Emder Energieversorgung  So geht es den Stadtwerken und so erklärt sich der Energiepreis

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 17.01.2024 12:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Stadtwerke in Emden haben ein risikoscheues Beschaffungsmodell für Energie. Foto: Stadtwerke
Die Stadtwerke in Emden haben ein risikoscheues Beschaffungsmodell für Energie. Foto: Stadtwerke
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Zum 1. Januar ist der Strompreis bei den Emder Stadtwerken gestiegen. Der Gaspreis ist zwar gesunken, aber immer noch relativ hoch. Was ist los? Wir haben mit Stadtwerke-Chef Jens Gieselmann gesprochen.

Emden - Die Strompreise sind zum 1. Januar 2024 gestiegen, der Gaspreis ist zwar im Vergleich zum Vorjahr gesunken, aber schaut man zu einigen anderen Energieversorgern, ist er immer noch relativ hoch: Was ist los bei den Emder Stadtwerken?

Wir haben mit Geschäftsführer Jens Gieselmann über die Preisentwicklung für dieses Jahr sowie die voraussichtliche für 2025 gesprochen. Auch erklärt er, wie es um die Wirtschaftlichkeit des städtischen Versorgers gestellt ist. Leserinnen und Leser hatten sich verunsichert bei dieser Zeitung gemeldet und gefragt, ob nach der Bekanntmachung der neuen Preise eine Kündigungswelle bei den Stadtwerken erfolgt sei und wie es um die Zukunft stehe.

Jens Gieselmann ist seit Januar 2023 Geschäftsführer der Emder Stadtwerke. Foto: Stadt Emden
Jens Gieselmann ist seit Januar 2023 Geschäftsführer der Emder Stadtwerke. Foto: Stadt Emden

Der Kundenandrang

„Ja, wir hatten einen sehr großen Kundenandrang im Kundencenter“, sagt Jens Gieselmann. „Wir haben dort sehr viele Gespräche geführt, weil Kunden auch sehr viel bei uns nachgefragt haben: Welcher Tarif ist für mich der beste? Welche Abschläge muss ich jetzt anpassen?“

Es habe schlicht viel Beratungsbedarf gegeben. „Das hat sich natürlich seit dem Verschicken der Preisanpassung [am 16. November] bis zum Jahresende kontinuierlich mit einem hohen Kundenaufkommen niedergeschlagen“, erklärt er.

Seit der Preisanpassung haben viele Kunden fragen an ihrer Stadtwerke. Foto: Hanssen
Seit der Preisanpassung haben viele Kunden fragen an ihrer Stadtwerke. Foto: Hanssen

Die Kündigungen

„Ja, wir haben auch Kunden verloren, aber: Es bewegt sich in einem moderaten Bereich“, so der Stadtwerke-Chef. Er spricht von einem einstelligen Prozentbereich. Konkreter wird er nicht. Das heißt, es könnten zwischen null und neun Prozent Kündigungen geben. Im Juli 2022 hatten die Stadtwerke rund 26.000 Kunden, wie Stadtwerke-Sprecher Andreas Polle damals mitteilte.

Selbst wenn man mit moderaten Kundenverlusten arbeite, habe man im Rahmen der vorvergangenen Jahre deutlich Kunden dazugewonnen, erklärt Gieselmann aktuell. Und dieser Kundenzuwachs, den man vorher gewonnen habe, sei nun „leicht abgeschmolzen“. „Daher steht die Frage nach wirtschaftlichen Konsequenzen für uns überhaupt nicht im Raum“, sagt er.

Das Beschaffungsmodell der Stadtwerke

Die Emder Stadtwerke, wie viele kommunale Energieversorger, habe ein sehr „risikoscheues Beschaffungsmodell“, erklärt Jens Gieselmann. Das heißt: Statt an einem Stichtag Ende des Jahres die gesamte Menge an Gas und Strom für das kommende Jahr einzukaufen, kaufen die Emder Stadtwerke innerhalb von zwei Jahren kontinuierlich jeden Tag ein bisschen für ein Belieferungsjahr ein. Dazu noch Tranchen. Für 2024 wurden die Energiemengen also Stück für Stück in den Jahren 2022 und 2023 eingekauft. Damit soll verhindert werden, dass man an einem einzigen Einkaufstag einen sehr hohen Energiepreis haben könnte. Verteilt man den Kauf über zwei Jahre, so der Plan, hat man am Ende eine stabile Durchschnittssumme beziehungsweise einen „durchschnittlichen Marktpreis“.

Unter anderem damit wollen die Stadtwerke Emden punkten: persönliche Kundenberatungen vor Ort. Foto: Hanssen
Unter anderem damit wollen die Stadtwerke Emden punkten: persönliche Kundenberatungen vor Ort. Foto: Hanssen

„Es ist kein Fehleinkauf oder eine fehlerhafte Einschätzung des Marktes gewesen, sondern immer ein kontinuierliches Dabei-Bleiben an den Marktpreisen“, erklärt Gieselmann. Ihre Kunden würden auch ein risikoscheues, sicheres Handeln von ihren Stadtwerken erwarten und kein „Harakiri“. Für das Jahr 2023 habe man, weil die Energiepreise Anfang 2021 noch günstiger waren, vergleichsweise günstige Preise anbieten können.

Das Beschaffungsmodell anderer Versorger

Andere Versorger kaufen dann Energie ein, wenn sie wissen, welche Mengen an Energie sie für das kommende Jahr brauchen, erklärt Gieselmann. Meistens erfolgt das Ende des Jahres. „Das hat Ende 2022/Anfang 2023 dazu geführt, dass diverse Anbieter pleite gegangen sind, weil sie nicht die risikoscheue Politik gefahren sind.“ Sie waren plötzlich mit enormen Preisen konfrontiert. Gleichzeitig heißt das auch: Entspannt sich der Energiemarkt zum Ende eines Jahres können sie in dem Moment günstiger einkaufen als bei dem langfristigen Prinzip. „Das geht für dieses Jahr auf, in den vorvergangenen Jahren war das aber nicht so“, sagt Gieselmann.

Durch die unterschiedlichen Beschaffungsmodelle der Versorger könne sich aufgrund der starken Schwankungen im Energiemarkt, die es insbesondere seit Beginn des Kriegs in der Ukraine gebe, eine große Kluft auftun. Diese „Spreizung“, wie Gieselmann es nennt, habe es in den vergangenen Jahrzehnten in dieser Form so noch nicht gegeben. Durch politische Krisen merke man auch weiterhin Impulse an den Energiemärkten immer dann, wenn in den betroffenen Ländern Energielieferanten betroffen sein könnten. Beruhige sich die Situation oder werden die Energiemärkten unabhängiger von den Krisen, dann schließe sich auch die Kluft, so Gieselmann.

Andere Anbieter am Markt mit einem „relativ hohen Kundenbestand“ unterschieden außerdem zwischen Bestands- und Neukundenpreis. Die Bestandskunden zahlen meist deutlich mehr. Man müsse als Neukunde also genau hinsehen, wie die Vertragsbedingungen in den Folgejahren sind.

Der Stadtwerke-Energiepreis für 2025

Für das kommende Lieferjahr 2025, für das die Stadtwerke ja bereits 2023 angefangen haben, sich einzudecken, könne Jens Gieselmann jetzt schon eine vorsichtige Prognose abgeben. Man sei jetzt schon auf einem deutlich niedrigeren Preisniveau, als es das in der Einkaufszeit für das Jahr 2024 war. „Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht gravierend verändern, kann ich jetzt schon sagen, wird der Preis nach unten gehen“, sagt er.

Das setze aber voraus, dass die politische Kulisse sich nicht weiter verschlechtere: der Nahost-Konflikt, schwierige Gaslieferungen durchs Rote Meer, die Wahl in Taiwan und Reaktionen aus China. „Was passiert weltwirtschaftlich und welches Ereignis hat dann noch Auswirkungen auf die Energiepreise?.“ Diese Frage sei entscheidend.

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