Berlin Trauerstaatsakt für Schäuble: Macron hält Rede auf Deutsch – Merkel schreibt
Wolfgang Schäuble war dienstältester Abgeordneter der deutschen Parlamentsgeschichte und als Minister auf internationaler Ebene weit bekannt. Zum offiziellen Trauerstaatsakt kommen hochkarätige Gäste – und würdigen ihn als geschätzten Staatsmann.
Der französische Präsident Emmanuel Macron und die Spitzen von Politik und Gesellschaft in Deutschland haben sich in einem bewegenden Staatsakt von dem im Alter von 81 Jahren gestorbenen CDU-Politiker Wolfgang Schäuble verabschiedet.
Macron würdigte Schäuble als Freund Frankreichs und großen Europäer. „Deutschland hat einen Staatsmann verloren. Europa hat eine Säule verloren. Frankreich hat einen Freund verloren“, sagte der Präsident auf Deutsch in seiner Trauerrede im Reichstagsgebäude in Berlin.
Schäubles Wunsch, einen Franzosen im Bundestag sprechen zu lassen, sage viel über dessen Vertrauen in Frankreich und Deutschland aus, ergänzte Macron.
Macron erinnerte auch an den Tod Jacques Delors‘ am 27. Dezember. „Nacheinander hat Europa zwei seiner großen Vordenker verloren.“ Beide seien Gründerväter der europäischen Einigung und der Aussöhnung der Völker gewesen. „Zwei Staatsmänner, die für ihre Länder und Europa alles gegeben haben.“ Es seien zwei Leben als Bindeglieder und Vermittler gewesen. „Sie sind im Abstand von einer Nacht von uns gegangen und unser Herz als Europäer trägt nun zweifache Trauer.“
Der frühere Kanzleramtschef, Bundesinnen- und Finanzminister, CDU-Vorsitzende und Bundestagspräsident Schäuble war am zweiten Weihnachtstag im Alter von 81 Jahren nach langer Krankheit in seiner Heimatstadt Offenburg gestorben. Dort wurde er auch beigesetzt. Schäuble gehörte dem Bundestag 51 Jahre lang an – länger als jede und jeder andere in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus.
Im Plenarsaal des Bundestages hatten sich neben der Familie Schäubles rund 1500 Gäste aus Politik und Gesellschaft aus dem In- und Ausland versammelt, um sich von Schäuble zu verabschieden. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geleitete Schäubles Witwe Ingeborg zu Beginn zu ihrem Platz. Kanzler Olaf Scholz (SPD) saß direkt neben Macron.
Auf der Besuchertribüne nahmen auch die frühere Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die Ex-Bundespräsidenten Horst Köhler, Christian Wulff und Joachim Gauck sowie die ehemaligen Bundestagspräsidenten Rita Süssmuth und Norbert Lammert (beide CDU) Platz.
Merkel schrieb in das Kondolenzbuch: „Im Gedenken an eine spannende, herausfordernde und immer einem Kompromiss dienende Zusammenarbeit! Danke!“ Umrahmt wurde der Festakt für den Musik-Liebhaber Schäuble von Mozart-Musik, er endete mit der Nationalhymne.
Bundestagspräsidentin Bärbel Bas sagte über ihren Vorgänger Wolfgang Schäuble: „Deutschland verliert einen großen Demokraten und Staatsmann. Europa einen Vordenker. Und Frankreich einen besonderen Freund.“ Für Schäuble sei die europäische Einigung ein Friedensprojekt gewesen, „die Lehre aus der deutschen Geschichte“.
Dass der Staatsakt zu Schäubles Ehren am Jahrestag des Élysée-Vertrages zur Aussöhnung der beiden einstigen Kriegsgegner Deutschland und Frankreich stattfinde, „hätte ihm gefallen“, sagte Bas. Der Vertrag war vor 61 Jahren unterzeichnet worden, er gilt bis heute als Grundlage der deutsch-französischen Freundschaft. Schäuble sei die deutsch-französische Freundschaft ein besonderes Anliegen gewesen, erinnerte Bas.
Unionsfraktionschef Friedrich Merz hat den Einsatz Wolfgang Schäubles für das Parlament, Europa und die deutsch-französische Freundschaft gewürdigt. „Wir verneigen uns vor einem wahren Staatsmann unseres Landes, vor einem europäischen Staatsmann, vor einem streitbaren Demokraten, vor einer prägenden Persönlichkeit der jüngeren Geschichte unseres Landes. Danke, Wolfgang Schäuble“, sagte der CDU-Vorsitzende im Bundestag.
Die Zusammenarbeit mit Frankreich sei Schäuble besonders wichtig gewesen, sagte Merz. „Er wusste um die historische Bedeutung und um unsere besondere Verantwortung zusammen mit Frankreich.“ Schäuble sei nie müde geworden, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Deutschland „Verantwortung in und für Europa“ habe, aber auch Vertrauen in Europa brauche.
„Dieses Vertrauen muss sich Deutschland immer wieder und beständig erarbeiten, verbunden mit der Bereitschaft, Führungsverantwortung zu übernehmen“, ergänzte der Unionsfraktionschef. Dass der französische Präsident Emmanuel Macron die Trauerrede halten werde, „ist ebenfalls Ausdruck eines solchen Vertrauens und ehrt uns alle“.
Am 5. Januar war für Schäuble ein Trauergottesdienst in der Stadtkirche seiner Heimatstadt Offenburg abgehalten worden. Anschließend wurde er auf dem historischen Waldbachfriedhof beigesetzt.
Schäuble war am zweiten Weihnachtstag im Alter von 81 Jahren verstorben. Der 1942 in Freiburg geborene Politiker war unter anderem Bundesinnenminister und Bundesfinanzminister, Unionsfraktionschef und Parteivorsitzender der CDU. Er war seit 1972 bei jeder Wahl per Direktmandat in den Bundestag gewählt worden und war der dienstälteste Abgeordnete des Parlaments. Von 2017 bis 2021 war er Bundestagspräsident.