine reale Pandemie über die Welt kam.

Frage: Mrs. Mandel, Ihr Science-Fiction-Roman „Das Meer der endlosen Ruhe“ handelt von einer „Anomalie“. Es gibt eine Art Sprung in der Realität, sodass die Helden an zwei Orten gleichzeitig sind. Erleben Sie selbst Momente, an denen Ihnen die Realität nicht mehr real vorkommt?

Antwort: Vor ein paar Jahren habe ich mal einen sehr eigenartigen Moment auf einer Dinner-Party erlebt. Es war in einem Kunstverein und alle schienen sich zu hassen. Mir gegenüber saß eine andere Schriftstellerin. Und auf einmal, mitten aus dem Nichts, zerplatzte ihr Weinglas – und ihr Wasserglas. Niemand hatte die Gläser berührt. Niemand hat begriffen, was da passiert war. Für einen Augenblick waren alle ganz still.

Frage: Was ist Ihre Erklärung?

Antwort: Ich weiß nicht, ob das ein Sprung in der Realität war. Damals hatte ich das Gefühl: Die Stimmung war derart angespannt, dass die Frau die beiden Gläser mit ihrem Geist zerbrochen hat. Rational macht das natürlich keinen Sinn.

Frage: Ihr Buch spielt mit der Idee, die Welt könnte eine Simulation sein, ein einziges Computerspiel, von dem wir nicht wissen, dass es eins ist. Wenn sich wirklich jemand das Leben ausgedacht hat: Wie erklären Sie sich dann all die langweiligen Stellen darin?

Antwort: Ob wir in einer Simulation leben, weiß ich nicht. Falls ja, hätte ich auch ein paar Beschwerden am Design vorzubringen. Im Roman brauche ich die Hypothese nur als Trick. Ich wollte über Zeitreisen schreiben. Ein tolles Genre, aber sobald man darüber nachdenkt, sieht man den Fehler: Selbst wenn ein Zeitreisender in der Vergangenheit nur winzige Details ändert, verändert sich die Gegenwart massiv. Die Logik lässt sich nur reparieren, wenn man die Wirklichkeit zur Simulation erklärt.

Frage: In einem Kapitel führt der Zeitreisende im Buch ein Interview mit einer Schriftstellerin. Genauso wie wir gerade. Wenn ich auch ein Zeitreisender wäre – würden Sie gern wissen, was die Zukunft für Sie bereithält?

Antwort: Ich weiß es nicht. Die Zukunft macht mir Angst.

Frage: Und wenn Sie selbst eine Zeitreisende wären?

Antwort: Was wäre Ihre Frage, wenn ich eine wäre?

Frage: Ist männlicher Haarausfall in Zukunft heilbar?

Antwort: Genau das hätte mein Ex-Mann auch gefragt.

Instagram-Porträt von Emily St. John Mandel:

Frage: Vor Ihrer Autorenkarriere haben Sie eine Ausbildung als Tänzerin gemacht. Wieso haben Sie die Kunstform gewechselt?

Antwort: Weil ich mich vom Tanzen entliebt habe. Mit 18 Jahren habe ich zeitgenössischen Tanz studiert. Mit 21 oder 22 Jahren wurde mir klar: Es war von einer Freude zur Pflicht geworden. Worauf sich die Frage stellte, was ich mit meinem Leben stattdessen anfangen soll. In Kanada ist ein Studium teuer. Noch eins konnte ich mir nicht leisten; ich hatte schon Schulden. Stattdessen habe ich geschrieben. Das hatte ich schon immer gemacht, auch wenn ich es nie jemandem gezeigt hatte. Jetzt habe ich es ein bisschen ernster genommen und meinen ersten Roman abgeschlossen. In Wirklichkeit lief das alles aber nicht ganz so flüssig ab, wie es jetzt klingt.

Frage: Gibt es Dinge, die Sie immer noch besser in Bewegungen ausdrücken könnten als in Worten?

Antwort: Die meisten Dinge lassen sich in Worten leichter sagen. Aber wenn ich Tänzer sehe, spüre ich eine Atmosphäre, die sich vielleicht wirklich nur in Bewegungen mitteilen lässt. Was mich am Tanz am meisten geprägt hat, ist allerdings die enorme Disziplin.

Frage: Worin besteht Ihre Disziplin beim Schreiben?

Antwort: Mein Tagesablauf ist chaotisch. Ich reise viel, ich habe ein kleines Kind. Aber trotzdem kann ich überall sofort losarbeiten. Ich kann in lauten Cafés schreiben, an Flughäfen, in Hotels. „Das Meer der endlosen Ruhe“ habe ich während der Pandemie geschrieben. Meine Tochter war damals vier und ich hatte keine Betreuung.

Frage: Alles klar. Ich streiche meine Frage, ob die Pandemie eine gute Zeit für Autoren war.

Antwort: Für Leute ohne Kinder war es wahrscheinlich eine gute Zeit. Ich erinnere mich noch, wie mein Twitter-Feed sich in zwei Welten aufteilte. Die eine Hälfte der Leute hat Sauerteig angesetzt, Italienisch gelernt und Netflix geguckt. Die andere Hälfte waren Eltern.

Frage: Sie haben mal einen Essay über die Wirkung von Kritiken geschrieben. Helfen oder schaden sie Autoren?

Antwort: Damals ging es darum, dass negative Kritiken namhaften Autoren nicht schaden. Das hat mir auch ein Freund bestätigt, der im „Guardian“ vernichtend rezensiert wurde. Alle haben ihn bewundernd angesprochen: Wow, du warst im „Guardian“! Was drinstand, war egal. Wahrscheinlich sind schlechte Kritiken wirklich nicht so schlimm. Einen echten Einfluss haben negative Bewertungen von Lesern – zum Beispiel auf Fanportalen wie „Goodreads.com“.

Frage: Machen schlechte Kritiken Ihnen persönlich was aus?

Antwort: Sie machen mir was aus, wenn sie grundsätzliche Fakten über das Buch durcheinanderbringen – was mir schon häufiger passiert ist. Es gibt keinerlei Möglichkeit, das geradezurücken, ohne vollkommen verrückt zu wirken.

Frage: Ihr Durchbruch war der inzwischen verfilmte Roman „Station Eleven“. Was hat sich mit dem Ruhm geändert?

Antwort: Als berühmt empfinde ich mich nicht. Ich bin nicht Jennifer Lawrence. Die Leute erkennen mich nicht auf der Straße. Aber Erfolg – und hier meine ich kommerziellen Erfolg – macht die Dinge leichter.

Frage: In dem Buch geht es um eine globale Pandemie, der die gesamte Zivilisation zum Opfer fällt. Nachdem das erschienen war, kam Corona. Wie haben Sie die reale Pandemie erlebt? Haben Sie sich als Expertin gefühlt? Waren Sie überrascht, weil Corona nicht so vernichtend war wie Ihre Fiktion?

Antwort: Wenn man zu Pandemien recherchiert, begreift man als erstes: Es wird immer eine nächste geben. Trotzdem war ich von Corona genauso überrascht wie alle anderen. Vorgestellt hatte ich mir Pandemien immer als ein großes Entweder-Oder: Entweder man steckt drin – oder eben nicht. Mir war nicht klar, dass es merkwürdige Zwischenstadien geben könnte. So wie jetzt: Manchmal trage ich Maske, manchmal nicht. Für die Risikobewertung sind diese Phasen am schwierigsten.

Frage: Gibt es Szenen im Roman, die von der Wirklichkeit widerlegt wurden?

Antwort: In meinem Buch steigen die Leute aus dem Flugzeug, gucken die Nachrichten und sie glauben, was sie auf CNN sehen. 2011, als ich das Buch geschrieben habe, war das plausibel. Aber seitdem haben die USA sich verändert. Wir leben im Zeitalter der Desinformation. Heute hätte jeder seine eigene Verschwörungstheorie. Es gibt keinen Konsens mehr über die Wirklichkeit.

Frage: Weil Corona nicht katastrophal genug war, um alle zu überzeugen?

Antwort: So ist es. Corona war nicht schlimm genug, um die Zivilisation zu zerstören. Und das lässt manche Leute behaupten, es wäre gar nichts gewesen. Was mich wütend macht. In New York sind 45.000 Menschen an Corona gestorben. Genug für eine eigene Stadt.

Frage: Sie haben die Verschwörungstheorien erwähnt: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass viele Leute sehr verrückte Dinge glauben?

Antwort: In den USA liegt es daran, dass das Land in republikanische und demokratische Staaten aufgeteilt ist. Wenn ein Präsident der Demokraten etwas sagt, dann glaubt ein riesiger Teil der republikanischen Wähler, dass es nicht stimmt. Aus Prinzip. Weil der Feind es sagt. Das ist unglaublich zerstörerisch. Und ich weiß nicht, wie das Land da wieder rauskommen soll.

Frage: War die Pandemie ein Vorgeschmack auf zukünftige Krisen wie den Klimawandel?

Antwort: Ja – und das hat mir das Herz gebrochen. Corona war ein Test und wir sind so was von durchgefallen. Wir haben bewiesen, dass wir partout nicht zusammenhalten können. In den USA haben sich Leute auf dem Höhepunkt der Pandemie geweigert, Masken zu tragen. Sie haben sich geweigert, anderen das Leben zu retten – weil Masken irgendwie lästig sind. Das ist finster. Eine echte Enttäuschung.

Frage: In Ihrem neuen Roman taucht eine Schriftstellerin auf, der Sie eigene Erlebnisse andichten. Was aus Ihrem Leben benutzen Sie als literarisches Material? Und was lassen Sie lieber weg?

Antwort: Ich lasse die Finger von allem, was Menschen aus meinem Leben peinlich sein könnte. Das Privatleben der Figur ist komplett erfunden. Was ich verwende, sind schräge Erlebnisse von einer Lesereise. 99 Prozent meiner Begegnungen mit Buchhändlern, Lesern und Journalisten sind selbstverständlich angenehm. Das verbleibende Prozent greife ich im Buch auf.

Frage: Haben Ihre Freunde und Angehörigen Angst, dass sie als Stoff in ihren Romanen landen könnten?

Antwort: Ja. Wenn sie nett zu mir sind, haben sie nichts zu befürchten.

Emily St. John Mandel bei der Signierstunde:

Frage: Und kommen auch Leute auf Sie zu, weil sie in Ihren Büchern vorkommen wollen?

Antwort: Gute Frage. Das kommt ganz selten mal vor. Und dahinter steht ein Missverständnis. Das Schwierige am Bücherschreiben ist nicht, eine dolle Geschichte zu finden. Das Schwierige ist, was draus zu machen. Es reicht nicht, etwas Bemerkenswertes erlebt zu haben.

Frage: Um was für Widmungen bitten Ihre Leser Sie in Signierstunden?

Antwort: Die meisten wollen nur den Namen und das Datum. Mein Standard ist dann „Best Wishes“. Verweigert habe ich nur einen einzigen Wunsch. Da wollte ein Leser, dass ich einem seiner Freunde ins Buch die Widmung schreibe: „Ich bin auf deiner Seite!“ Ich hatte keine Ahnung, was ich da eigentlich unterstützen sollte. Womöglich war das ein Verbrecher. Ein anderes Mal hat mir jemand ein Buch gegeben, das er aus einem Antiquariat hatte. Da stand mein Name schon drin. Irgendjemand – ganz sicher nicht ich – hatte in dieses Buch geschrieben: „Für Harold! Die letzte Nacht war toll! Emily St. John Mandel“

Frage: Was haben Sie dann noch drunter geschrieben?

Antwort: „An Harold: Das war ich nicht.“

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