Tradition vor dem Aus Fischer mit Forderungen – Krisengespräch in Ditzum
Millionenkürzungen, Verbote: Die Traditionsfischer haben in Ditzum zum Krisentreffen eingeladen. Das sind ihre Forderungen und die Hintergründe.
Ditzum - Draußen ist es windig, grau und regnerisch – und die Stimmung im Müllerhuus in Ditzum ist am Dienstagabend nur wenig besser als das Wetter. Gerade zu Beginn des Treffens der Fischer aus Ditzum und Greetsiel mit Bundestagspolitikerin Anja Troff-Schaffarzyk, Landtagspolitiker Nico Bloem und Kreistagspolitiker Helmut Geuken (alle SPD) ist der Ärger und die Verunsicherung der Fischer zu spüren. Die Fischer hatten eingeladen, um ihre Sorgen zu formulieren, aber auch um ihre Forderungen zu formulieren. Es gibt unterschiedliche Gründe.
500 Millionen weg: Worum geht es bei dieser Zahl?
„Die halbe Milliarde ist weg, die sehen wir nicht wieder“, sagen die Kutterfischer in Ditzum. Von welchem Geld sprechen sie? Fischer sehen sich als „Bauernopfer“, schreibt der Deutsche Fischerei-Verband. „Im Rahmen der Energiewende betreibt die Bundesregierung den massiven Ausbau von Offshore-Windenergie. Die Fischerei verliert dadurch einen großen Teil ihrer Fanggebiete. Im Rahmen der Bundeskompensationsverordnung wurden Regelungen verschiedenster Art zur Kompensation getroffen“, erklärt der Verband.
Im vergangenen Jahr hat der Bund bei der Versteigerung von Gebieten in der Nord- und Ostsee für Offshore-Windparks mehrere Milliarden Euro eingenommen, schreibt die ARD. Ein Großteil der Erlöse werde zur Senkung der Stromkosten genutzt, fünf Prozent müssen jeweils für den Meeresnaturschutz und die umweltschonende Fischerei eingesetzt werden – das ist gesetzlich festgelegt im Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG). Im Entwurf sollten es je zehn Prozent für den Meeresnaturschutz und zehn Prozent für die Fischerei sein – das wurde gekürzt.
Die Beteiligung an dem Gebotsverfahren war groß, rund 13,3 Milliarden Euro wurden 2023 eingenommen. Damit stünden für die Fischerei- und den Meeresnaturschutz jeweils rund 670 Millionen Euro zur Verfügung. Dann kamen die Sparmaßnahmen wegen des Bundeshaushaltes: Statt 670 Millionen Euro soll das Umweltministerium 420 Millionen Euro für den Meeresnaturschutz erhalten, heißt es weiter von der ARD. Für die Fischerei soll das Landwirtschaftsministerium aus den Erlösen der Offshore-Versteigerungen statt 670 Millionen Euro nur noch 134 Millionen Euro bekommen. Es blieben für die umweltschonende Fischerei 109 Millionen Euro. Denn weitere 25 Millionen Euro seien zusätzlich für andere Ausgaben vorgesehen – der Verband der Kutter- und Küstenfischer kündigte an, gegen diese 25 Millionen für die Finanzierung von Behörden klagen zu wollen.
Kann der Zweck für Gelder einfach im Nachhinein geändert werden? Gegenüber der ARD teilt das Wirtschaftsministerium nach mehrfacher Nachfrage mit: „Wie üblich hat das BMWK die geplante Änderung vorher intensiv geprüft und eine rechtlich mögliche Gesetzesänderung formuliert.“
Was sagen die Fischer zur Kürzung?
Die Fischer, die sich in Ditzum trafen, haben wenig Hoffnung, dass sich an der Kürzung der Gelder noch etwas machen lässt. Ihnen habe die Kompensation zugestanden, weil durch die Offshore-Anlagen Fanggebiete wegfielen, so die Fischer. Viele nötige Schritte in Richtung von noch mehr Nachhaltigkeit könne man nun kaum machen. Man sei mit einer Spendendose für die Fischerei zu den Unternehmen gegangen, als sie voll war, habe man einen anderen Sticker draufgeklebt. Das sei weder für die Unternehmen noch die Fischerei in Ordnung.
Besonders viel Frust herrschte allerdings darüber, dass dieser Schritt in keinster Weise im Vorfeld kommuniziert worden sei, und es keine Möglichkeit gegeben habe, andere Wege zu finden, auch wenn Fischer Vorschläge gemacht hätten. „So kann man nicht mit Menschen umgehen“, hieß es unter anderem. Die Kritik stieß bei den Politikerinnen und Politikern in Ditzum auf vollstes Verständnis.
Welche Sorgen gibt es noch?
Das Problem: Es ist nicht der erste „Tiefschlag“, wie es am Dienstag formuliert worden ist. Die Fischerei mit Grundschleppnetzen – also Netzen, die den Meeresgrund berühren – soll mit einem EU-Verbot in Schutzgebieten 2030 unzulässig werden. Das Fischen mit Grundschleppnetzen steht unter anderem in der Kritik, da der Meeresboden durch das Fanggeschirr beschädigt werden kann. Das Verbot bedroht die Existenz der traditionellen Krabbenfischer, wie es sie in der Region gibt.
Allerdings höre man nichts mehr und die Ungewissheit mache Investitionen unmöglich, verschrecke Deckarbeiter, ebenso Nachfolger – täglich habe man Zukunftssorgen, so die Krabbenfischer. Troff-Schaffarzyk sicherte zu, sich die EU-Abgeordneten „zu schnappen“ und anzufragen, was der neuste Stand sei.
Wer ist denn überhaupt betroffen?
An jedem größeren Kutter hingen die Schicksale mehrerer Familien, hieß es am Dienstag von den Fischern. 200 bis 250 kleine Betriebe gebe es noch insgesamt, wurde geschätzt.
Als Kapitäne hätten sie kein Problem, einen anderen lukrativen Job zu finden, so die Fischer. Sie wollten aber Fischer sein, selbstständig auch 60, 70 Stunden die Woche arbeiten. Insbesondere zu Ostfriesland und zur Nordseeküste gehörten die Kutter, die Fischerei. Aber sie bekämen immer mehr das Gefühl, dies sei nicht mehr gewollt.
Welche Forderungen gibt es?
Es müsse nun sorgfältig überlegt werden, wofür die verbleibenden rund 100 Millionen genutzt werden. Dabei sei es wichtig, dass es eine Art „Abwrackprämie“ für die Fischer gebe, die aussteigen wollten und müssten. Allerdings langfristig, um keine ungewollte Schließungswelle auszulösen.
Mit das Wichtigste war nach Ansicht der Fischer beim Treffen, Gewissheit darüber zu bekommen, wie es nach 2030 weitergehen soll.