Berlin In acht Schritten aus der Abhängigkeit: So schaffte ich es, für immer mit dem Alkohol aufzuhören
Jahrelang hatte unsere Autorin nie genug, aber immer zu viel. Auf Dauer ging das nicht gut. Inzwischen ist sie bereits seit sieben Jahren nüchtern. Wie kam sie dahin?
Wir müssen ja alle ständig mit irgendwas aufhören, was schlecht für uns ist, das wir aber richtig geil finden, oder mit irgendwas anfangen, was mega gut für uns wäre, auf das wir aber mysteriöserweise keinen Bock haben. Ein Auszug aus meiner nicht enden wollenden Liste von Sachen, die ich aktuell machen müsste: mehr Ordnung in meinen Finanzen, mehr Sport, weniger Zucker, konsequenter gendern, weniger Geld ausgeben, wieder mit Meditieren anfangen, wieder mit Fleischessen aufhören.
Früher, bevor ich aufgehört habe mit dem Trinken, habe ich auch manchmal Pausen gemacht. Zwei, drei, vier Wochen, einmal sogar sechs. Die Trinkpausen brachten all die Belohnungen, die man eben so bekommt, wenn man aufhört, routinemäßig Ethanol zu trinken: besserer Schlaf, bessere Haut, bessere Verdauung, Gewichtsverlust, mehr Zeit und Energie für Sport und Kreativität, weniger Angst, eine hellere Stimmung, weniger Streit mit dem Boyfriend, diesen Glow, den man kriegt, wenn man sich selbst nicht belügt.
Die Trinkpausen übertreffen also verlässlich alle Erwartungen. Was aber besonders wichtig ist: Sie sind leicht durchzuhalten. Das ist eigentlich kein Wunder, denke ich heute, denn Trinken ist harte Arbeit. Abstinenz ist, verglichen mit Trinken, sehr einfach; statt eines komplexen Regelkatalogs (nur am Wochenende, nur in Gesellschaft, erst nach fünf, nichts Hartes, nur Wein, immer ein Glas Wasser zwischendurch) habe ich zur Abwechslung nur eine einzige Regel: nichts trinken. Kinderspiel.
Darin, dass die Trinkpausen kein Problem für mich waren, bestand ihr eigentlicher Wert. Denn, so geht die Gedankenkette: Wenn es so easy für mich ist, auf Alkohol zu verzichten, habe ich offenbar kein Alkoholproblem. Und wenn ich kein Alkoholproblem habe, heißt das, dass ich bedenkenlos trinken kann.
Die Trinkpause und ihre vielen offensichtlichen Vorteile interessierten mich in Wirklichkeit null. Was mich interessierte, war das Trinken. iUnd so kehrte ich nach den Pausen immer wieder zum Trinken zurück, obwohl ich mich schon bald erneut nach einer Pause sehnte. Ich ging zurück, als sei das Trinken alternativlos, ich ging zurück in der Hoffnung, Trinken könnte eines Tages so einfach und simpel und katerfrei und konfliktfrei sein, wie Nichttrinken es war.
Wenn es so furchtbar einfach war, nicht zu trinken, wo ist dann das Problem, werden die Normies jetzt sagen (also Personen, die keine komplizierte Beziehung zum Alkohol haben). Dann hätte ich ja einfach mit dem Trinken aufhören können. Aber das ging nicht. Denn dann hätte ich ja aufhören müssen zu trinken. Ich weiß, wenn du zu den Normies gehörst, dann sind diese Argumentationsketten sehr frustrierend, aber halte durch, ich versuche hier bloß, die skurrilen Gedankengänge der Abhängigkeit sichtbar zu machen.
Ich wollte nicht aufhören. Ich wollte, was alle Trinker wollen: kontrollierten Konsum. Kontrolle ist der heilige Gral aller Suchtis (oder wie Mediziner sagen: Leute mit „Alkoholkonsumstörung“).
Ich wollte Sorglosigkeit. Ich wollte Leichtigkeit. Ich wollte den Alkohol trinken, aber nicht über ihn nachdenken. Ich wollte trinken, bis ich einen Schwips hatte, und dann aufhören. Ich wollte mich nur am Rande für Alkohol interessieren, als eine Möglichkeit von vielen. Ich wollte, dass Trinken und Nichttrinken mir wie zwei gleich gute Optionen erscheinen, von denen ich mal die eine, mal die andere wählte, ganz locker, je nach Tagesform. Ich wollte auf einem Dinner sein, auf dem irgendwann der Wein alle ist, und es nicht mal merken und einfach auf Cola umsteigen und darüber nicht traurig sein und weiterhin Spaß haben können wie zuvor. Ich wollte trinken, als sei es mir egal.
Das habe ich natürlich nie dauerhaft hingekriegt. Die einzigen Leute, die es schaffen, zu trinken, als sei Alkohol ihnen egal, sind die, denen Alkohol egal ist. Solche Leute machen auch keine Trinkpausen. Sie brauchen keinen Dry January, weil ein Dry January keinen nennenswerten Unterschied zu ihrem restlichen Leben darstellt. Wenn du solche Leute fragst, wie sie das schaffen, werden sie nie eine befriedigende Antwort geben. Sie sagen dann so was wie: Wieso, na ja, du musst eben einfach aufhören, wenn du genug hattest.
Genug. Was auch immer das sein mag. Ich hatte bloß immer zu viel. Genug hatte ich eigentlich nie. Stattdessen habe ich irgendwann ganz und für immer aufgehört. Ganz und für immer aufhören ist viel, viel einfacher, als kontrolliert zu trinken. Und so habe ich es gemacht:
Die meisten Leute, die Alkohol trinken, sind der Meinung, es bräuchte einen triftigen Grund, keinen zu trinken. Die Gründe, die für Abstinenz akzeptiert werden, sind meist kontextabhängig und vorübergehend: fahren müssen, schwanger sein, auf Antibiotika sein. Oder, oh Graus: Alkoholiker sein. Das ist ein Schocker, der jeden beschwipsten Partygast erschauern lässt: Wenn es so schlimm war mit dem Trinken, ja, dann muss man natürlich aufhören.
Die Frage „Bin ich Alkoholiker?“ treibt überraschend viele Menschen um. Das merkt man zum Beispiel daran, wie oft sie gegoogelt wird. Wenn du nur für diesen Text die Paywall wegbezahlt hast, stehen die Chancen ganz gut, dass dich das ebenfalls interessiert. Vielleicht hast du es schon mal gegoogelt. Vielleicht hast du schon mal einen Test gemacht. Vielleicht zählst du deine Drinks und fragst dich, ob die Zahl höher oder niedriger ist als die von anderen Trinkern. Vielleicht hast du eine oder zwei goldene Regeln, die du niemals brechen darfst. So was wie: niemals vor 17 Uhr. Niemals allein. Niemals vor der Arbeit. Du brichst diese paar goldenen Regeln (fast) nie. Aber trotzdem hast du dieses nagende Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Und du willst diese Spannung auflösen und dich von diesem Zweifel befreien, damit du endlich in Ruhe trinken kannst. Du willst die Antwort, ein für alle Mal. Bin ich Alkoholiker?
Good news! Ich gebe dir die Antwort hier und jetzt (ich bin schließlich Profi). Sie lautet: Nein. Du bist kein Alkoholiker. Wie ich das wissen kann?
„Alkoholismus“ ist keine offizielle Diagnose. Im ICD-10, dem Klassifikationssystem, mit dem Mediziner Krankheiten bestimmen, gibt es nur das „Abhängigkeitssyndrom von Alkohol“, ein Bündel unterschiedlicher Symptome, die zutreffen können, aber nicht müssen und die zudem jede Menge Interpretationsspielraum lassen. Du entscheidest ganz allein, ob du den „starken Wunsch“ hast, Alkohol zu trinken, ob du „Kontrollverluste“ erlebst oder ob du „Toleranz“ entwickelt hast. Solange du noch keine Leberzirrhose hast oder Insekten halluzinierst, kann dich niemand dazu bringen, von deiner eigenen Einschätzung abzulassen. Solange du findest, dass du kein Alkoholiker bist, bist du auch keiner. Puh, noch mal Glück gehabt!
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Doch leider wirst du schnell feststellen: Das hilft überhaupt nicht. Denn wenn du ein nagendes Bauchgefühl hast, wird es nicht davon weggehen, dass du ein gefürchtetes Wort auf Abstand hältst. Deine Beziehung zum Drink ist immer noch die gleiche. Das liegt daran, dass du die falsche Frage stellst. Die Frage ist nicht: Ist es schon schlimm genug, dass ich etwas ändern muss? Die richtige Frage ist: Ist es gut genug, um so zu bleiben?
Du musst erst mal deine Beziehung zu deinen Eltern aufarbeiten, bevor du aufhören kannst zu trinken? Du musst erst mal deine Depressionen behandeln, Traumatherapie machen, deine Bitch verlassen? Du musst erst mal diesen dunklen Winter rumkriegen? Umziehen? Den Job wechseln? Stabilität in dein Leben bringen? Deine Wohnung renovieren? Einen Typen finden, der dich rettet? Und dann kannst du dich um dein Alkoholproblem kümmern? Der richtige Zeitpunkt ist einfach noch nicht da? Spoiler: Er wird nicht kommen.
Du betrachtest das Trinken als ein gleichberechtigtes Problem, das einfacher zu lösen ist, wenn du die Rahmenbedingungen verbesserst. Doch das Trinken ist kein gleichberechtigtes Problem. Es ist das Betriebssystem, auf dem all deine anderen Probleme laufen. Alkohol lähmt deine Problemlösungsfähigkeit, macht dich träge und unflexibel. Jedes deiner Probleme wird leichter zu lösen sein, wenn du erst das Trinken ausgeschaltet hast. Und manche Probleme werden sogar einfach so – puff! – von selbst verschwinden.
Ich habe ungefähr zehn Jahre lang an meinem Trinkverhalten rumgezerrt, bis ich endlich aufgehört habe. Warum ich so lange gebraucht habe: Ich habe gewartet, dass ich nicht mehr trinken will. Denn Willenskraft ist doch der Schlüssel, dachte ich. Ich wollte Autorin werden, also habe ich geschrieben, ich wollte selbstständig sein, also habe ich mir eine Steuernummer besorgt, ich wollte diesen Typen rumkriegen, also bin ich zu ihm rübergegangen. Alles, was ich mache, mache ich, weil ich es will. Okay, ich mache auch Sachen, die ich nicht will (Steuererklärung, putzen), aber nur, weil ich muss. Mit Trinken aufhören muss ich nicht. Noch nicht.
Logische Schlussfolgerung: Die einzige Möglichkeit, mit dem Trinken aufzuhören, ist aufzuhören, trinken zu wollen. Ich müsste irgendwie daran arbeiten, von alleine das Interesse daran zu verlieren.
Doch so funktionieren Drogen nicht. Drogen kapern deinen Willen. Es ist uninteressant, was du willst. Was du willst, wird sich nicht ändern, solange du trinkst. Das bedeutet: Du akzeptierst erst mal, dass du weiterhin trinken willst. Du machst es halt einfach nur nicht mehr.
Die Leute in deinem Leben, die kein Ding mit Alkohol am Laufen haben, werden nicht verstehen, was gerade für eine lebensverändernde Transformation bei dir vorgeht. Und die Leute, die ein Ding mit Alkohol am Laufen haben, sich darum aber nicht kümmern, werden deine lebensverändernde Transformation bestenfalls ignorieren und schlimmstenfalls sabotieren. Es ist aber wichtig, dass du mit jemandem über deine lebensverändernde Transformation reden kannst. Du brauchst also neue Leute. Such dir welche.
Ich habe damals den radikalen Weg eingeschlagen und bin zu den Anonymen Alkoholikern (AA) gegangen. AA durchzieht Berlin wie eine geheime Untergrundorganisation. Es ist sehr stigmatisiert, darum habe ich mich gefühlt wie ein Rockstar, nachdem ich die Eier hatte, dort hinzugehen. Nur um festzustellen, dass man dort die freundlichsten, lustigsten, reflektiertesten Menschen auf der Welt trifft. Die deine spezielle Beziehung mit dem Drink verstehen. Die deine Abgründe nicht schockierend finden. (Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Wenn du einmal auf einem AA-Meeting warst, wird dein Trinken wahrscheinlich für immer ruiniert sein.)
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Die AA haben ein simples, aber geniales Mantra: Nur für heute.
Du musst nicht darüber nachdenken, ob du für immer aufhören wirst zu trinken. Du musst nicht wissen, wie der Rest deines Lebens laufen wird, du musst nicht wissen, wie du deinen Geburtstag überstehst. Du musst keine zukünftigen Probleme lösen. Heute nicht zu trinken, ist dein einziger Job. Wenn 24 Stunden schon zu lang sind, brich es runter: Ich trinke nur eine Stunde nicht. Nur eine Minute. Nur jetzt. Und jetzt. Und jetzt. Jetzt ist der einzige Moment, den du kontrollieren kannst, und der einzige, der wichtig ist. Über alles andere kannst du dir später Gedanken machen.
Ich bin sehr cool und hätte mir noch vor Kurzem nicht im Traum ausmalen können, dass ich mal etwas so Uncooles mache, wie Leuten öffentlich zu raten, ein Visionboard zu erstellen, aber scheiß drauf, ich tue es hiermit: Erstelle ein Visionboard. Sammle Bilder, die deine schönsten Vorstellungen von Nüchternheit illustrieren. Sehnsucht ist ein so viel besserer Motor als Angst. Wenn du denkst: Oh mein Gott, ich muss aufhören zu trinken, weil ich sonst einen Leberschaden kriege, bist du sofort gestresst und willst einen Drink. Wenn du stattdessen denkst: Ohne Drink bin ich eine elegante, geistreiche, feinporige Göttin, setzt das ganz andere Gefühle frei.
Ich weiß: Tief in dir trägst du die geheimen Bilder deiner Sehnsucht mit dir herum. Das Leben, das du willst und dir nicht zugestehst, weil du denkst, es sei zu viel verlangt oder es existiere bloß in Filmen oder Songs. Das Leben, in dem du frei bist. Indem du die Person bist, die du bist, wenn du glücklich bist. Eine helle, vollständige Version deiner selbst.
Stell dir vor, wie es sein wird, wenn du den Alkohol überwunden hast. Stell dir dich selbst vor, in einem Jahr, wenn du klar und happy bist und den Alkohol genauso wenig vermisst wie diesen Vollidioten, mit dem du im ersten Unisemester rumgemacht hast. Denn genau so wird es sein, ich verspreche es dir. Erinnere dich an diesen Typen. Damals dachtest du, der sei die Antwort auf all deine Fragen. Heute weißt du: Das war ein totaler Lauch. So wirst du den Alkohol auch schon bald sehen.
AA-Meetings funktionieren unter anderem deswegen, weil man dort, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, die Wahrheit sagen kann. Die Wahrheit zu sagen, setzt erstaunliche Kräfte frei. Wenn man eine Wahrheit ausspricht, die man jahrelang, vielleicht sogar jahrzehntelang weggedrückt hat, ist das, als könnte man das erste Mal durchatmen. Es ist erstaunlich, wie viel Energie gebunden wird, wenn man etwas (vor sich selbst) verbirgt.
Du musst nicht unbedingt gleich einem Raum von Fremden dein Inneres präsentieren. Du kannst auch locker einsteigen: dir ein Notizbuch besorgen und die Wahrheit da reinschreiben. Ich weiß nicht weiter. Ich bin unglücklich. Ich will meinen Job kündigen. Ich will nach Wien ziehen. Ich bin Alkoholikerin. Dein Blutdruck sinkt. Dein Körper entspannt sich. Du bist wieder deckungsgleich mit dir selbst.
Anders als die meisten anderen Fantasien, die ich so im Laufe meines Lebens gehegt habe (von Geld, Ruhm oder romantischer Liebe), hält die Nüchternheit tatsächlich ihre Versprechen. Es ist mein siebtes nüchternes Jahr, und ich habe mir noch nie auch nur eine Sekunde lang gewünscht, zum Trinken zurückzukehren. Ich habe auch noch nie eine andere nüchterne Person getroffen, die sich gewünscht hätte, zum Trinken zurückzukehren. Noch nie! Das ist eine Quote von 100 Prozent pro Nüchternheit.
Ich sagte das im ersten Jahr und ich sage es noch immer: Ohne Drink ist alles besser. Alles. Nicht einfacher, nein, das nicht. Das Leben ist immer noch manchmal hart und frustrierend und verwirrend. Ich habe immer noch 99 Probleme. Aber ich habe bessere und interessantere Probleme. Nicht immer nur das eine, dumme, langweilige.
Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel in Berlin.