Osnabrück Deutsche Landwirtschaft kommt um Revolution nicht herum
Bauern und Politik liegen über Kreuz. Sie sollten die Grüne Woche zum Anlass nehmen, das Kriegsbeil zu begraben. Ernährungssicherheit muss kein Widerspruch zu Klima- und Tierschutz sein.
Die Internationale Grüne Woche gilt als Aushängeschild der deutschen Agrarwirtschaft. Einmal mehr werden die Landwirte dort zeigen, was sie können und für ihre heimischen, unter hohen Standards hergestellten Produkte werben. Die Leistungsschau, die am Donnerstagabend eröffnet wird, ist aber auch eine Gelegenheit, daran zu erinnern: So wie es ist, kann es nicht weitergehen. Die Bauernproteste der vergangenen Tage haben es auf den Punkt gebracht.
Dabei waren die geplanten Kürzungen beim Agrardiesel nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Tatsächlich ist der grundsätzliche Reformbedarf in der Landwirtschaft unübersehbar.
Die ordentlichen Gewinne der vergangenen Jahre vieler Betriebe können nicht über das anhaltende Höfesterben hinwegtäuschen. Viele Bauern verdienen zum Sterben zu viel, zum Leben aber zu wenig, so dass sie aufgeben müssen. Die Höfe, die zurückbleiben, werden immer größer – doch die Probleme wachsen mit.
So werden Ackerbau und Gemüseanbau beispielsweise künftig zunehmend unter klimatischen Veränderungen leiden, Extremwetterereignisse werden zur Bedrohung der Ernten.
Zudem gilt die intensive Bewirtschaftung von Äckern als Mitverursacher für das Schwinden der Artenvielfalt. Böden verlieren an Fruchtbarkeit. Verbraucher verlangen immer selbstbewusster nach Fleisch, bei dessen Produktion das Tierwohl berücksichtigt ist oder greifen auf pflanzliche Ersatzprodukte zurück. Auf all das werden die Bauern reagieren müssen.
Deutschlands Landwirtschaft hat aber nur dann eine gedeihliche Zukunft, wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Planerische Sicherheit für Investitionsentscheidungen und Finanzierungsinstrumente sind dafür zentral.
Mehr ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit wird es nur geben, wenn sie den unternehmerischen Interessen der Betriebe dient; es muss sich Geld damit verdienen lassen.
Die Zukunftskommission Landwirtschaft – Vertreter aus Landwirtschaft, Wirtschaft, Umwelt-, Natur-, Tier- und Verbraucherschutz sowie Wissenschaft – hat bereits 2021 Empfehlungen ausgearbeitet, die ökonomische, ökologische und soziale Interessen im Agrarbereich zusammenführen.
Bislang verstaubt das Papier in den Schubladen. Die Grüne Woche sollte den Gesetzgeber daran erinnern, sie endlich hervorzuholen. Landwirtschaftsminister Cem Özdemir hat mit dem Vorschlag für einen Tierwohl-Cent soeben den Anfang gemacht.