Hamburg  Können die deutschen Landwirte das Land komplett versorgen?

Johannes Kleigrewe
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Von Johannes Kleigrewe
| 19.01.2024 20:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln ist beim Bauern-Protest auf vielen Plakaten ein Thema. Foto: dpa/Patrick Pleul
Die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln ist beim Bauern-Protest auf vielen Plakaten ein Thema. Foto: dpa/Patrick Pleul
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„Keine Bauern, keine Nahrung“: Sprüche wie diese sind bei den Bauernprotesten oft zu hören und zu sehen. Aber wie viel Nahrungsmittel produzieren die deutschen Landwirte? Und würden sie ausreichen, um alle Deutschen zu versorgen?

„Stirbt der Bauer, stirbt das Land“ oder „Ist der Bauer tot, gibt es kein Brot“. Die Slogans der Landwirte bei ihren Demonstrationen sind drastisch zugespitzt. Sie werfen gleichzeitig aber auch Fragen auf. Wie ist es eigentlich um die Versorgungslage mit Lebensmitteln in Deutschland bestellt? Produzieren die Bauern alleine so viel, dass es für das ganze Land reichen würde?

Und droht tatsächlich eine Versorgungsknappheit, wenn viele Betriebe schließen müssen – so wie es auf zahlreichen Transparenten angedroht wird? Wer auf diese Fragen Antworten finden möchte, muss in die Statistik eintauchen.

Diese bietet ein gemischtes Bild. Schaut man sich den Selbstversorgungsgrad für verschiedene landwirtschaftliche Produkte an, stechen einige Kategorien ins Auge. Bei Kartoffeln und Zucker werden Werte von 150 beziehungsweise 153 Prozent erreicht, mehr als genug also. Auch beim Getreide, Fleisch und Milch sowie Milcherzeugnissen liegt der Selbstversorgungsgrad Deutschlands bei über 100 Prozent.

Gänzlich anders sieht es dagegen bei Obst und Gemüse aus – hier liegt der Selbstversorgungsgrad nicht einmal bei 50 Prozent. Dazu macht der Apfel gut Dreiviertel der gesamten in Deutschland produzierten Obstmenge aus. Für diese Werte gibt es mehrere Erklärungen. Einerseits die klimatischen Bedingungen: Viele Obstsorten lassen sich in Deutschland nicht oder nur zu bestimmten Zeiten oder bestimmten Regionen anbauen. Andererseits ist der Anbau von Obst und Gemüse vergleichsweise teurer, weshalb beispielsweise auf nur 0,8 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen überhaupt Gemüse angebaut wird.

Der Versorgungsgrad gibt zudem nicht direkt an, zu wie viel Prozent die Versorgung der Bevölkerung mit zum Beispiel Kartoffeln gedeckt ist. Er errechnet sich aus Anbau und Verbrauch. Zum Verbrauch zählen aber auch andere Zwecke als die Ernährung. Bei den Kartoffeln wurden so beispielsweise nur 68 Prozent für die Ernährung genutzt. Beim Getreide waren es nur 21 Prozent. Über die Hälfte wurde als Viehfutter eingesetzt.

Eine Versorgung der Bevölkerung nur mit heimischen Lebensmitteln scheint bei diesen Werten nicht unmöglich. Tatsächlich wäre sie nach Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) rein rechnerisch in den vergangenen zehn Jahren zu 90 Prozent möglich gewesen – ohne Futtermittel aus dem Ausland zu 83 Prozent, wie das ZDF berichtete.

Dabei muss man jedoch bedenken, dass es sich bei solchen Rechnungen um theoretische Werte handelt. Denn eine Ernährung, die sich hauptsächlich auf Kartoffeln, Fleisch und Milch stützt und kaum Obst und Gemüse kennt, wäre nicht die gesündeste Wahl.

Ob der gewaltigen Mengen an landwirtschaftlichen Produkten, die deutsche Bauern jährlich produzieren, überrascht es nicht, dass die Landwirtschaft auch viel Raum einnimmt. Etwas über die Hälfte Deutschlands wird für Landwirtschaft genutzt.

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