Schlagwort „Remigration“  Treffen zur „Remigration“ schlägt ein „wie eine Bombe“

Oliver Bär
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Von Oliver Bär
| 16.01.2024 18:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Teilnehmer einer Mahnwache rechter Gruppen stehen im Jahr 2016 mit einem Schild mit einem Logo der identitären Bewegung und der Aufschrift „Remigration Jetzt“ vor dem Bundeskanzleramt. Foto: von Jutrczenka/picture alliance/DPA/Archiv
Teilnehmer einer Mahnwache rechter Gruppen stehen im Jahr 2016 mit einem Schild mit einem Logo der identitären Bewegung und der Aufschrift „Remigration Jetzt“ vor dem Bundeskanzleramt. Foto: von Jutrczenka/picture alliance/DPA/Archiv
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Ein Treffen, bei dem auch über Remigration geredet wurde, beschäftigt nicht nur die Politik. Für Unruhe sorgt es auch unter den Migranten in Ostfriesland.

Ostfriesland - Nicht nur der Höhenflug der AfD bereitet so manchem Migranten und Deutschen mit Migrationshintergrund unruhige Nächte. Ein in der vergangenen Woche bekannt gewordenes Treffen in Potsdam, bei dem Martin Sellner, der frühere Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich, über „Remigration“ referieren durfte, beschäftigt nicht nur die Politik, sondern sorgt auch für zusätzliche Unruhe bei den möglicherweise Betroffenen.

„Das hat eingeschlagen wie eine Bombe“, berichtet Serhat Özdemir, Migrationsberater und Geschäftsführer der Türkisch-Deutschen Freundschaftsgesellschaft in Leer. Ein regelrechter Schockmoment sei diese Nachricht insbesondere für alteingesessene Deutsch-Türken gewesen, die teils sogar mit der AfD sympathisiert hätten. Die Älteren hätten teils befürchtet, mit kriminellen Machenschaften mancher jüngerer Migranten in einen Topf geworfen zu werden. Von der AfD hätten sie sich ein Mehr an Recht und Ordnung erhofft.

Angst vor Abschiebung ständiger Begleiter

Der SPD-Kommunalpolitiker Özdemir sieht in der Entwicklung eine Gefahr für das demokratische Deutschland heraufziehen – jenes Deutschland, das für ihn zur neuen Heimat geworden ist. Er hat einen deutschen Pass und seine türkische Staatsbürgerschaft abgegeben, wie andere auch. „Was sollen wir denn machen, wenn wir auf einmal abgeschoben werden? Wo sollen wir denn hin? Wo ist dann unsere Zukunft?“, fragt er.

Die Angst vor der Abschiebung sei bei vielen Migranten afrikanischer Herkunft ein nahezu ständiger Begleiter – immer und überall, sagt Ali Kone, Vorsitzender des Vereins Afrikanische Diaspora Ostfriesland, im Gespräch mit unserer Redaktion. Einzig jene, die gerade erst angekommen und froh seien, überhaupt ihr Leben gerettet zu haben, seien noch unbeeindruckt von den aktuellen Diskussionen. Jenen jedoch, die sich integriert hätten, die jetzt arbeiten und ihre Kinder in Kita oder Schule schickten, seien zutiefst besorgt.

Findet rechtes Gedankengut ein „Echo in der Gesellschaft“?

Über den gefühlten Anstieg der Fremdenfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft habe er erst jüngst mit einem gut integrierten Freund afrikanischer Abstammung gesprochen. Für den studierten Mann verflüchtige sich derzeit die Hoffnung auf eine neue Chance, auf ein Leben und eine Zukunft für sich und seine Kinder, deren Ausbildung und deren Zukunft er mittlerweile bedroht sehe. „Wir sind unendlich traurig“, habe er im Gespräch gesagt.

Die AfD an sich ist für Michael Wagner, den Vorsitzenden des Sinti-Vereins Ostfriesland, nicht das, was ihn bedrückt. Vielmehr fürchtet er, dass das rechte Gedankengut ein Echo in der Gesellschaft findet. „Dann wird es schwierig, nicht nur für die Sinti und Roma. Worte, die vor einigen Jahren noch unsagbar waren, werden heute wieder deutlich ausgesprochen und von einem Teil der Allgemeinheit akzeptiert. Das bereitet mir Sorge.“

„Deutschland ist unsere Heimat“

Dabei seien die deutschen Sinti seit 600 Jahren im deutschsprachigen Raum ansässig. Er selbst sei in Leer geboren. „Wohin wollen die mich abschieben? In meine Heimat, nach Ostfriesland? Diese Tatsache sei vielen Deutschen wohl nicht bekannt. Nur so ließen sich die vielfältigen Diskriminierungen erklären, mit denen Sinti in Deutschland immer wieder konfrontiert würden. „Dabei ist Deutschland unsere Heimat.“

Gelassen blickt hingegen Albert Tovmasyan, Sprecher der armenischen Gemeinschaft in Leer, auf die AfD und Pläne zur „Remigration“. „Ich glaube nicht, dass so etwas funktioniert. Wer einen deutschen Pass hat, der kann nicht einfach abgeschoben werden.“ Er selbst halte die Einstellung der AfD gar nicht so für verkehrt. „Migranten, die nicht arbeiten wollen, haben hier nichts zu suchen. Das ist schon richtig.“

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